Stand: 19.01.2017 09:55 Uhr

SoLawi-Gemüse: Ernteanteil statt Einkaufszettel

von Angela Weiß

Per Handschlag begrüßt Wolfgang Gerull jeden einzelnen Besucher der Jahreshauptversammlung der Solidarischen Landwirtschaft (SoLawi) Nordheide. "Wir haben hier eine ganz bunte Mischung, das ist das Tolle. Ganz egal, was man sonst so im Leben treibt, hier bei der SoLawi sind wir alle gleich. Wir sind alle Landwirte", erzählt der 64-Jährige. Der Erste Vorsitzende freut sich über rund 30 neue Mitglieder - und es sollen noch mehr werden. "Hoffentlich bekommen wir da überhaupt noch einen Salat ab", ruft eine Frau aus dem Publikum.

Kosten des Betriebs werden geteilt

Das Grundprinzip der Solidarischen Landwirtschaft basiert auf der Teilung der jährlichen Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs. Zu Beginn eines neuen Wirtschaftsjahres kalkuliert der Landwirt seine Ausgaben für das anstehende Jahr. Darin eingeschlossen: neue Investitionen, Personal- und Reparaturkosten sowie alle Produktions- und Anbaukosten. Mit dem Kauf sogenannter Ernteanteile übernehmen die Mitglieder der SoLawi jeweils einen Teil der Gesamtkosten. Als Gegenleistung erhalten sie dafür ein Jahr lang wöchentlich die frischen Produkte des Hofes, die sie an den verschiedenen Verteilstationen abholen können. Geliefert wird jedoch nicht eine immer gleiche Produktpalette - in der Erntekiste befindet sich das, was gerade reif ist.

Ein Hektar Fläche für die SoLawi

Seit ihrer Gründung im Januar 2015 kooperiert die SoLawi Nordheide mit Landwirt Matthias Keßler vom BioHof Quellen in Wistedt (Landkreis Harburg). Rund einen Hektar Anbaufläche stellt der 45-Jährige zum Gemüseanbau zur Verfügung. Seit über zehn Jahren betreibt der Landwirt zusammen mit seiner Frau Corinna den Bio-Hof auf einer Fläche von insgesamt 200 Hektar.Hier leben 150 Rinder, dazu kommen Enten, Gänse und Schweine. Keßlers Kerngeschäft ist die Fleischproduktion. Trotzdem sieht er die 2015 gestartete Erweiterung durch den Gemüseanbau der SoLawi Nordheide als große Bereicherung. "Natürlich gibt es auch Betriebe, die zu 100 Prozent SoLawi sind und sich komplett darauf ausgerichtet haben. Das funktioniert durchaus, wichtig ist jedoch eine realistische Herangehensweise."

Verdoppelung der Anteile geplant

Im vergangenen Jahr war der Ernteertrag der SoLawi Nordheide in 47 Ernteanteile unterteilt, dahinter stehen rund 100 Personen. Für die kommende Saison ist eine Verdoppelung der Ernteanteile geplant. Dieses ambitionierte Ziel ist laut dem Vorsitzenden Gerull durchaus erreichbar. "Das ist gar kein Problem, die Nachfrage ist bei uns sehr hoch. Trotzdem kann man nicht ewig wachsen. Irgendwann ist Schluss, ansonsten wird es zu anonym", so Gerull. Die wirtschaftlichen Kosten für das anstehende Jahr liegen nach der neuen Kalkulation bei rund 70.000 Euro. Bei den angestrebten 100 Ernteanteilen ergibt das einen jährlichen Durchschnittsbeitrag von 700 Euro pro Ernteanteil.

In Bieterrunde Betrag frei wählen

So unterschiedlich die Mitglieder der SoLawi Nordheide sind, so verschieden sind allerdings auch die finanziellen Möglichkeiten. Für eine Mitgliedschaft in der SoLawi ist das kein Hindernis. Die Mitglieder können sich entweder für den Durchschnittsbeitrag entscheiden oder aber in einer sogenannten Bieterrunde einen frei gewählten Beitrag angeben. "Natürlich sollte dieser angemessen sein und nicht völlig aus dem Rahmen fallen. Innerhalb dieser Grenzen haben wir Spielraum, der eine gibt etwas mehr, der andere etwas weniger - Hauptsache, die Gesamtsumme stimmt am Ende", erklärt Wolfgang Gerull. In der Regel liegen die Unterschiede meist bei 100 bis 150 Euro. Die wöchentliche Gemüsemenge pro Ernteanteil ist trotz der unterschiedlichen Beiträge gleichbleibend.

Budget zu zwei Dritteln erreicht

Seit November können Online-Gebote abgegeben werden, das Budget für das kommende Jahr ist bereits zu zwei Dritteln erreicht. Der verbleibende Restbetrag soll bis zum 1. Februar einlaufen. Sollte dieses Ziel verfehlt werden, kommt es zu einer zweiten Bieterrunde, um die Lücke zu schließen. Eine andere Möglichkeit wäre, die bereits geplanten Investitionen nochmals zur Diskussion zu stellen. Sie betragen in diesem Jahr 48.000 Euro.

Mitglieder wünschen sich Mangold und Mairüben

In seinem Anbauplan präsentiert Gemüsebauer Cody Jolly mit über 40 verschiedenen Produkten eine enorme Vielfalt. "Ich bin trotzdem offen für eure Wünsche, meldet euch gerne, falls wir etwas vergessen haben", so der gebürtige Amerikaner. Das lassen sich die anwesenden Mitglieder nicht zweimal sagen: Gewünscht sind mehr Petersilie und Meerrettich, auch über Mairüben und Mangold wird diskutiert. Jollys Anbauplan ist für 250 Personen ausgelegt.

123 Betriebe in Netzwerk organisiert

Die SoLawi Nordheide ist eine von 123 SoLawi-Betrieben in Deutschland, die sich im bundesweiten Netzwerk Solidarische Landwirtschaft organisiert haben. Über eine dort geschaltet Stellenanzeige ist Cody Jolly von Kassel nach Wistedt gekommen und von Landwirt Keßler für die neue Saison als Gemüsebauer angestellt worden. "Es ist gar nicht so einfach, geeignete Mitarbeiter zu finden. Bei der SoLawi muss absolut zuverlässig gearbeitet werden, es wird auch immer viel diskutiert, das ist nicht jedermanns Sache", sagt Keßler.

Mitglieder können bei Ernte helfen

Der Gemeinschaftsgedanke, die Arbeit und das Denken in Netzwerken steht bei der SoLawi Nordheide im Vordergrund. Alle Entscheidungen werden gemeinsam getroffen und Synergien genutzt. "Was wir brauchen, sind Talente und Leute vom Fach. Seid ihr fit in Technik und IT? Dann meldet euch für die Entwicklung unserer Ernte-App", sagt Gerull seinen Mitgliedern. Zusätzlich können die auch selber aktiv werden und die Landwirte auf dem Feld und bei der Ernte unterstützen. "Die Beteiligung ist ganz unterschiedlich: Manche sind immer da, bei Wind und Wetter, ganz egal. Andere siehst du nie. Aber auch die sind selbstverständlich Teil unserer Gemeinschaft."

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 25.01.2017 | 19:30 Uhr