Überreste eines Jüdischen Tempels. © picture alliance/dpa Foto: Tim Vogel

Hamburger Senat rettet jüdische Tempel-Ruine in der Neustadt

Stand: 11.12.2020 13:42 Uhr

Die Stadt Hamburg hat die Überreste des ehemaligen jüdischen Tempels in der Poolstraße in der Neustadt gekauft. Jetzt sollen dort ein Erinnerungsort aber auch Wohnungen entstehen.

von Daniel Kaiser

Mit dem Kauf endet eine jahrelange Hängepartie. Kultursenator Carsten Brosda (SPD) sieht die Chance, dass in der Neustadt nun ein lebendiger, öffentlicher Ort entsteht, an dem Menschen wohnen und zusammenkommen, leben und erinnern können. Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) spricht von einem deutlichen Zeichen: "Jüdisches Leben ist ein fest verwobener Bestandteil auch des gegenwärtigen und zukünftigen Zusammenlebens in Hamburg". Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.

Wurzel des liberalen Judentums

Seit vielen Jahren ist der Ort im Hinterhof der Poolstraße 12 eine Ruine und vom Verfall bedroht. Es stehen nur noch einige Mauerreste. Die ursprüngliche Architektur kann man aber noch erkennen. Der Tempel aus dem Jahr 1844 war das erste Gotteshaus einer eigenständigen liberalen jüdischen Gemeinde in Deutschland. Revolutionär und neu war damals unter anderem die Musik mit Chor und einer eigenen Orgel. Der Tempel wurde bis 1932 für Gottesdienste genutzt. Danach zog die Gemeinde in die Oberstraße am Rothenbaum. Im Jahr 1937 musste die Gemeinde das Gebäude unter Wert verkaufen. Das Tempelgebäude wurde im Zweiten Weltkrieg durch eine Fliegerbombe weitgehend zerstört.

„Jüdische Geschichte in der Innenstadt wieder sichtbar machen“

Seit Jahren kämpfen Aktivisten für den Erhalt dieses historischen Ortes. Für Miriam Rürup vom Verein TempelForum ist der Kauf ein wegweisender Schritt. "Hamburg hat jetzt die einmalige Chance, ein Kleinod der innerstädtischen jüdischen Topographie wieder sichtbar werden zu lassen", sagte Rürup. Wie genau Wohnen und Erinnern zusammengehen könnten und wie der historische Ort würdig in einen Neubau eingebettet werden kann, will der Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen (LIG) jetzt in einem Nutzungskonzept erarbeiten.

Historische Verantwortung

Nach Worten von Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) ist es das Ziel, jüdisches Leben in Hamburg wieder stärker sichtbar und erlebbar zu machen. Dazu gehöre neben dem Wiederaufbau der orthodoxen Bornplatz-Synagoge und der Sanierung des Trauerhauses auf dem jüdischen Friedhof nun auch die Rettung dieses historischen Ortes des liberalen Judentums. "Es ist die dritte wichtige Entscheidung, die auch unserer historischen Verantwortung gerecht wird", sagte Dressel.

Weitere Informationen
Jüdischer Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf. © NDR Foto: Peter Feder

Jüdischer Friedhof in Ohlsdorf wird saniert

1,5 Millionen Euro investiert die Stadt, auch aus dem Corona-Hilfsprogramm. Der Bund beteiligt sich ebenfalls mit Millionen. (09.12.2020) mehr

Die Initiatoren und Unterstützer für den Wiederaufbau der Hamburger Bornplatz-Synagoge stehen mit einem Transparent mit der Aufschrift "Die Bornplatz-Synagoge kommt!" vor dem Reichstagsgebäude. © picture alliance / dpa Foto: Kay Nietfeld

Synagoge: Bundesmittel für Wiederaufbau freigegeben

Das hat der Haushaltsausschuss beschlossen. Der Bund und Hamburg sollen jeweils 65 Millionen Euro übernehmen. (27.11.2020) mehr

Eine Tora-Krone steht bei einer Zeremonie zur feierlichen Übergabe an die Jüdischen Gemeinde auf einem Tisch vor einem Plakat mit einem historischen Foto der Bornplatz-Synagoge. © picture alliance / dpa Foto: Christian Charisius

Jüdische Gemeinde in Hamburg bekommt Tora-Krone wieder

82 Jahre nach der Reichspogromnacht hat die Jüdische Gemeinde die original Silberkrone ihrer Tora wiedererhalten. (09.11.2020) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 11.12.2020 | 17:00 Uhr