Kulturjournal Spezial

Denkmal: Bismarck bewegt Hamburg

Mittwoch, 22. Juli 2020, 20:00 bis 21:00 Uhr

Das Bismarck-Denkmal im Hamburger Stadtteil St. Pauli. © NDR Foto: Heiko Block

Bismarck bewegt Hamburg

Sendung: Kulturjournal Spezial | 22.07.2020 | 20:00 Uhr | von Daniel Kaiser

Die Diskussion über das XXL-Denkmal am Hafen hat an Fahrt aufgenommen. Im Kulturjournal Spezial kommen verschiedene Stimmen im Streit um die Bismarck-Statue zu Wort.

Die Diskussion über das XXL-Denkmal am Hafen hat an Fahrt aufgenommen. Die einen fordern, den Kopf der Statue abzumontieren. Andere wollen aus Bismarck einen Jedi-Ritter mit Lichtschwert machen. Wieder andere sehen in Bismarck einen Nationalhelden. Sie wollen, dass nach der Sanierung des mit 34,3 Metern größten Bismarck-Denkmals der Welt von 1906 alles so bleibt, wie es ist. Das NDR 90,3 Kulturjournal Spezial hat Stimmen in der aufgeheizten Diskussion gesammelt.

Hentschel: Der kopflose Bismarck

Der evangelische Pastor Ulrich Hentschel. © Ulrich Hentschel
Ein kopfloser Bismarck wie damals, im Jahr 1906, lautet der Vorschlag des evangelischen Pastors Ulrich Hentschel.

Der kopflose Bismarck ist wahrscheinlich der Vorschlag, der in den vergangenen Wochen die heftigsten Reaktionen hervorgerufen hat. Er kommt von Pastor Ulrich Hentschel, der sich seit Jahrzehnten für Gedenkkultur in Hamburg engagiert. "Man könnte die Szene wiederholen, die sich kurz vor der feierlichen Einweihung des Denkmals 1906 abgespielt hat", erklärt Hentschel. "Da wurde der große Kopf des Herrn Bismarck in einem Pferdefuhrwerk von Altona zum Denkmal gebracht und dann draufgesetzt. Warum nimmt man diesen Kopf nicht wieder herunter, setzt ihn auf einen in Stein gemeißelten Pferdewagen - diesmal sozusagen auf dem Rückweg - und konfrontiert ihn mit den Schattenseiten der Politik Bismarcks?".

Denkmal-Debatte: "Brandgefährliche Entwicklung"

Bismarck sei elementarer Bestandteil der europäischen und deutschen Geschichte, widerspricht der kulturpolitische Sprecher der AfD-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft Alexander Wolf. "Der Reichskanzler ist Architekt der Deutschen Einheit. Wer ihn angreift, der greift die deutsche Einheit an." Man erlebe eine linksideologische und geschichtsvergessene Bilderstürmerei, die gestoppt werden müsse, so Wolf weiter. "Es ist eine brandgefährliche Entwicklung. Wo soll dieser Wahnsinn noch hinführen?".

Brosda: Störgefühl ist nötig

Carsten Brosda zu Gast bei NDR 90,3. © NDR Foto: Alexander Dietze
Kultursenator Carsten Brosda plant, dass nach der Sanierung des Bismarckdenkmals ein "Störgefühl" geschaffen wird.

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) ist dagegen davon überzeugt, dass nach der derzeitigen Sanierung für neun Millionen Euro ein anderer Blick auf das größte Bismarck-Denkmal der Welt nötig sei. Er hat einen Beteiligungsprozess und einen künstlerischen Wettbewerb angekündigt, der ausloten soll, wie man die komplexe Geschichte der Person Bismarcks und des Denkmals sichtbar machen kann. "Wie erzeugen wir das notwendige Störgefühl an dieser Stelle, damit jeder, der da vorbeigeht, nicht einfach ungerührt weitergeht, sondern weiß, dass es hier etwas gibt, mit dem er sich auseinandersetzen muss."

Möge die Macht mit uns sein!

Nicht nur Politiker und Historiker diskutieren über das Bismarck-Denkmal. Auch der Hamburger Notar Jens Jeep hat mit seinem Vorschlag für ein Störgefühl bundesweit für Aufsehen gesorgt. Er möchte aus dem Schwert Bismarcks ein Lichtschwert machen, es mit LED-Lampen mit verschiedenen Farben beleuchten. Dem Vorwurf, sein popkultureller Vorschlag sei eine Disneyfizierung der ernsten Diskussion, entgegnet Jeep, man könne so leichter und vor allem weniger konfrontativ, weniger verbissen und weniger persönlich kränkend über deutsche Geschichte diskutieren. "Wir stehen bei Denkmälern immer und zwingend vor einer Abwägung: Die Reinheit der Deutung auch um den Preis der Bedeutungslosigkeit?" Von solchen Verfremdungen des Denkmals hält Eckard Graage, der kulturpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion in der Bürgerschaft nichts. "Dieses Denkmal ist damals so aufgestellt worden, und so sollte man es auch behalten und versuchen, es zu erklären." Museen könnten nicht genug geben, sagt Graage.

Neuartiges Denkmal

Der vielleicht wichtigste Experte für das Hamburger Bismarck-Denkmal ist Jörg Schilling, der über die Statue und ihre Geschichte promoviert hat. "Es ist kein übliches Bismarck-Denkmal", sagt Schilling. Es unterscheide sich deutlich von den hunderten anderen, die im ganzen Land stehen und Bismarck mit Pickelhaube und Säbel zeigen. "Davon wollte man weg, denn es es galt als überkommen und langweilig." Deshalb habe man mit dem als barhäuptigen Ritter stilisierten Reichskanzler einen neuen künstlerischen Ausdruck gefunden, dessen Entwürfe damals auch international großen Anklang gefunden hätten. Schilling findet das Denkmal "politisch unsympathisch", lehnt aber radikale Forderungen nach dessen Zerstörung ab. Er wartet gespannt auf die Ergebnisse des von der Kulturbehörde initiierten Wettbewerbs.

Denkmal: Schiefe Botschaft über Bismarck

Man könnte durchaus von einem geschichtspolitischen Phallussymbol sprechen, das da im Alten Elbpark steht, sagt der Hamburger Historiker Tillmann Bendikowski. Kein Hohenzollern-Herrscher habe damals von den Hamburgern ein Denkmal dieser Größe gefordert. Die Hamburger hätten eine eigene Agenda mit dieser Riesenstatue verfolgt. "Es gab große Kolonialinteressen hier in Hamburg. Und so hat dieses Denkmal die historisch leicht schiefe Botschaft, Bismarck habe diesen Kolonialbesitz gefordert und letztlich auch bekommen. Bismarck war aber nicht der Kolonialherr erster Stunde. Da gab es in der deutschen Geschichte ganz andere - auch in Hamburg."

Moderation: Daniel Kaiser

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