Stand: 22.07.2018 15:27 Uhr

Feuersturm Hamburg: Zeitzeugen erinnern sich

von Petra Volquardsen

Wer heute noch von der "Operation Gomorrha" und dem Hamburger Feuersturm erzählen kann, hat die Ereignisse vor 75 Jahren als Kind oder junger Erwachsener erlebt.

Zeitzeugin des Hamburger Feuersturms Agnes Nau © NDR

Agnes Nau: Ein Erdloch rettete uns das Leben

NDR 90,3 - Kulturjournal -

Agnes Nau war drei Jahre alt, als ihre Familie im Juli 1943 in Rothenburgsort ausbebombt wurde. Ein vom Vater ausgehobenes Erdloch schützte die Familie während der Luftangriffe.

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"Ich hab einen Schutzengel gehabt"

"Es brannte überall. Es war wirklich die Hölle", erinnert sich Helga Hunter. In der verheerenden Bombennacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 ist sie in der Spaldingstraße in Hammerbrook unterwegs. Auf der Suche nach ihrer Familie irrt die damals 16-Jährige orientierungslos durch die Straßen, sieht Menschen, die im flüssigen Asphalt stecken bleiben, verkohlte Leichen. "Ich hab einen Schutzengel gehabt. Sonst wäre ich da sicher nicht rausgekommen", erzählt die heute 91-jährige Dame.

"Dachten, wir hätten letzte Sekunden erlebt"

Rolf Arnold erlebt die "Operation Gomorrha" als Elfjähriger im Stadtteil Harvestehude. An der Schlankreye sitzt er im Keller, während direkt vor und hinter dem Wohnhaus Sprengbomben einschlagen: "Wir haben im Keller richtig gemerkt, wie sich das Haus zur Seite neigte. Wir dachten, wir hätten die letzten Sekunden unseres Lebens erlebt."

"So etwas vergisst man nicht"

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Lore Bünger ist bis heute als Zeitzeugin aktiv. Zum 75. Jahrestag der Katastrophe hat sie gerade wieder Altonaer Schülern davon erzählt.

"Es war alles schwarz", erinnert sich Lore Bünger, damals 20 Jahre alt. In der Angriffsnacht hilft sie, in Ottensen ein Haus in der Nachbarschaft zu löschen - bevor es kein Wasser mehr gibt. Am Tag nach der Bombardierung Altonas trägt sie ihr Fahrrad über die Trümmer in der Großen Bergstraße.

Die Trümmer werden Teil des Alltags

Günther Aulerich und Agnes Nau sind noch kleine Kinder - erst sieben und drei Jahre alt -, als die Bomben auf Rothenburgsort fallen. Vor drohenden Luftangriffen bringt der Vater Agnes und ihren Bruder in den Kleingarten: "Er hat ins Erdreich rein eine große Grube ausgehoben, da haben wir Kinder geschlafen. Die Nachbarn haben gelacht und gesagt, der baut sich sein eigenes Grab. Aber anderen sind die Holzlauben um die Ohren geflogen." Nach dem Krieg gehören die Trümmer für Agnes Nau und ihre Mitschülerinnen zum alltäglichen Hamburger Stadtbild dazu.

Erfahrungen, die für das ganze Leben prägen

Ob das damals Erlebte die Sicht aufs Leben beeinflusst hat? "Was Krieg angeht, auf alle Fälle", sagt Rolf Arnold. Für ihn steht fest: "Dass man alles vermeiden muss, was dazu führt, dass wieder solche Situationen kommen, die im Krieg enden können."

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Den Bunker, in dem Günther Aulerich und seine Eltern überlebten, gibt es noch. "Als wir nach draußen kamen, hat mein Vater mir die Augen verbunden, damit ich die vielen Leichen nicht sehe."

Wie auch andere Zeitzeugen hat Rolf Arnold seine Erinnerungen aufgeschrieben und dadurch, wie er sagt, alles auch ein Stück weit verarbeitet: "Wir hätten damals zweifellos eine Therapie gebraucht. Genau wie jetzt die Leute, die aus Syrien kommen. Aber wir waren Millionen."

Agnes Nau und Günther Aulerich leben mittlerweile in Wilhelmsburg und auf der Veddel. Rothenburgsort, dem Stadtteil, in dem sie als Kinder gelebt haben, sind beide bis heute eng verbunden. Und auch diesmal sind sie wieder beim alljährlichen Feuersturm-Gedenken der dortigen St. Thomas Gemeinde mit dabei.  

Menschen und Bilder - die Zeugen der Zeit  

Videos
01:39

20.000 versteckte Zeitdokumente

Uwe Petersens Schwiegervater dokumentierte 1943 die Kriegsschäden in Hamburg mit der Kamera. Dem Befehl, die rund 20.000 Fotos nach dem Krieg zu vernichten, widersetzte er sich. Video (01:39 min)

Wie sah es damals in Hamburg aus, unmittelbar nach den verheerenden Bombenangriffen? Fotos können zumindest einen vagen Eindruck davon vermitteln. Allerdings gibt es nur wenige Aufnahmen aus dieser Zeit. Privatpersonen ist es damals streng verboten, zu fotografieren. Die nationalsozialistische Führung will um jeden Preis verhindern, dass die Menschen anderswo in Deutschland oder gar der Feind erfahren, wie groß die Schäden der Bombardierung tatsächlich sind.  

Umso wertvoller ist die Bilder-Sammlung, die Uwe Petersen von seinem Schwiegervater geerbt hat: Andreas Werner ist während des Krieges und danach Polizeibeamter in Hamburg. Nach den ersten Luftangriffen auf die Stadt erhält er den dienstlichen Auftrag, die Bombenschäden zu dokumentieren. Zehntausende Fotos entstehen. Kurz vor Ende des Krieges versteckt er die Fotos, die er eigentlich vernichten soll. So bleiben sie als seltene Zeitdokumente erhalten. Die Feuersturm-Schäden, auf Zelluloid gebannt.

Weitere Informationen

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25 Bilder

Feuersturm-Schäden auf Zelluloid gebannt

Nach den Luftangriffen auf Hamburg 1943 fotografiert Polizist Andreas Werner die Bombenschäden. Es sind rare Zeitzeugnisse, denn Privatleuten war das Fotografieren verboten. Bildergalerie

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 27.07.2018 | 19:10 Uhr