Stand: 27.02.2019 17:22 Uhr

"Das höchste Gut ist unsere Glaubwürdigkeit"

Kristine Jansen, Leiterin der Landespolitik bei NDR 90,3, und Andrea Luksch, Leiterin des Investigativ-Team im Landesfunkhaus sprechen über Vertrauen und exklusive Geschichten.

Ein Gespräch mit Kristine Jansen, Leiterin der Landespolitik bei NDR 90,3, und Andrea Luksch, Leiterin Investigativ-Team im Landesfunkhaus Hamburg, über Vertrauen, exklusive Geschichten und den Auftrag, hinter die Dinge zu schauen.

NDR.de: Sie begleiten das Geschehen in der Stadt auf verschiedene Weise. Was ist Ihnen wichtig?

Andrea Luksch: Wir wollen keinen Terminjournalismus machen. Wichtig sind uns selbstgesetzte Themen. Daher bilden wir Rechercheteams gemeinsam mit den Hörfunkern und den Onlinern, weil ja jeder seine eigenen Kontakte hat. Wichtig bei der Recherche ist, dass wir unsere Quellen genauestens durchleuchten und immer alles 150-prozentig prüfen und absichern.

Kristine Jansen: Das ist ja das Schöne, wir leben und arbeiten in einem Stadtstaat und haben für jeden Bezirk eine Kollegin oder einen Kollegen. Denn nicht alles - ich spreche jetzt für die Landespolitik - spielt sich im Rathaus ab. Deshalb schauen wir gerne hinter jede Fichte. Wir sichten unheimlich viel Material, schauen uns Kleine Anfragen in der Bürgerschaft an. Wir gucken uns an, welche Themen die Bürgerschaft hat. Wir gehen zu Hintergrundgesprächen und jede Woche in Ausschüsse. Und wir sind die Einzigen, die bis zum Schluss in jeder Bürgerschaftssitzung bleiben. Wir versuchen auch bei Themen, die gerade Konjunktur haben, besonders nah dran zu sein und uns vor ein Thema zu setzen.

NDR.de: Und wie setzt man sich vor ein Thema?

Jansen: Recherche, Kenntnisse, Kontakte - immer wieder nachfragen. Das funktioniert nur mit einem enormen Netz an Kontakten und mit Spezialisten auf unserer Seite, die sich in ihrem Gebiet sehr gut auskennen und auch von außen als gleichberechtigte und unabhängige Gesprächspartner wahrgenommen werden. Wenn man eine gute Nase für Themen hat und sich nicht scheut, am Ball zu bleiben, dann kommen die Themen zu einem.

Luksch: Das ist bei der investigativen Recherche ähnlich. Es ist in der Tat ein großer Vorteil, dass wir noch mit zuständigen Fachressorts arbeiten. Wir haben Kontakte in unterschiedliche Bereiche und die Menschen kennen einen im NDR. Sie vertrauen uns. Daher bekommen wir auch vertrauliche Informationen zugespielt und können über den Terminjournalismus hinaus gut Themen setzen und in die Recherche einsteigen.

Können Sie Beispiele nennen?

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"Das höchste Gut ist unsere Glaubwürdigkeit", sagt Andrea Luksch, Leiterin des Investigativ-Teams im Landesfunkhaus Hamburg.

Luksch: Nach monatelanger Recherche ist es uns zum Beispiel gelungen, das Geschäftsmodell einer Betrügerin mit Flüchtlingswohnungen aufzudecken und gleichzeitig die Lücken im staatlichen System zu benennen. Am Beispiel einer Flüchtlingsfamilie haben wir im Hamburg Journal erzählt, wie eine angebliche Vermieterin von Geflüchteten Vermittlungsgebühren für angebliche Wohnungen verlangt und zugleich mit manipulierten Mietverträgen und falschen Angaben über Wohnungen überhöhte Mieten vom Jobcenter kassiert. Für diesen Beitrag "Betrug mit Flüchtlingswohnungen" sind wir in der Kategorie "Beste Recherche" mit dem Bremer Fernsehpreis 2018 ausgezeichnet worden. Die Jury sprach von einem "investigativen Meisterstück".

Ein anderes Beispiel ist unsere Recherche "UKE-Arzt als Schleuser". Wir haben nachweisen können, dass im UKE ein Arzt falsche medizinische Atteste ausgab, damit irakische Flüchtlinge aus Dubai nach Hamburg einreisen können - angeblich, um sich im UKE operieren zu lassen. Das ließ sich der Arzt bezahlen. Das UKE hat zwei Tage nach unserem Bericht eine Pressekonferenz gegeben mit unseren Dokumenten als Grundlage und sich bei uns bedankt.

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"Wir sind die Einzigen, die bis zum Schluss in jeder Bürgerschaftssitzung bleiben", sagt Kristine Jansen, Leiterin der Landespolitik bei NDR 90,3.

Jansen: Wir haben viele Themen exklusiv und sind damit schneller als unsere Mitbewerber. Die Geschichte über die umweltfreundliche Landstromanlage am Kreuzfahrtterminal in Altona, die aufgrund von Vorgaben der Bundesnetzagentur bisher kaum genutzt wird, ist von uns. Das Ergebnis: Die Schiffe belasten weiterhin die Umwelt durch Abgase und Lärm, obwohl die Landstromanlage ja für eine Entlastung sorgen sollte. Wir haben als erstes über höhere Kosten bei der Elbvertiefung und bei der Restaurierung des Hamburger Museumsschiffs "Peking" sowie über die Kostenexplosion beim Umbau der Rathauspassage berichtet. Die Blitzer-Geschichte - SPD und Grüne fordern mehr Blitzer - ist von uns. Wir hatten exklusiv die Umbaupläne des Jungfernstiegs, das Veranstaltungskonzept der Innenstadt, die Höhe der Einkommensgrenzen für Sozialwohnungen, die Kritik des Wirtschaftssenators Michael Westhagemann an der Handelskammer. Das ist nur ein winziger Ausschnitt der letzten Zeit.

Besteht nicht, gerade in einem Stadtstaat, auch die Gefahr, dass man bei aller Nähe die Distanz verliert?

Jansen: Nein. Jeder hat einen Kompass - und lässt sich nicht so lange zutexten, bis ein Thema auch für wichtig befunden wird. Wir sprechen jeden Morgen in einer kleinen Runde darüber, welche Einschätzung wir zu bestimmten Themen haben. Da wird dann auch mal gerne gestritten, weil es in einer Redaktion immer unterschiedliche Meinungen gibt. Und das ist auch gut so.

Luksch: Wenn wir eine investigative Geschichte haben, dann können wir keine Rücksicht darauf nehmen, ob wir mit jemandem mal ein Bier trinken waren. Wir haben den öffentlich-rechtlichen Auftrag, hinter die Dinge zu schauen. Das erfordert ein hohes Maß an Gelassenheit und Professionalität. Das höchste Gut, das wir haben, ist unsere Glaubwürdigkeit.

Das Interview führte Bettina Brinker, NDR.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 28.02.2019 | 18:00 Uhr