Stand: 20.07.2018 16:10 Uhr

Wie der Feuersturm Hamburg veränderte

von Bert Beyers

Niemals zuvor hatte es solch einen massiven Luftangriff auf eine Großstadt und deren Zivilbevölkerung gegeben: Zehntausende Menschen sterben beim Hamburger Feuersturm im Juli 1943, Hunderttausende werden verletzt und obdachlos. Ganze Stadtteile werden zu Trümmerwüsten, der Osten Hamburgs wird besonders hart getroffen. Zwar hat es im Verlauf des Zweiten Weltkrieges weitere Feuerstürme gegeben, wie etwa in Dresden oder in Tokio, doch Hamburg ist und bleibt das geschichtliche Schreckensbild des totalen Kriegs.

Zerstörtes Karstadt-Warenhaus in Barmbek nach den Luftangriffen auf Hamburg 1943 © Uwe Petersen Foto: Andreas Werner

Hamburg nach dem Feuersturm: Hamburger Straße

NDR 90,3 -

Dort, wo sich in Mundsburg heute das Einkaufszentrum befindet, gab es bereits vor dem Krieg ein großes Warenhaus - Einkaufen und Wohnen lagen früher in diesem Quartier noch dicht beieinander.

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Beginn einer kompletten Zerstörungsserie

Die Luftangriffe der britischen und US-amerikanischen Bomberverbände beginnen in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1943. Altona, Eimsbüttel und Hoheluft werden schwer getroffen, große Flächenbrände entstehen. Zunächst werden Sprengbomben abgeworfen. Sie sollen die Wasser-, Gas- und Kommunikationsleitungen zerstören. Der ungeheure Druck der Luftminen deckt Dächer ab, Fenster und Türen werden zerstört. Die folgenden Phosphor- und Stabbrandbomben finden so reichlich zerstörerischen Nährboden, insbesondere in den nun frei liegenden Dachstühlen und hölzernen Treppenhäusern.

Die Stadt nach dem Feuersturm
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Der Westen: Altona verändert sich grundlegend

Auch der Bahnhof Altona wird von den Luftangriffen getroffen, aber nicht zerstört. Westlich davon, rund um den Spritzenplatz, bleibt das kleinteilige Straßenbild des Stadtteils erhalten. Auf der anderen Seite, etwa in der heutigen Neuen Großen Bergstraße, hat man nach dem Krieg ganze Häuserzeilen nicht wieder aufgebaut, sondern oftmals hohe und große Gebäudekomplexe errichtet. Das Stadtbild hier hat sich infolge der Bombardierung grundlegend verändert.

27. Juli 1943: Ein flammendes Inferno

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Historiker Jürgen Bönig von der Stiftung Historische Museen hat sich intensiv mit den Veränderung der Stadt durch den Hamburger Feuersturm beschäftigt.

Der 27. Juli 1943 ist ungewöhnlich heiß. Bereits seit Tagen liegen die Höchsttemperaturen um die 30 Grad. Aus den eng bebauten Arbeiterstadtteilen Hammerbrook, Rothenburgsort und Hamm zieht es die Menschen abends in die Parks und an die Kanäle. Kurz vor Mitternacht heult der Fliegeralarm. Die Menschen suchen in Bunkern Schutz. Was sie in dieser Nacht zum 28. Juli erleben, übertrifft alles Vorstellbare: Durch die wochenlange Trockenheit stehen bereits nach den ersten Luftangriffen der Alliierten ganze Straßenzüge in Flammen. Mit rasender Geschwindigkeit entsteht ein Feuersturm, der bald schon Orkanstärke erreicht. Menschen verbrennen auf offener Straße oder ersticken in den Bunkern. Zehntausende sterben in dieser Nacht.

Hamburg wird über Nacht zu einer anderen Stadt

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Der Osten Hamburg bestand einst vor allem aus dicht besiedelten Arbeitervierteln. Heute leben hier kaum noch Menschen, stattdessen gibt es viel Industrie und viele Verwaltungsgebäude.

Am folgenden Morgen ist das ganze Ausmaß der Katastrophe zu erahnen: kilometerlange Straßenzüge sind zu Schutthalden geworden. Der Hamburger Osten ist der Teil der Stadt, dessen Gesicht sich durch den Feuersturm am meisten verändert hat. Fährt man heutzutage über die Elbbrücken in die Stadt hinein, über die Amsinckstraße oder den Heidenkampsweg, fallen einem die großen Büro- und Verwaltungsgebäude ins Blickfeld. Ehemals dicht bewohnt, wirken die Stadtteile heute oftmals leer und unstrukturiert.

St. Nikolai: Orientierungspunkt und Mahnmal

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Blick von St. Nikolai auf die Stadt nach den Luftangriffen auf Hamburg 1943.

Orientierungspunkt der alliierten Bomberverbände ist St. Nikolai, der höchste Kirchturm der Stadt. Mittlerweile ist St. Nikolai ein Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Aus diesem Grund ist auch das Kirchenschiff bis heute nicht wieder aufgebaut worden.

Die Häuser in den engen Straßen rings um die Kirche sind nach den Angriffen weitgehend zerstört. Nach dem Krieg fällt die Entscheidung, eine breite, parallel zur Elbe verlaufende Magistrale zu bauen: die heutige Ost-West-Straße. Dafür werden weitere, noch intakte Gebäude abgerissen. Besonders deutlich wird die städtebauliche Veränderung am Fuß des Turms von St. Nikolai: Dort, wo bis zum Zweiten Weltkrieg der lebhafte Hopfenmarkt angesiedelt war, befindet sich heute ein Parkplatz.

Das heutige Hafenbild entsteht erst Jahre später

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Lange vor der Elbphilharmonie thronte ein anderer Bau am Hafen: Ansicht des alten Kaispeicher A, damals noch mit hohem Turm und Zeitball. 1963 wurde er gesprengt.

Werften werden während der Luftangriffe getroffen, Kaimauern zerstört, Schiffe sinken. Rückblickend ist die Geschwindigkeit, mit der das Leben in den Hamburger Hafen zurückkehrt, bemerkenswert. In den 1950er-Jahren werden auf Steinwerder Werften wiederbelebt, Tausende Hamburger finden dort eine Arbeit. Mittlerweile sind die Helgen aus dem Stadtbild verschwunden.

Der Hafen, wie wir ihn heute kennen, ist das Ergebnis von Entscheidungen, die in den Folgejahren der Angriffe getroffen werden. Der alte Kaispeicher A beispielsweise wird erst im Jahr 1963 gesprengt, weil er nicht mehr den Vorstellungen der Zeit entspricht. An dieser Stelle entsteht schließlich die Elbphilharmonie, das neue Wahrzeichen der Stadt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 24.07.2018 | 10:00 Uhr