Stand: 18.06.2017 18:10 Uhr

Gesche Joost - eine Kielerin kämpft fürs Netz

von Dortje Harders
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Gesche Joost (l.) wirbt als Internetbotschafterin der Bundesregierung für den digitalen Wandel. Dortje Harders (r.) hat sie in Berlin zum Interview getroffen.

Gesche Joost kommt mit kleinem schwarzen Rollkoffer in das ARD-Hauptstadtstudio in Berlin. Sie muss gleich nach unserem Interview für die NDR 1 Welle Nord Sendung Zur Sache nach Malta. Dort trifft die 42-Jährige ihre EU-Kollegen - also die Digitalbotschafter der anderen EU-Länder. Man wird sich austauschen, vom sonnigen Malta werde sie dann nichts haben, sondern im dunklen Konferenzraum bleiben, sagt sie und lacht.

Seit 2014 ist die gebürtige Kielerin Digitalbotschafterin der Bundesregierung - mit Berlin und Brüssel tauscht sie sich über den digitalen Wandel aus und berät auch die EU-Kommission. Ehrenamtlich ist dieser Job, denn eigentlich arbeitet sie als Designprofessorin an der Universität der Künste in Berlin.

Ein Kinder-Computer namens Calliope

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"Der Calliope Mini" soll schon den Kleinen spielerisch die digitale Technik nahebringen.

Im "Design Reserach Lab" an der Universität erfindet sie zum Beispiel "Wearables", intelligente Kleidung also, wie eine Notfall-Strickjacke. Damit können ältere Menschen in Notsituationen Hilfe rufen - einfach, indem sie am Ärmel der Jacke ziehen. Gesche Joost hat außerdem den "Calliope Mini" mitentwickelt und für das Interview mitgebracht. Sie holt ihn aus einem kleinen bunten Schächtelchen und knipst ihn an. Die sternenförmige Platine fängt an zu piepsen, die LED-Lämpchen blinken rot. Der Mini-Computer passt in eine Kinderhand und Grundschüler können damit die ersten Schritte des Programmierens lernen.

Nach zwei Stunden einen Song programmieren

"Er hat so ein kleines Display, man kann Begriffe und Zahlen anzeigen. Er hat ganz viel Sensorik drin, einen Beschleunigungssensor, man kann ihn schütteln, das versteht er, man kann zum Beispiel Luftqualität oder Temperatur messen, da ist ein Kompass drin, ein Lautsprecher, ein Mikrofon...", zählt Gesche Joost auf. Dieser Computer, sagt sie, wird dank Spenden derzeit gratis an Schulen in ganz Deutschland verteilt. Nach zwei Stunden Unterricht hätten Schüler dann einmal schon den Song "We are the Champions" mit dem "Calliope Mini" programmiert, erzählt Gesche Joost lachend.

"Jede Schule braucht Internet"

Zur "Digitalen Woche" in Kiel vom 16. bis 23. September will die Internetbotschafterin einen Satz dieser kleinen Computer mitbringen und an eine Schulklasse in ihrer Heimatstadt verteilen. Sie sieht in Deutschland viel Nachholbedarf - bei digitaler Bildung in den Schulen und in der Arbeitswelt. Nach einer Umfrage zur IT-Ausstattung und Medienbildung der Schulen in Schleswig-Holstein aus dem Jahr 2016 - durchgeführt vom Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) - haben mehr als 60 Prozent der befragten Schulen ein festes WLAN-Netz. "Nur 60 Prozent??", fragt Gesche Joost nach und schüttelt den Kopf: "Nein, das würde mir nicht reichen. Ich würde wirklich sagen, jede Schule braucht natürlich einen Internetzugang. Und auch was die Computerausstattung angeht, das ist sehr unterschiedlich. Manche sind so uralte Rechner, auf denen kaum mehr ein aktuelles Programm läuft".

Joost sieht einigen Nachholbedarf

Gesche Joost sieht bei der Grundausstattung - also ein Laptop oder Tablet-Computer für jeden Schüler - das Land in der Pflicht. Sie hätte aber auch nichts dagegen, auf Spenden von Unternehmen zuzugreifen, "weil es da eine große Bereitschaft gibt, Computer zur Verfügung stellen für die Schüler, die sich das nicht leisten können. Das ist total wichtig, weil sonst haben wir schon eine Ungleichheit in der Schule und das darf überhaupt nicht der Fall sein". Auch in die Weiterbildung der Lehrer müsse noch massiv investiert werden, "da haben wir echt noch einen Nachholbedarf, es kann ja nicht sein, dass sich das Lehrer in ihrer Freizeit irgendwie selber beibringen müssen".

Podcast Bild für die Sendung "Zur Sache". ©  Roman Gorielov/fotolia Fotograf:  Roman Gorielov

Zur Sache: Die Digitalbotschafterin Gesche Joost aus Kiel

NDR 1 Welle Nord -

Ihre Mission ist noch lange nicht erfüllt. Gesche Joost aus Kiel wirbt als Internetbotschafterin der Bundesregierung für den digitalen Wandel.

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Freies WLAN? Juhu!

Die künftige Landesregierung will tatsächlich einiges in die digitale Infrastruktur investieren. 50 Millionen Euro zusätzlich sind veranschlagt in den kommenden fünf Jahren. Die Internetversorgung an touristischen Orten, an öffentlichen Plätzen, an Verkehrsknotenpunkten wie Häfen oder Bahnhöfen soll ausgebaut werden. Und freies WLAN soll in allen öffentlichen Gebäuden Wirklichkeit werden - als Gesche Joost das hört, ruft sie spontan "Juhu!". Möglichst noch vor 2025 soll der flächendeckende Glasfaserausbau weitgehend abgeschlossen sein, steht im Entwurf des Koalitionsvertrags von "Jamaika". Ob die 50 Millionen Euro dafür ausreichen, weiß auch Gesche Joost nicht, aber "es ist ein ganz, ganz wichtiger Schritt, gerade auch, um die ländlichen Regionen anzubinden und da müssen wir schneller werden", das Jahr 2025 sei noch weit weg.

"Das müsste mal Herr Dobrindt hören!"

Gesche Joost sieht eine "digitale Spaltung" in der Gesellschaft, die sich vertieft. Wie schlimm - davon kann so mancher Schleswig-Holsteiner auf dem platten Land ein Lied singen. NDR 1 Welle Nord Reporter Peter Bartelt hat es bei einer Umfrage an der Westküste zu hören bekommen. Man wird zum Teil geradzu zur Entschleunigung gezwungen, findet Peter Bartelt heraus: zum Beispiel, wenn man versucht, Bilder oder Filme runterzuladen. Gesche Joost muss zwar lachen, aber eher aus Fassungslosigkeit: "Den Beitrag würde ich gerne mal Herrn Dobrindt vorspielen, der müsste nämlich mal hören, was das Leben auf dem Lande bedeutet".

Was läuft schief beim digitalen Wandel?

In Estland wird online gewählt, in Dänemark laufen alle Verwaltungsvorgänge online - dort gibt es also keine Aktenberge mehr. Auch im Bereich der digitalen Bildung seien andere Länder weiter, erzählt Gesche Joost. So kommt die Idee des "Calliope Mini" aus England. "Ich glaube, Deutschland ist im europäischen Vergleich besonders skeptisch und teilweise auch besonders konservativ". Gesche Joost betont aber, sie finde es auch gut, dass es in Deutschland so große Bedenken gibt, was den Schutz der Privatsphäre angeht: "Da bin ich auch sehr deutsch und kann das sehr nachvollziehen. Ich glaube nur, dass wir das konstruktiv umwandeln müssen". Was sie damit meint? Die digitale Verwaltung in Deutschland dann eben so sicher wie möglich machen. Gesche Joosts Botschaft für die kommende Bundesregierung: Bei der Digitalisierung da weitermachen, wo die jetzige Bundesregierung ist - und noch einen Zahn zulegen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 18.06.2017 | 18:05 Uhr

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