Sendedatum: 06.02.2017 05:00 Uhr

Trauerbegleiterin: "Menschen sind aus der Bahn geworfen"

Ein Auto kommt plötzlich von der Fahrbahn ab, prallt gegen einen Baum oder ein anderes Auto. Es passiert nicht selten, dass junge Menschen auf diese Art ums Leben kommen. Aber auch andere Straßenverkehrsunfälle kosten Kindern mitunter das Leben. Die Theologin Elke Heinen arbeitet als Familientherapeutin und Trauerbegleiterin für den Verein "Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister Schleswig-Holstein e.V.". Sie kümmert sich mit vielen Kolleginnen im ganzen Land um Menschen, die nahe Angehörige verloren haben. Oft müssen die Familien nicht nur mit dem Verlust klarkommen, sondern auch mit uneinsichtigen, mutmaßlichen Verursachern. "Die Opfer kommen in unserem Rechtsstaat zu kurz", sagt Heinen im Interview mit NDR 1 Welle Nord.

Was verändert sich im Leben von Menschen, die einen nahen Familienangehörigen bei einem Autounfall verloren haben?

Porträt von Elke Heinen © Elke Heinen

Elke Heinen hilft Betroffenen mit ihrer Trauer

NDR 1 Welle Nord - Schleswig-Holstein am Nachmittag -

Die Theologin Elke Heinen ist Trauerbegleiterin. Sie hilft Menschen dabei, den Verlust von Angehörigen oder Bekannten zu verarbeiten - und in den Alltag zurückzufinden.

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Elke Heinen: In dem Moment, wo Angehörige die Polizei und die Notfallseelsorge in der Haustür stehen haben und hören, dass einer ihrer Lieben verstorben ist, verändert sich alles. Es ist eine riesige Lücke, die in der Familie entsteht, die man erstmal verstehen muss. Wir arbeiten mit Eltern deren Kinder verstorben sind. Zu verstehen, dass dieses Kind nicht wieder nach Hause kommt, dass ist eine Zäsur im Leben, die man überhaupt nicht in wenigen Worten erklären kann. Alles verändert sich, der ganze Familienverband verändert sich. Ein Kind fehlt, die Zukunft dieses Menschen fehlt - für die ganze Familie.

Eine absolute Horrorvorstellung. Sie und ihre Mitstreiter helfen diesen Familien bei so einem Verlust. Wie funktioniert das?

Heinen: Das Wichtigste, was wir den Menschen zunächst einmal geben, ist, dass wir ihnen zuhören, dass wir Zeit haben, dass wir ihnen eine unbedingte Wertschätzung entgegenbringen. Egal, was passiert ist und was sie uns erzählen. Das ist etwas, was die Menschen oft nicht erleben. Sie werden oft mit guten Ratschlägen auf den Weg geschickt: 'Zähne zusammenbeißen und durchhalten. Da musst du einfach durch.' Solche Sprüche helfen nicht. Die Menschen sind so aus der Bahn geworfen und überrollt von einem Ereignis, auf das sie sich durch nichts vorbereiten konnten. Wir haben Zeit, hören zu und gucken erst dann im Gespräch, was die ersten Schritte sein können, bei denen wir assistieren. Die Schritte selbst können wir den Eltern nicht abnehmen.

Wir sprechen vor allem über Menschen, die Angehörige durch Verkehrsunfälle verloren haben. Was sind das für Unfälle im Straßenverkehr, mit denen Sie zu tun haben?

Heinen: Es sind hier in Schleswig-Holstein viele wetterbedingte Unfälle, die durch Nässe, Schnee oder Glatteis entstehen. Fehler, die dann in dem Zusammenhang durch klitzekleine Fahrfehler ausgelöst werden. Wenn man zu schnell in die Kurve geht oder ein klein wenig zu schnell in die Nebelwand hineinfährt und es in dem Moment einfach nicht berücksichtigt, was das für ein Drama auslösen kann.

Es sind auch Unfälle, die durch Ablenkungen im Straßenverkehr stattfinden: Zum Beispiel, wenn man auf dem Fahrrad oder als Fußgänger mit Kopfhörern unterwegs ist - oder Verkehrsunfälle an Bahnübergängen. Wir haben die ganze Palette. Es sind aber auch Unfälle dabei, die durch einen Fahrer ausgelöst werden, der andere Menschen mit ins Unglück reißt. Wo ich dann mit Eltern und Angehörigen arbeite, deren Kinder im Straßenverkehr getötet worden sind, weil ein anderer eben Fehler gemacht hat.

Polizei-Oberrat Axel Behrends vom Verkehrs-Dezernat der Landespolizei Schleswig-Holstein im Studio © NDR Fotograf: Christian Wolf

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Woran hapert es, ihrer Meinung nach, in Sachen Opferhilfe?

Heinen: Für die Angehörigen von Unfallopfern fühlt sich keiner zuständig. Sie müssen sich um alles selber kümmern. Wenn sie zum Beispiel wissen wollen, was überhaupt genau bei dem Unfall geschehen ist, müssen sie einen Anwalt haben, um Akteneinsicht zu bekommen. Sie müsen eine Beerdigung organisieren, ihr ganzes Leben neu ordnen. Ob es dafür beispielsweise eine finanzielle Unterstützung gibt, muss juristisch geklärt werden. Die Angehörigen müssen immer selber aktiv werden. Da besteht ein Ungleichgewicht: Sie sind traumatisiert, aus der Bahn geworfen, müssen ihren ganzen Lebensalltag zunächst einmal organisieren, um halbwegs wieder klarzukommen. Außerdem müssen sie sich um ihre Rechte selber kümmern.

Ihr Verein ist für die sogenannte Trauerbegleitung zuständig. Um juristische und finanzielle Angelegenheiten kümmern Sie sich direkt nicht, oder?

Heinen: Genau. Zum Beispiel wenn Eltern jetzt sagen, sie wollen unbedingt wissen, was bei diesem Unfall passiert ist. Dann unterstützen wir sie darin, dass sie den Mut haben, sich auf den Weg zu machen, die Informationen einzuholen. Eine Frage ist oft: Hat das Kind am Unfallort noch ein letztes Wort gesagt? Dann unterstützen wir, in dem wir sagen: "Da müsst ihr ein Stück Recherche machen." Auf diesem Wege arbeiten die Eltern auch etwas ab. Sie kommen aus ihrer Starre heraus, kreisen nicht nur um ihre Frage, sondern gehen die ersten Schritte. Sie gehen vielleicht zum Unfallort, sie machen sich auf den Weg, vielleicht Unfallzeugen kennenzulernen. Menschen, die das miterlebt haben. Damit kommen sie ein Stück in eine innere Bewegung hinein, die sie auch aus dieser Schockstarre lösen kann. Das sind so Dinge, die wir unterstützen. Juristische Sachen sind einfach nicht unser Beritt.

Eine wichtige Arbeit, die Sie machen. Der Verein lebt natürlich auch von Spenden. Wie kann ich, wie können unsere Hörerinnen und Hörer Ihnen helfen?

Heinen: Unser Verein "Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister Schleswig-Holstein" ist ein junger Verein. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, in Schleswig-Holstein ein flächendeckendes Versorgungsnetz aufzubauen. Das heißt, dass wir weitere Standorte aufbauen wollen, in denen Eltern Anlaufstellen finden, wo sie sich hinwenden können. Das sind bisher wenige Anlaufstellen in Schleswig-Holstein. Wir haben eine neue Homepage, auf der eine Landkarte mit Informationen zu den vorhandenen Anlaufstellen zu sehen ist. Aber die Arbeit soll weitergehen.

Wir wollen in diesem Jahr eine Geschäftsstelle einrichten, um von da aus zentral besser unterstützend wirken zu können, Gruppen aufzubauen und Ansprechpartner zu finden. Eine Geschäftsstelle braucht alles Mögliche. Als erstes suchen wir geeignete Räume in Schleswig: zwei Zimmer, ein etwas größerer Raum als Gruppenraum, ein Büroraum und eine Teeküche.

Das Interview führte Pascal Hillgruber, Moderator auf NDR 1 Welle Nord.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 06.02.2017 | 05:00 Uhr

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