Schleswig-Holstein
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Natalija Gontscharowa: Selbstbildnis mit gelben Lilien, 1907/8
Im vergangenen Jahr erzielte das Gemälde "Apfelernte" der Natalja Gontscharowa bei einer Christies-Auktion den Rekordpreis von umgerechnet rund 10 Millionen Euro. Damit gehört die russische Malerin (1881-1962) zu den höchst gehandelten Künstlern weltweit. Die Kunsthalle St. Annen in Lübeck zeigt ihr Werk jetzt in einer großen Ausstellung. Gontscharowas umfangreicher Nachlass schlummerte lange in Depots der Tretjakow-Galerie in Moskau. Lübeck ist nun nach Rüsselsheim die zweite Station einer kleiner Ausstellungstournee, die das Werk der bedeutenden Malerin erstmals in Deutschland vorstellt.
Natalija Gontscharowa: Spanierin mit Fächer, um 1925
Gontscharowa begründete zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Kollegen die russischen Avantgarde. In Vielem war sie anderen voraus: Sie gilt als erste Futuristin und als erste Frau, die einen weiblichen Akt malte. Als erste Künstlerin verkaufte sie bereits zu Lebzeiten Werke an so bedeutenden Sammlungen wie die Tate Gallery in London und das Guggenheim-Museum in New York. Mit ihren stilistisch vielfältigen Gemälden, Papierarbeiten, Kostüm- und Bühnenbildentwürfen trieb sie die künstlerische Entwicklung auch in Europa voran.
Thorsten Rodiek, Direktor der Museen für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck, hat die Ausstellung nach Lübeck geholt. "Die Ausstellung dieser einmaligen, genialen und überaus vielseitig begabten Malerin ist für ganz Norddeutschland ein unvergleichliches Kulturereignis", schwärmt er, "zumal es bisher in der gesamten Bundesrepublik noch nie eine Einzelausstellung der Gontscharowa gegeben hat."
1881, im selben Jahr wie Pablo Picasso, wurde Natalja Gontscharowa in Laditschino bei Tula in Russland geboren. Sie studierte an der Moskauer Hochschule für Malerei, Bildhauerei und Architektur, wo sie ihrem Lebensgefährten und späteren Mann Michail Larionow begegnete. Mit ihm blieb sie - ungewöhnlich für eine Künstlerin - ihr Leben lang zusammen. Beim Pariser Herbstsalons 1906 zeigte die junge Malerin ihre Arbeiten erstmals im westlichen Ausland. Inspiriert von russischer Volkskunst malte sie als junge Künstlerin farbenfroh und mit kraftvoller Onamentik. Dann lehnte sie ihre Werke an die Ikonenmalerie an und gab damit der russischen Avantgarde wichtige Anstöße zur Verbindung von Tradition und Moderne.
In ihrer Heimat machte sie 1910 ein Skandal berühmt: Aus einer Schau in Moskau wurden einige ihrer Aktmalereien beschlagnahmt, sie musste wegen Pornografie vor Gericht. Weiter nahm sie aber in Moskau an avantgardistischer Ausstellungen teil und auch an vielen Ausstellungen im Ausland, unter anderem am Blauen Reiter 1912 in München und am Ersten Deutschen Herbstsalon 1913 in Berlin. Ihre Werkschauen 1913 in Moskau und 1914 in St. Petersburg waren die ersten, die das Werk einer Frau vorstellten. Sie war erst 32 Jahre alt - aber sie konnte rund 800 Arbeiten zeigen.
1917 ging Natalja Gontscharowa mit Larionow nach Paris, wo sie zuammen lebten und arbeiteten. Erst 1958 heirateten sie. Das Paar hatte engen Kontakte zur Pariser Kunstszene, wo sich auch Picasso, Fernand Léger und andere große Maler tummelten. Für die "Ballets Russes" von Sergej Diaghilew entwarf Gontscharowa Kostüme und Bühnenbilder. Die Malerin starb im Jahr 1962 in Paris. Sie hinterließ ein großes, vielschichtiges und stilpluralistisches Werk.