Mr. Moores ist Butler. Aber er war auch schon Bergbauarbeiter und Kettenschleifer. Jetzt arbeitet er ehrenamtlich für das Kronshagener Gymnasium.
Eigentlich ein ganz normaler Klassenraum: Grüne Schiefertafel, das Lehrerpult, ein motivierter junger Englischlehrer und eine Gruppe interessierter Abiturienten, die sich "Sherlock Holmes" widmen. Nur einer fällt schon rein optisch aus der Reihe: Timothy Moores. Der 69 Jahre alte Engländer trägt ein Kostüm: Lackschuhe, schwarzer Frack, weiße Hosenträger, eine silberne Taschenuhr und - quasi als "Krönung" - einen schwarzer Zylinder. "Es ist einfach so, dass Sherlock Holmes in etwa so gekleidet war. Ich sehe nicht immer so albern aus", grinst Moores. Seit zwei Monaten ist er fester Bestandteil im Englisch-Unterricht am Gymnasium in Kronshagen. Insgesamt vier Lehrer unterstützt er ehrenamtlich. Er kommt fast jeden Tag. Seine Frau freue das, sagt er: Dann laufe er wenigstens nicht Gefahr, das Haus anzuzünden.
Dank Mr. Moores haben die Schüler nicht nur mehr Spaß im Unterricht - sie erhalten auch mehr Hintergrundwissen.
Es ist ein anderer Sherlock Holmes, den die Schüler so vorgeführt bekommen, in anderem Outfit und mit anderem Auftreten, als es Hollywood uns weismachen will. Die Abiturienten haben im Unterricht mehrere Film-Versionen aus unterschiedlichen Jahrzehnten gesehen und vergleichen sie mit dem Originaltext - gelesen von "Mister Moores". Bei den Schülern hat er schnell Eindruck hinterlassen. "Ich hab natürlich erstmal geschmunzelt, als er im Frack vor mir stand", sagt Sissy. "Aber ich fand das total gut, weil ich gemerkt habe, dass er sich so Mühe gegeben hat." Und Mitschüler Max ergänzt: "Er hat eine ganz eigene Ausstrahlung - sehr einnehmend, aber trotzdem sehr höflich und bescheiden."
Er habe selbst keine Kinder, sagt Moores. Er will der jungen Generation etwas mitgeben: "Sie werden bald arbeiten und meine Rente bezahlen", schmunzelt er, "und deshalb will ich, dass das klappt mit ihnen." Dafür gibt er auch schon mal den Detektiv aus der Weltliteratur. Neue Rollen und Berufe anzunehmen ist für ihn aber fast der Normalfall. Moores war Kavallerist in der Armee, Kleindarsteller, Kettenschleifer, Fernsehschaffender, Bergbau-Arbeiter - und seit Ende der neunziger Jahre Butler in Urlaubsvillen in Spanien, Frankreich und Griechenland. Seit sechs Jahren lebt er gemeinsam mit seiner deutschen Frau in Kiel. Der Weg zur Schule in Kronshagen ist für ihn ein Katzensprung.
Als Muttersprachler kann Mr. Moores den Schülern die englische Sprache gut vermitteln.
Der Lehrer Jochen von Spreckelsen ist froh, dass seine Schüler einen "native speaker" kennen lernen, einen echten Muttersprachler. "Das ist doch was ganz anderes als die Hörbuch-Texte im Unterricht". Moores sei bei der Zusammenarbeit sehr unkompliziert. Die Abiturienten freuen sich, dass da jemand kommt, der ihnen über die bloßen Fakten hinaus auch die kulturellen Hintergründe zu Sherlock Holmes erklären kann. Dabei geht es regelmäßig auch locker zu - etwa bei der Frage nach dem Drogenkonsum des Detektivs und seiner eventuellen Homosexualität. Moores grinst schelmisch. Klar will er, dass die Schüler von seiner Arbeit profitieren. Aber auch er genießt den Umgang mit den jungen Leuten: "Ich sitze nicht zu Hause, drehe Däumchen, komme auf dumme Gedanken und warte, bis ich eines Tages einfach umkippe."