Sendedatum: 11.03.2016 16:05 Uhr

Tetsch: "Die wahre Katastrophe ist das Vergessen"

Alexander Tetsch arbeitet seit 2008 als freier Fotograf und Journalist. Einer seiner Schwerpunkte ist das Engagement gegen das Vergessen der Atomkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima. Er hat mit unzähligen Bildern die Menschen und ihre Situationen in den zerstörten, gefährlichen Regionen abgebildet. Am fünfjährigen Jahrestag nach dem Atomunglück von Fukushima (10. März 2016) spricht er mit Pascal Hillgruber über seine Arbeit und warum er sich auch in Deutschland sorgen um die nukleare Sicherheit macht.

Was haben Sie auf Ihren Reisen gesehen - und vor allem auch empfunden?

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Alexander Tetsch arbeitet seit 2008 als freier Fotograf und Journalist.

Alexander Tetsch: Zum einen habe ich wirklich Demut empfunden, weil diese Regionen für lange, lange Zeit verstrahlt bleiben. Zum anderen war es natürlich sehr traurig zu sehen, wie viele Menschen davon langfristig betroffen sein werden. Auch zu erfahren, wie viele noch ungeborene Menschen wahrscheinlich genetisch durch diese Vorkommnisse in Tschernobyl oder in Fukushima geschädigt sein werden - insgesamt habe ich schon sehr nachdenkliche Gefühle. Auf der anderen Seite spüre ich natürlich die Verantwortung, darüber zu erzählen und dafür zu sorgen, dass das nicht in Vergessenheit gerät.

Auf Vorträgen informieren Sie über Ihre Arbeit. Wie reagieren die Menschen auf das, was Sie ihnen zeigen und erzählen?

Tetsch: Die Menschen, die zu meinen Vorträgen kommen, reagieren zunächst sehr betroffen. Sie sagen: Mensch, das wussten wir nicht. Die Medien erzählen uns kaum noch etwas über Fukushima oder über Tschernobyl - es sei denn, die Jahrestage sind mal wieder dran. Und: Wir dachten die Dinge seien unter Kontrolle, sie seien abgeklungen. Ich sehe verstärkt, dass in Deutschland das Gefühl vorherrscht, das Thema sei für uns durch, weil unsere Bundeskanzlerin entschieden hat, wir schalten die Kernkraftwerke langsam bis 2022 ab.

Aber was ist mit den 58 Reaktoren, die in Frankreich stehen? Was passiert, wenn da was schiefgeht? Wenn wir vom Westwind, den wir meistens aus Frankreich bekommen, betroffen sind und damit radioaktive Partikel rübergetragen werden? Das Thema ist über Grenzen weiterhin sehr, sehr interessant - und ist noch lange nicht vorbei.

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Deutschland ringt um den Atomausstieg, zwei Kraftwerke im Norden sind bereits stillgelegt. China und Russland hingegen planen allein über 60 neue Kraftwerke. Warum lernt die Welt nicht aus diesen Katastrophen?

Tetsch: Es geht um sehr, sehr viel Geld. Mit einem neuen Reaktor verdient ein Konzern, der ihn errichtet hat, fünf Milliarden Euro. Für jeden Tag, den ein Atomkraftwerk Strom produziert, wird ein Gewinn -  also nicht Umsatz, sondern wirklich Gewinn - von einer Million Euro kassiert. Ein weiterer Grund, warum die Atomkraft weiterhin in vielen Ländern als große Energiequelle gesehen wird, ist das Plutonium, das man in diesen Reaktoren als eine Art Abfallprodukt erbrütet. Das ist der Ausgangsstoff für moderne Nuklear-Waffen. Geld und Plutonium sind also ausschlaggebend, dass die Atomkraft weiterhin in vielen Ländern ein Thema ist.

Der Titel Ihres Buches lautet: "Die wahre Katastrophe ist das Vergessen". Wie haben Sie vor Ort gearbeitet?

Tetsch: Ich habe mir zum Beispiel vier Wochen Zeit genommen, um in Fukushima zu sein. Davon war ich viele Tage in der Sperrzone selbst. Ich habe die Menschen zum Teil vom Aufstehen bis zum Schlafengehen begleitet: Familien, arbeitslose Fischer oder Reisbauern, deren Ernte als Sondermüll entsorgt werden muss. Ich habe versucht, nicht die technische Seite des Unfalls zu sehen, sondern wie es sich wirklich im normalen Alltag nach so einem Gau lebt. Wie ist dieses atomgespaltene Leben? Zu sehen, wie sich der Alltag dieser Menschen dauerhaft verändert hat, war wirklich sehr erschreckend.

Können Sie das Leben der Menschen in einer Region nach einer Atomkatastrophe beschreiben?

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Noch immer kämpfen Arbeiter mit den Folgen, gigantische Mengen verstrahlten Wassers lagern in riesigen Tanks, täglich kommt neues Wasser hinzu.

Tetsch: Allein 165.000 Menschen aus der Region Fukushima wurden direkt nach den Störfällen umgesiedelt. Von diesen leben heute immer noch über 100.000 in Wohncontainern - überwiegend unter sehr erbärmlichen Bedingungen. Dramatisch ist es zu sehen, wie sich das Leben dort verändert. Zum Beispiel dürfen die Kinder in einigen Gebieten, in denen Menschen weiter leben, nur noch eine halbe Stunde am Tag draußen sein. Oder der Fischer, der immer noch nicht seiner Berufung - dem Fischen - nachgehen kann. Seine Familie macht es seit Generationen, er hat nichts anderes gelernt und sagt: "Ich darf nicht fischen, weil die Fischgründe hier immer noch verseucht und gesperrt sind."

Bauern, die ihr gesamtes Land und ihre gesamte Produktion verloren haben, hoffen teilweise immer noch, dass in diesem Jahr der Grenzwert ihrer Ernte nicht erreicht oder überschritten wird. Meist sind die Produkte aber zu belastet und können nicht verkauft werden. Die Katastrophe hat selbst heute noch große Auswirkungen auf den Alltag der Menschen.

Wie schätzen Sie die Offenheit und Ehrlichkeit der Behörden mit diesen Risiken vor Ort ein?

Die japanische Regierung hat ein großes Interesse daran, dass die Atomkraft in dem Land als beherrschbar dargestellt wird. Teilweise soll japanische Atomtechnologie in andere Länder verkauft werden - und da macht es sich eben nicht gut, wenn man eingestehen muss: Wir haben diesen Störfall oder die Reaktoren nicht unter Kontrolle.

Warum ist es so schwer, den Störfall unter Kontrolle zu kriegen?

Ein Gebiet in der Größe von Schleswig-Holstein ist von unsichtbarem, kleinem und strahlendem Staub überzogen worden. Dieses Gebiet hat verschiedene Hügelketten, sehr viel Wald, einige Berge und sie können die radioaktiven Partikel nicht einfach mit dem Staubtuch oder dem Staubsauger abwischen. Die Städte und Dörfer liegen überwiegend in den Tälern oder unten an den Uferzonen. Die Regierung unternimmt durchaus Säuberungsaktionen: Sie schrubben die Partikel von den Straßen. Sie tragen die oberen 10 bis 15 Zentimeter vom Boden ab und stellen diese Gebiete dann als sauber dar. Aber unmittelbar danach bringen Wind und Regen die radioaktiven Partikel wieder aus den Hügeln, aus den Wäldern in diese Siedlungen.

Das ist ja eine intensive Arbeit...

Es ist wirklich eine Sisyphusarbeit. Die Regierung müsste dringend eingestehen, dass gewisse Bereiche von der Sperrzone einfach nicht saubergemacht werden können. Aber dieser Schritt wird immer noch umgangen und man versucht, darüber hinwegzusehen.

Wie ist es denn in Europa? Können wir den Angaben bei uns trauen oder ist Misstrauen in Bezug auf Atomkraft immer angesagt?

Ja, hier in Deutschland ist die Situation sicherlich auf dem richtigen Weg. Die Ausstiegsentscheidung von Angela Merkel war in meinen Augen richtig, vielleicht etwas überhastet eingeleitet und umgesetzt. Aber die Frage ist natürlich, was passiert, wenn zwischen jetzt und 2022 - da soll der letzte Meiler in Deutschland abgeschaltet sein - vielleicht doch noch etwas passiert? Und selbst danach, allein in Frankreich stehen 58 Reaktoren, die mir doch sehr viele Sorgen machen. Radioaktive Strahlung hält sich nämlich leider nicht an Ländergrenzen.

Das Interview führte Pascal Hillgruber

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein am Nachmittag | 11.03.2016 | 16:05 Uhr