Ein Pionier des Kinderfernsehprogramms

von Hans-Ulrich Wagner
Puppen aus der Sesamstraße © NDR/Sesame Workshop

Happy Birthday Sesamstraße - eine Erfolgsgeschichte des deutschen Fernsehens feiert runden Geburtstag. Mit berechtigtem Stolz: Vor 40 Jahren spielten Puppen, Kinder und Erwachsene das erste Mal in der Sesamstraße, bewältigten dort kleine Alltagssituationen, lernten mit- und voneinander und hatten eine ganze Menge Spaß.

Vor allem die phantasievollen Puppen hielten seither Einzug in die deutschen Kinderzimmer: Ernie und Bert, Samson und Tiffy, das Krümelmonster und viele andere wurden liebgewonnen und zu treuen Begleitern der eigenen Fernsehkindheit – und das mittlerweile über zwei Generationen hinweg, wenn die Vorschulkinder der ersten Jahre - inzwischen erwachsen - mit ihren eigenen Kindern die Sesamstraße verfolgen. Doch wie kam der Klassiker des Vorschulkinderprogramms ins Programm? Ein Rückblick auf eine "hoch spannende Zeit" des Fernsehens.

Neue soziale Lernziele

Der Start der Sesamstraße Anfang der 1970er-Jahre fällt in eine Phase gesellschaftlicher Umbrüche. Es war eine "hoch spannende Zeit", urteilt Angelika Paetow, die damals als Praktikantin zum NDR und gleich in die "Arbeitsgruppe Sesamstraße" kam. Paetow, die knapp drei Jahrzehnte später, von 2002 bis 2010, die Redaktion der Sesamstraße leiten sollte, war von Anfang an fasziniert von den neuen pädagogischen Ideen, die man in der Sesamstraße umsetzen konnte. Vor allem soziale Lernziele standen an oberster Stelle, berichtete auch der Evangelische Pressedienst (epd); und die Kommunikationswissenschaftlerin Ingrid Paus-Hasebrink konstatierte: "Soziales Lernen stand im Mittelpunkt". Vieles erprobten die deutschen Sesamstraßen-Macher damals zum ersten Mal, lange bevor pädagogische Überzeugungen in allgemein akzeptierte Lernkonzepte Eingang fanden.

Selbstbewusstsein und Kreativität

Die bundesdeutschen Sesamstraßen-Folgen basierten auf dem US-amerikanischen Format, das 1968 vom Children’s Television Workshop (CTW) in den Vereinigten Staaten entwickelt worden war. Gleichzeitig eröffneten die mit dem CTW geschlossenen Verträge die Möglichkeit, eigene Beiträge für die einzelnen Folgen zu produzieren – Animationsfilme, Einspielfilme, später Begegnungen von deutschen Stars und Puppen im Studio, Vor-Ort-Aufnahmen mit dem Ü-Wagen. Hier, so Paetow, konnten die Deutschen ihre eigenen pädagogischen Akzente setzen, konnte Lernen ohne erhobenen Zeigefinger geprobt sowie speziell soziales Verhalten, Selbstbewusstsein und Kreativität eingeübt werden.

Fernsehen bildet

Dr. Karl-Heinz Grossmann, April 1973 © NDR Detailansicht des Bildes Dr. Karl-Heinz Grossmann war von 1968 bis 1972 Leiter der Hauptabteilung Bildungs- und Kursusprogramm. Die neuen erzieherischen Ziele waren Ausdruck der gesellschaftlichen Umbrüche. Man diskutierte in der Bundesrepublik intensiv über Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit. Kinder, die aufgrund von Elternhaus und sozialem Umfeld benachteiligt waren, sollten entsprechend gefördert werden. "Unser Glaube war, dass das Fernsehen dazu einen Beitrag leisten kann", resümiert Karl Heinz Grossmann, der zu dieser Zeit die Hauptabteilung Kursus- und Bildungsprogramme beim NDR leitete. Grossmann war es denn auch entscheidend zu verdanken, dass das amerikanische Vorbild in die Bundesrepublik und speziell zum NDR geholt werden konnte.

Die von dem amerikanischen Puppenspieler Jim Henson liebevoll entworfenen Puppen mit ihren am kindlichen Alltag orientierten Dialogen und Szenen in einer Durchschnittsstraße, der "Sesame Street", waren nach ihrem Programmstart in den USA 1969 in Europa sehr schnell bekannt geworden. Im Herbst 1970 sorgten Ernie & Co. beim "Prix Jeunesse" in München bereits für Furore.

Ein Programm für Kinder

Die westdeutschen Sendeanstalten wurden aufmerksam. Vor allem das ZDF, das sich damals im Kinderprogramm bereits mit US-Importen wie "Flipper" profiliert hatte, signalisierte großes Interesse. Aber auch bei der ARD war man bereits seit einiger Zeit auf der Suche nach neuen Kinderprogrammen. 1968 war auf einer Tagung in Tutzing die Forderung nach einem eigenen ARD-Kleinkinderprogramm erhoben worden. Neun Redaktionen in neun Landesrundfunkanstalten sollten dieses als Teil des "ARD-Nachmittags- und Familienprogramms" entwickeln.

Die Bemühungen mündeten in der "Arbeitsgemeinschaft Vorschulerziehung der ARD", die im März 1971 gegründet wurde. Experten auf den Gebieten der Entwicklungspsychologie und der Pädagogik sowie Lehrer und Erzieher sollten den Programmverantwortlichen helfen. Erklärtes Ziel war es, wie F. Jasmin Böttger in einer Forschungsarbeit zum "Dritten Fernsehprogramm der Nordkette NDR/SFB/RB 1960-1982" aufzeigte, sich von der bis dahin herrschenden Bewahrpädagogik abzuwenden. Kleinkinder sollten ernst genommen werden, es galt zu erkennen, dass auch sie Probleme zu bewältigen und Konflikte auszutragen haben. Die Zeiten von Märchenstunden, Vorleserinnen und Spiel-Gouvernanten waren vorüber.

Die "Pappnasen aus USA"

1972 Dreharbeiten für die Sesamstraße © NDR Detailansicht des Bildes Ein Stück Welt aus der Kinderperspektive: Redakteur Hans-Joachim Herbst 1972 bei Dreharbeiten für die Sesamstraße. Als Vertreter des NDR gehörten dieser "Arbeitsgemeinschaft Vorschulerziehung" neben Karl-Heinz Grossmann mehrere Kinderfunk-Redakteure an, darunter Jürgen Weitzel, der später Leiter der "Arbeitsgruppe Sesamstraße" wurde. Die Diskussion um die "Pappnasen aus USA", über die das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" im April 1970 das erste Mal berichtet hatte, führte zu einem regelrechten Wettlauf zwischen dem ZDF und der ARD. Grossmann unterrichtete NDR Intendant Gerhard Schröder und bekam von ihm und der Konferenz der dritten Fernsehprogramme der ARD den Auftrag, in New York mit den CTW-Vertretern zu verhandeln.

Was meint das Publikum?

Zusammen mit der Redakteurin Ursula Klamroth brachte man als einen ersten Erfolg ein Filmpaket aus New York mit. 35 Folgen von je einer Stunde Länge konnten in Deutschland geprüft werden. Das geschah nicht nur intern mit den Fachleuten, sondern auch öffentlich.

Die Bewohner der US-amerikanischen Sesamstraße © NDR/CTW Detailansicht des Bildes Die Bewohner der US-amerikanischen Sesamstraße. Der NDR sendete im Dritten Fernsehprogramm, der "Nordkette", in der Osterwoche vom 5. bis 9. April 1971 fünf Folgen der "Sesame Street", in der amerikanischen Originalfassung, nicht synchronisiert, jedoch kommentiert. Am Ende jeder Folge dieser Testserie baten die Kommentatorinnen Ursula Klamroth und Ann Ladiges darum, dem Sender Meinungen und Ansichten mitzuteilen und abschließend zur Frage nach einer Übernahme eines größeren Filmpakets aus den USA Stellung zu nehmen.

Die amerikanischen Folgen lösten in Deutschland eine "sehr grundsätzliche Debatte" aus, erinnert sich Grossmann. Auch der wissenschaftliche Beirat, der die Programmverantwortlichen beriet, diskutierte die Probefolgen intensiv. Bald war klar, dass man das amerikanische Format grundsätzlich übernehmen wollte. Aber auch, dass man es technisch bearbeiten musste, etwa von einer Stunde auf eine halbe Stunde reduzieren. Bestimmte Elemente, die zu sehr auf die amerikanische Situation zugeschnitten waren, sollten weggelassen und stattdessen durch in Deutschland neu produzierte Teile ergänzt werden.

Jetzt ist Verhandlungsgeschick gefragt

Von nun an ging alles sehr schnell. Die ARD-Arbeitsgruppe hatte sich für den Ankauf und die Ausstrahlung entschieden – mit Ausnahme des Bayerischen Rundfunks. Daraufhin wurde ein Ankauf für das ARD-Gemeinschaftsprogramm abgelehnt. Eine Tatsache, die der "Spiegel" in seiner Ausgabe am 3. Mai 1971 als "vergebene Chance" brandmarkte. Der NDR übernahm jedoch noch einmal die Initiative. Sein Verwaltungsrat stimmte dem Erwerb der Fernsehrechte durch die norddeutsche Rundfunkanstalt zu. Vor allem auch, weil inzwischen das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft zugesichert hatte, den Ankauf entscheidend mitzufinanzieren.

Grossmann verhandelte erfolgreich in New York. Er schaffte es, das Vertrauen der CTW-Verantwortlichen zu gewinnen und sie für die Weiterentwicklung des pädagogisch wertvollen Formats durch die Deutschen einzunehmen. Das ZDF zog bei diesem Wettlauf den Kürzeren. Im Dezember 1971 war das Vertragspaket zwischen CTW und dem NDR unter Dach und Fach. Für stolze 700.000 Dollar, damals zirka 2,4 Millionen DM, konnten die Rechte für ein großes Filmpaket für die dritten Fernsehprogramme der ARD erworben werden. Der NDR wurde die für die neu zu entwickelnde deutsche Fassung zuständige Landesrundfunkanstalt.

"... wer nicht fragt, bleibt dumm"

Die Sesamstraße wurde sorgfältig beworben und intensiv diskutiert. "Neue Serie" titelten am 8. Januar 1973 die Programmzeitschriften, und die "Hör zu" verkündete: "Lernen macht Spaß – heißt das Motto dieser heiteren Vorschule". Doch nur über die Sender von NDR, Radio Bremen, Sender Freies Berlin, WDR und HR konnte damals die Vorschulsendung um 9.30 Uhr im ersten Fernsehprogramm empfangen werden. Die dritten Programme dieser Landesrundfunkanstalten sendeten die Sesamstraße darüber hinaus um 18.00 Uhr in ihren jeweiligen dritten Programmen.

Die Kinder, die im Süden der Bundesrepublik, im Sendegebiet des Bayerischen, Süddeutschen und Saarländischen Rundfunks wohnten, blieben vorerst außen vor. Sie wuchsen mit dem "feuerroten Spielmobil" auf, einer avancierten Antwort des BR auf den US-amerikanischen Import.

Die Kinder im Norden aber wurden täglich ermutigt, neugierig zu sein und zu fragen. Ganz so wie es im Sesamstraßen-Lied von Volker Ludwig (Text) und Ingfried Hoffmann (Musik) heißt: "Der, die, das / Wer, wie, was / wieso weshalb warum / wer nicht fragt bleibt dumm!". Und der Hamburger Kinderchor Vineta unter Leitung von Dietrich Czirniok sang damals auch: "Tausend tolle Sachen, / die gibt es überall zu sehen / manchmal muss man fragen, / um sie zu verstehen!"

Auch wenn sich das Sesamstraßen-Konzept ständig weiter entwickelte und viele Veränderungen erfuhr, gehören das charakteristische Intro und die munteren "Sesamstraße"-Puppen zur Medienbiografie vieler Zuschauerinnen und Zuschauer im Norden.