Zeiten der Politisierung - Der NDR in den 1960er Jahren

von Hans-Ulrich Wagner, Forschungsstelle Geschichte des Rundfunks in Norddeutschland

Die Geschichte des Norddeutschen Rundfunks in den 1960er Jahren spiegelt die politischen, sozialen und kulturellen Umbrüche der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft wider. Aufbrüche und Erfolge, Konflikte und Krisen, die sich in diesem Jahrzehnt ereignen, werden von der großen öffentlich-rechtlichen Dreiländer-Anstalt im Norden der Bundesrepublik dargestellt und analysiert. Dabei treiben der NDR, seine Programmmacher und deren Sendungen die Entwicklungen voran, die in den "Sechzigern" zu mehr politischem Engagement und kritischer Auseinandersetzung der Bürgerinnen und Bürger sowie zu neuen modernen Ausdrucksformen führen – der NDR in bewegten Zeiten der Politisierung.

Konsolidierung und Konflikte – Der NDR als Institution

Dr. Walter Hilpert (1956 – 1961)  Detailansicht des Bildes Dr. Walter Hilpert (1956 – 1961) Die Entwicklung des NDR beim Wechsel von den 1950er zu den 1960er Jahren war geprägt von schrittweiser Konsolidierung, von Wachstum und einer regelrechten Aufbruchstimmung. Die Intendanz von Walter Hilpert von 1956 bis 1961, eine Phase des Übergangs, fand ihr Ende. In den kommenden Jahren etablierte sich der Norddeutsche Rundfunk als eine große moderne Rundfunkanstalt – nicht nur am Medienstandort Hamburg, sondern im gesamten norddeutschen Sendegebiet.

Neue Horizonte

Die Mitarbeiter sahen sich vor große Herausforderungen gestellt. Weitreichende Entscheidungen mussten getroffen werden, um die Hörfunkprogramme angesichts des Siegeszuges des Fernsehens schrittweise umzubauen. Dazu gehörte die Weiterentwicklung der UKW-Sendetechnik ebenso wie die Einführung der Stereofonie. Das Fernsehen entwickelte sich zwar zum neuen Leitmedium für die Bundesbürger, dazu musste es jedoch sein Programmangebot ausbauen und attraktiv halten und es musste sich den technischen Neuerungen anpassen. Eine von ihnen war die Einführung des Farbfernsehens 1967. Vor allem aber mussten moderne Produktionsformen entwickelt werden. Ein Teil der Filmwirtschaft in Hamburg gab seine Konkurrenzhaltung auf, und der NDR zögerte nicht, mit der Gründung der Studio Hamburg Atelier Betriebs GmbH 1961 die entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Film und Fernsehen zu legen.

Wandel und Kontinuität

An der Spitze des NDR standen neben neu gewählten Intendanten auch Vertreter des Führungspersonals, das bereits in den 1950er Jahren erfolgreich gearbeitet hatte. Auf Walter Hilpert, der sich nicht mehr zur Wahl stellte, folgte als neuer Intendant der ehemalige Vorsitzende des Verwaltungsrats, Gerhard Schröder. Sein Stellvertreter wurde der ehemalige Pressereferent im Gesamtdeutschen Ministerium in Bonn, Ludwig Freiherr von Hammerstein-Equord. Die beiden nach parteipolitischem Proporz gewählten Vertreter amtierten bis 1973.

Für Kontinuität standen der Justitiar, Joachim Frels, und der Technische Direktor, Hans Rindfleisch, beide seit 1956/57 im Amt. Ähnliches galt für die beiden Programmdirektoren Hörfunk und Fernsehen. Während Hans Arnold und Franz Reinholz im Wechsel die Geschicke des Radios bis 1972 lenkten, löste der vom Deutschlandfunk in Bonn nach Hamburg gewechselte Dietrich Schwarzkopf 1966 Hans Arnold als neuer Fernsehprogrammdirektor ab.

Parteienproporz

Im Verlauf der 1960er Jahre gewann bei vielen personellen und programmlichen Entscheidungen das parteipolitische Proporzdenken immer mehr an Gewicht. Sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den Aufsichtsgremien des NDR wurde zunehmend politisch argumentiert. Viele Entscheidungen auf den beiden Ebene zeigen, wie die allgemeine Politisierung der bundesrepublikanischen Gesellschaft auch vor dem NDR keineswegs Halt machte.

Panorama-Logo von 1961 © NDR Detailansicht des Bildes Panorama-Logo von 1961 An engagierten, gesellschaftlich brisanten Beiträgen entzündeten sich grundsätzliche Konflikte. "Der NDR – eine Anstalt in der Dauerkrise", eine Schlagzeile wie diese des Handelsblatts (1966) war keine Seltenheit. Über Flaggschiffe des Senders wie "Panorama" und "Hallo Nachbarn" wurde – je nach politischer Ausrichtung der jeweiligen Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen – öffentlich vehement diskutiert.

Umbau – Die Hörfunkprogramme des NDR

Bis zum Ende der 1950er Jahre war Radio gleichzusetzen mit Rundfunk. Der Hörfunk war das Leitmedium. Seine Angebote informierten, bildeten, unterhielten und brachten den Zuhörerinnen und Zuhörern die Kultur nahe. Doch mit dem Siegeszug des Fernsehens brach diese Stellung ein. Die 1960er Jahre bedeuteten für die Radiomacher eine Phase der Neuorientierung. Es genügte nicht, den Publikumsschwund Richtung Fernsehen zu beklagen und eine Abwehrhaltung gegenüber dem Bildschirmmedium einzunehmen – vielmehr musste sich der Hörfunk auf seine eigenen Stärken besinnen und sich neue Rollen zuschreiben.

Das galt auch für den NDR Hörfunk. Insgesamt drei Programme bot der Sender im Norden seinem Publikum an – mit NDR 1 und NDR 2 zwei sogenannte Vollprogramme sowie mit dem "3. Programm" ein anspruchsvolles Zielgruppenprogramm, das ein hochwertiges Kulturprogramm lieferte. Eine Besonderheit im Norden dabei war, dass diese Radioprogramme werbefrei waren.

Programm für alle

NDR 1, das erste Programm, wurde je zur Hälfte vom NDR und vom WDR produziert. Von 6.00 bis 24.00 Uhr gab es auf der Mittelwelle ein vielseitiges Programm. Mit Nachrichten, Wetterberichten, Presseschauen und Kommentaren sorgte man für aktuelle Informationen; die zahlreichen Schulfunk-Sendungen waren nicht nur bei den Schülern beliebt, sondern wurden auch von vielen Erwachsenen zu Hause zur Weiterbildung genutzt. Hinzu kam ein breites Musikangebot, das von Unterhaltungs- bis zu ernster Musik reichte.

Das zweite Programm, NDR 2, wurde ausschließlich vom NDR verantwortet und über das ausgebaute UKW-Netz im Norden ausgestrahlt. Auch hier war die Bandbreite des Angebots weit gefasst. Das Besondere aber waren die regionalen Schwerpunkte. Damit waren die Landesfunkhäuser in Hamburg und Hannover bzw. die Studios in Flensburg, Kiel und Oldenburg in der Lage, gezielt Sendungen für das Publikum in den einzelnen Bundesländern und Regionen anzubieten. Streckenweise war das Programm von NDR 2 "leichter", hatte aber mit dem „Kurier am Mittag“ um 13.00 Uhr und der "Umschau am Abend" um 18.00 Uhr auch wichtige Informationssendungen im Angebot.

Das Prestigeprojekt

Das meist diskutierte Programm seiner Zeit bildete schließlich das "3. Programm". Für den NDR war es ein Prestigeprojekt – seit 1954/55 hatte vor allem Intendant Walter Hilpert Versuche mit einem ambitionierten Kulturprogramm unterstützt. Für Kritiker war es ein intellektuelles, elitäres Unterfangen. Seit 1960 trieb der NDR die Experimente auf dem Gebiet des Kulturradios voran und gewann den Sender Freies Berlin als Partner.

Rolf Liebermann, 1964 © NDR/Annemarie Aldag Fotograf: Annemarie Aldag Detailansicht des Bildes Rolf Liebermann, 1964 Am 1. Oktober 1962 startete das "3. Programm", für das zwei herausragende Persönlichkeiten aus der Kultur gewonnen wurden: Rolf Liebermann, Intendant der Hamburgischen Staatsoper, und Ernst Schnabel, Schriftsteller und Radiopionier. Liebermann und Schnabel wurden nicht als Redakteure angestellt, sondern verantworteten das Programm als freiberufliche "Herausgeber". In mehrere Monate umfassenden "Spielzeiten" brachte man über einige Stunden am Abend hinweg hochwertige Musikproduktionen aus Jazz, Klassik und Moderner Musik und versammelte die Literaturszene der Bundesrepublik zu Lesungen und Diskussionen.

Bewährungsproben

Die Profilierung dieser drei Programme war eine ständige Aufgabe. Mit Strukturreformen reagierte man darauf, dass sich das Verhalten des Publikums grundlegend veränderte. Transistor- und Autoradios machten die mobile Nutzung möglich. Junge Leute wollten die neuen Töne der Pop- und Rock-Musik hören – die Radiomacher mussten also dem Schreckgespenst der "Luxemburgisierung" begegnen, sprich der Attraktivität von Radio Luxemburg auf diesem Gebiet entgegentreten.

Während das Fernsehen abends dominierte, galt es für das Radio, sein Publikum durch den Tag zu begleiten. Magazinformate wurden dabei immer wichtiger. Die früher sehr kleinteilige "Kästchen"-Struktur des Radioprogramms wurde Schritt für Schritt zu größeren Programmflächen umgebaut. Die Stimmen der Moderatorinnen und Moderatoren wurden entscheidend, also ihre Fähigkeit, das Publikum anzusprechen und an das Programm zu binden.

Die Anstrengungen wurden belohnt: War der Hörfunk zahlenmäßig zu Beginn der 1960er Jahren auf einem Tiefpunkt angekommen, bescheinigten Umfragen den NDR Programmen am Ende der Dekade wieder mehr Zuspruch. Die ersten Bewährungsproben waren bestanden.

Aufbruch – Die Fernsehprogrammangebote des NDR

Die herausragende Rolle in dieser Zeit aber übernahm das Fernsehen, das seit 1954 als ARD-Gemenschaftsprogramm Deutsches Fernsehen sendete. Der NDR wurde speziell in der ersten Hälfte der 1960er Jahre zu der führenden Adresse auf diesem Gebiet. Viele Redakteure, die das Programm in den Fernsehstudios in Hamburg-Lokstedt sowie auf dem Gelände von Studio Hamburg in Hamburg-Tonndorf erarbeiteten, galten als innovativ, engagiert sowie als experimentier- und meinungsfreudig. So wurde dem Team um den von 1960 bis 1966 amtierenden Fernsehspiel-Leiter Egon Monk zugeschrieben, nach Lessing eine "zweite Hamburger Dramaturgie" aufgestellt zu haben. Und dem Kreis um den Leiter der Abteilung Zeitgeschehen, Rüdiger Proske, wurde bescheinigt, die politische Bewusstseinsbildung der Bundesbürger mit vorangetrieben zu haben.

Neue Produktionsmodelle

Die Voraussetzungen für diesen Aufbruch waren günstig. Organisatorisch machte die Auflösung des Nord- und Westdeutschen Rundfunkverbands (NWRV) den Weg für neue Produktionsmodelle frei. Die schwerfällige, gemeinsam von NDR und WDR getragene Großorganisation des NWRV war 1961 abgeschafft worden.

Gründer und langjähriger Chef von Studio Hamburg (1947-1980) ist am Montag (12. Dezember) im Alter von 91 Jahren in Hamburg gestorben. Gyula Trebitsch wurde am 3. November 1914 in Budapest geboren. © NDR/Studio Hamburg Detailansicht des Bildes Gyula Trebitsch Werner Pleister, nach dem Krieg erster "Fernseh-Intendant" und führender Kopf beim Fernsehen im Norden, hatte schon 1959 seinen Platz räumen müssen. Der NDR baute die sich seit 1958 anbahnende Zusammenarbeit mit den Filmatelierbetrieben des Real-Film-Mitbegründers Gyula Trebitsch aus, schloss vielfältige Kooperationsverträge, die dann zu Beginn der 1960er Jahre zur Gründung von Studio Hamburg führten. Darüber hinaus schuf der Sender ein Netz von Geschäftskontakten zu kleineren und mittleren Produktionsbetrieben, beispielsweise zu dem jungen kreativen Animationsfilm-Unternehmen "cinegrafik".

Kreative Angebote

Eine zweite Voraussetzung für den Aufbruch kam hinzu. Als sich der Start des Zweiten Deutschen Fernsehens verschob, sollte die ARD eine an sich recht kostenintensive Übergangslösung anbieten – nämlich die Ausstrahlung eines zweiten ARD-Fernsehprogramms zwischen 1961 und 1963. Der NDR, führend auf dem Gebiet des Fernsehens, ergriff diese Chance und nutzte das zweite ARD-Fernsehprogramm als Versuchslabor für interessante neue Angebote.

Programme des NDR wie das Politmagazin "Panorama", große Auslandsreportage-Reihen wie das "Londoner Tagebuch" und die cineastischen Highlights des "Filmclub" erwiesen sich in diesem Experiment als sehr erfolgreich. Eine ähnlich kreative Aufbruchsstimmung herrschte ab Mitte der 1960er Jahre wieder, als man 1965 im Norden das dritte Fernsehprogramm aufbaute und viele Bildungs- und Kultursendungen anbieten konnte.

Konflikte und Krisen

Die Kehrseite dieser Aufbruchsstimmung bildete eine Serie von Konflikten. So gut wie keine Sendung der Magazin-Reihe "Panorama", die seit 4. Juni 1961 regelmäßig ausgestrahlt wurde, ging über die Bildschirme, ohne eine erbitterte Diskussion in der Presse hervorzurufen, die Gerichte zu bemühen und bundesrepublikanische Politiker in Aufruhr zu versetzen. Das neue Format mit einem investigativen Journalismus, politisch engagiert, meinungsfreudig und streitbar, das Rüdiger Proske und der Journalist Gert von Paczensky nach britischem Vorbild aus der Taufe gehoben hatten, eckte an.

Prof. Eugen Kogon - Publizist, Soziologe und Politwissenschaftler. Auch Moderator und Leiter (1964) von "Panorama". © NDR Detailansicht des Bildes Prof. Eugen Kogon - Publizist, Soziologe und Politwissenschaftler. Auch Moderator und Leiter (1964) von "Panorama". Obwohl es immer wieder Unterstützung durch die Verantwortlichen und die Aufsichtsgremien gegeben hatte, zeigten sich bald die Grenzen des damals Möglichen. Im Mai 1963 wurde von Paczenskys Vertrag nicht mehr verlängert; wenig später musste auch Rüdiger Proske seinen Stuhl räumen. Die „Oppositionsfunktion“, die "Panorama" zugeschrieben wurde, führten Journalisten wie Eugen Kogon, Joachim C. Fest und Peter Merseburger fort.

Kristallisationspunkte

Für viele war der NDR in diesen frühen 1960er Jahren der "innovativste Sender der Republik". Im Bereich des Fernseh- und des Dokumentarspiels wurden neue Ausdrucksformen gesucht. Egon Monk, Christian Geissler, Hans Brecht und viele andere griffen aktuelle Entwicklungen des Filmschaffens auf, hielten nach neuen jungen Talenten in Deutschland Ausschau, vernetzten sich international und führten filmgeschichtliche Errungenschaften fort. Monks Fernsehspielabteilung und Brechts "Filmclub"-Redaktion bildeten solche Kristallisationspunkte für Filminteressierte und Filmschaffende, aus denen auch die Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn und Eberhard Fechner hervorgingen.

Die Mitte des Jahrzehnts markierte einen Wechsel. Ende 1965 setzte die Intendanz der Affären-umwitterten Satire-Sendung "Hallo Nachbarn" ein Ende, die seit 1963 im Ersten lief. Die 17. Folge am 29. Dezember 1965 wurde nicht mehr ausgestrahlt. Der Parteieneinfluss war zu groß geworden, das kritische Unterhaltungsformat konnte nicht gehalten werden.

Schwarzweißaufnahme von Egon Monk © NDR Detailansicht des Bildes Egon Monk: Hörspieldramaturg und Regisseur beim NDR (1957 - 1959), Leiter der Hauptabt. Fernsehspiel beim NDR (1960 - 1968), ab 1970 Regisseur und freier Autor des NDR. Egon Monk nahm in dieser Zeit eine neue Herausforderung an – er wechselte auf die Intendanz des Hamburger Schauspielhauses. Sein Nachfolger wurde Dieter Meichsner, dessen intellektuelle Auseinandersetzung mit den aktuellen politischen Strömungen jedoch ganz andere Akzente setzte. Sein Film "Alma Mater" – eine Auseinandersetzung mit der zunehmenden Radikalisierung und Gewalttätigkeit der Studentenbewegung – sorgte für Proteste der APO und für einen Eklat.

Der Norden sieht fern

Bei all dem dürfen die Highlights der Fernsehunterhaltung nicht vergessen werden. Beispielsweise der Sketch "Dinner for one" und die Aufzeichnung von "Tratsch im Treppenhaus" aus dem Hamburger Ohnsorg-Theater, die bis heute als Klassiker gelten, sowie "Die Aktuelle Schaubude" und die spannenden deutschen Krimi-Reihen, die das Fernsehen des NDR nachhaltig mitprägten.

Sowohl die politisierenden und künstlerisch-innovativen als auch die bildenden und unterhaltenden Programme der 1960er Jahre trugen entscheidend dazu bei, dass das damals heftig diskutierte „Fernsehfieber“ auch im Norden um sich griff. Alle diese bemerkenswerten Leistungen zeigten deutlich, dass das Fernsehen anspruchsvoll sein konnte – auf allen Gebieten.