"Bedingt abwehrbereit"

von Florian Bayer und Hans-Ulrich Wagner

"So nicht!" titelte die "Bild"-Zeitung am 5. November 1962. Für das Springer-Blatt war klar: Das am Vortag vom NDR ausgestrahlte Polit-Magazin "Panorama" sei ein "heimtückischer Angriff auf die junge deutsche Demokratie" und ein "Betrug an Millionen deutscher Zuschauer". Auch die "Süddeutsche Zeitung" zum Beispiel wusste von einem "Handgreiflichen Skandal" zu berichten.

Panorama-Logo von 1961 © NDR Detailansicht des Bildes Panorama-Logo von 1961 Was war passiert? "Panorama" hatte die sogenannte "Spiegel"-Affäre aufgegriffen und kritisch beleuchtet. Das sorgte auf der politischen Ebene für ein heftiges Beben: Bereits am Morgen hatte Regierungssprecher Karl-Günther von Hase auf der Bundespressekonferenz der "Panorama"-Redaktion unterstellt, eine verzerrte Berichterstattung zu betreiben. Weitere Proteste der CDU Niedersachsen und des Pressedienstes der CDU/CSU folgten. Die Auseinandersetzung zwischen Politikern, Fernsehjournalisten und Zeitungsmachern bekam eine neue Qualität.

Angeblicher Landesverrat

Den Hintergrund dieses Streits bildeten die Vorgänge um das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" im Herbst 1962. Auslöser war ein Artikel des Redakteurs Conrad Ahlers. Unter dem Titel "Bedingt abwehrbereit" berichtete er von einer NATO-Untersuchung, aus der deutlich werde, dass die Bundeswehr nur mithilfe westlicher Atomraketen in der Lage sei, einen Angriff des Warschauer Pakts auf die Bundesrepublik abzuwehren.

Auf das Bekanntwerden eines solchen Politikums mitten im "Kalten Krieg" reagierte das Bundesverteidigungsministerium alarmiert. Bereits einen Tag nach der Veröffentlichung des Artikels erstattete der Würzburger Staatsrechtler und Oberst der Reserve August Freiherr von der Heydte Strafanzeige wegen Landesverrats gegen den "Spiegel". Der amtierende Verteidigungsminister Franz Josef Strauß beauftragte sofort die Bundesanwaltschaft mit der Ermittlung. Am 23. Oktober 1962 erließ der zuständige Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof die von Strauß angestrebten Haft- und Durchsuchungsanordnungen. Sie führten zur Besetzung der "Spiegel"-Redaktion und zur Verhaftung u. a. der beiden Redaktionsleiter Claus Jacobi und Johannes K. Engel sowie von Conrad Ahlers, der zu der Zeit im Spanien-Urlaub war. Der leitende Redakteur Rudolf Augstein stellte sich einen Tag später.

"Panorama" nimmt Stellung

Das Vorgehen der Polizei und die juristischen Ermittlungen gegen ein Pressehaus sorgten für großes Aufsehen. Erstmals seit 1945 war die Regierung derart heftig gegen ein publizistisches Organ vorgegangen. Dennoch verhielt sich die Tagespresse zunächst abwartend. Zwar war man sich darin einig, die Verhaftungen als solche zu verurteilen, den Vorwurf des Landesverrats mochten viele Tageszeitungen jedoch nicht ohne weiteres zurückweisen. Es schien, als würden der von der Regierung eingeschlagene harte Kurs gegen den "Spiegel" und der damit verbundene Angriff auf die journalistische Freiheit in der Bundesrepublik stillschweigend geduldet werden.

Gert von Paczensky © NDR Detailansicht des Bildes Gert von Paczensky, 1963 Mit der "Panorama"-Sendung vom 4. November 1962 änderte sich diese Situation schlagartig. Erstmals wagte sich ein Magazin an die uneingeschränkte Aufklärung der Verhaftungsaktionen. Die "Panorama"-Journalisten hinterfragten äußerst kritisch den von der Regierung vorgebrachten Vorwurf des Landesverrats. Dabei gab sich die monothematische Magazinsendung auf den ersten Blick keineswegs reißerisch oder skandalös. Doch die knapp 45 Minuten lange "Panorama"-Sendung war geschickt "gebaut", wie die Fernsehmacher sagen würden. In der Redaktion beleuchtete man das Thema mithilfe unterschiedlicher journalistischer Formen. Einen Schwerpunkt der Sendung bildeten die Interviews mit Angehörigen der verhafteten "Spiegel"-Redakteure. Daneben gab es einen kurzen Überblick über die Reaktionen der in- und ausländischen Presse auf die bundesrepublikanischen Ereignisse. Hinzu kam schließlich ein pointiert geschnittenes Stimmungsbild aus Meinungsäußerungen der Bevölkerung. Sogar die "Bild"-Journalisten mussten anerkennen, dass diese Sendung "außerordentlich gekonnt und raffiniert gemacht" sei.

Kritik an der Regierung

Für spezielle Brisanz sorgten schließlich zwei weitere Elemente: Zum einen die Bilder einer erfolglos verlaufenden Hausdurchsuchung bei "Spiegel"-Verlagsleiter Hans-Detlev Becker, die ein "Panorama"-Mitarbeiter begleitet hatte, zum anderen die Ausschnitte aus einer Podiumsdiskussion im Audimax der Universität Hamburg. Hier debattierten Journalistengrößen wie Henri Nannen, Eugen Kogon und Axel Eggebrecht über die Rechtmäßigkeit der Vorgänge und übten deutliche Kritik am Vorgehen der Regierung.

Sie gelten als die Väter von Panorama: Rüdiger Proske und Gerd von Paczensky bei einer Redaktionsbesprechung 1961. © NDR Fotograf: Panorama Detailansicht des Bildes Rüdiger Proske und Gerd von Paczensky bei einer Redaktionsbesprechung 1961. Nicht genug damit. Die in den verschiedenen Filmelementen zum Ausdruck kommende Kritik wurde durch die Moderationen des "Panorama"-Redakteurs Gert von Paczensky unterstützt. Dieser hatte das Magazin gemeinsam mit seinem NDR-Kollegen Rüdiger Proske im Juni 1961 ins Leben gerufen und sich in den bis dahin ausgestrahlten Sendungen als meinungsfreudiger politischer Journalist profiliert. Aber selbst für das schon Ärger gewohnte Team um Proske und von Paczensky war die Ausgabe zur "Spiegel"-Affäre ein heißes Eisen. Entsprechend nervös war man daher auch während der Sendung im NDR Studio. Gert von Paczensky schrieb Jahre später in seiner Publikation "… über Fernsehen": "Wir produzierten und zeichneten einzelne Teilstücke noch auf, als der Anfang schon über den Sender ging; ich hatte ein Stückwerk aus vielen kleinen Einzelheiten zusammengesetzt, und in einer Ecke des Studios hatte ich zwei ungewohnte Redakteure sitzen: Der Intendant und der Justitiar des Senders lasen mein Manuskript genau so hastig durch, wie ich es schrieb, und sie milderten auch manche meiner Formulierungen."

Doch trotz dieser Maßnahme sorgte die "Panorama"-Sendung für jede Menge Zündstoff. Das lag vor allem daran, dass von Paczensky den gegen den "Spiegel" gerichteten Vorwurf des Landesverrats in den Mittelpunkt der Sendung stellte. Damit erreichte die Kritik an der Vorgehensweise der Regierung und speziell an der Person des Verteidigungsministers Strauß ein neues Niveau. Diese Zielsetzung der Sendung verdeutlichte auch die Warnung des prominenten Journalisten Sebastian Haffner am Ende der Sendung: "Wenn die deutsche Öffentlichkeit sich das gefallen lässt, wenn sie nicht nachhaltig auf Aufklärung dringt, dann adieu Pressefreiheit, adieu Rechtsstaat, adieu Demokratie."

Kampf um "Panorama"

Rüdiger Proske © NDR Detailansicht des Bildes Rüdiger Proske, 1968 "Panorama" brachte auf den Punkt, was viele Bundesbürger bisher nur hinter vorgehaltener Hand zu äußern gewagt hatten. Entsprechend heftig fielen daher die Reaktionen der Regierungskoalition und von Teilen der Presse aus. NDR Intendant Gerhard Schröder verteidigte seine "Panorama"-Redakteure und ließ die Proteste zunächst ins Leere laufen. Doch die CDU machte ihren Einfluss in den Gremien der Rundfunksender republikweit geltend und so kam es zu einem offenen Streit der ARD-Intendanten entlang der Parteilinien. Während sich Intendanten wie Gerhard Schröder oder Walter Steigner vom SFB auf die Seite von "Panorama" stellten, forderten ihre CDU-freundlichen Kollegen scharfe Auflagen für die Sendung. Der Intendant des SR, Franz Mai, drohte sogar mit einem Ausstrahlungsboykott von "Panorama", wenn der NDR diese Art des Journalismus nicht unterbinden würde.

Erfolgreicher Einsatz für die Pressefreiheit

Inzwischen hatte sich die öffentliche Meinung jedoch grundlegend gewandelt. Nach "Panorama" übte das Fernsehmagazin "Report" aus München ebenfalls Kritik am Vorgehen gegen den "Spiegel". Bald änderte sich auch die bis dahin noch vage gebliebene Haltung der Tagespresse, denn immer mehr Widersprüche und Lücken in der Argumentation der Regierung traten auf. Nahezu alle Zeitungen verurteilten nun die staatliche Vorgehensweise gegen den "Spiegel". Die Print-Journalisten hatten inzwischen begriffen, dass es nicht mehr nur um die Verhaftung der "Spiegel"-Redakteure, sondern vielmehr um einen staatlichen Angriff auf die deutsche Pressefreiheit ging.

Die massive Kritik in den Medien setzte die Bundesregierung zunehmend unter Druck. Immer deutlicher wurden die öffentlichen Anschuldigungen gegen ein fragwürdiges Zusammenspiel von Regierung und Justiz im Vorgehen gegen den "Spiegel". Am 30. November 1962 trat Franz Josef Strauß als Verteidigungsminister zurück.

Strauß ging, "Panorama" blieb. Der NDR begegnete den konservativen Parteivertretern in den Rundfunkgremien und ihrer Kritik an der Sendung mit der Zusicherung, die Redaktion personell zu verstärken und jede Ausgabe vor ihrer Ausstrahlung von der Intendanz abnehmen zu lassen.

Als meinungsstarkes politisches Magazin sorgte "Panorama" aber auch in den folgenden Jahren mit seinem Dreiklang aus Recherchieren, Aufdecken und Nachfragen für Kontroversen. Das ist bis heute so geblieben. Sendungen wie die zur "Spiegel"-Affäre haben sicherlich mit dazu beigetragen, das politische Bewusstsein der deutschen Bevölkerung zu schärfen.

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