Im Porträt: Die Intendanten und ihre Stellvertreter
Die Bildergalerie zeigt die Intendanten und Stellvertretenden Intendanten des NDR.
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Martin Schumacher: "1991 fiel der Startschuss für die schönste und spannendste Phase meines Berufslebens"
Manchmal im Leben passen Elemente der eigenen Geschichte so gut zusammen, dass völlig unerwartet etwas ganz Neues geschieht. So ging es mir vor 20 Jahren mit einigen Teilen meiner Geschichte und mit dem NDR in Mecklenburg-Vorpommern. Von dort stammen meine Vorfahren. Sie waren Handwerker, Bäcker, Schulmeister. Orte wie Bargeshagen, Lübtheen, Bad Doberan gehörten zu ihren Erzählungen, sind Erinnerungen an meine Kindheit.
Vor meiner Zeit im NDR war ich zwei Wahlperioden lang Abgeordneter der FDP im Schleswig-Holsteinischen Landtag. In dieser Zeit hatte es mehrere Besuche in Mecklenburg gegeben. In Rostock hatte die FDP politische Kontakte zur Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD) gesucht. Dabei lernte ich Conrad-Michael Lehment, den späteren Wirtschaftsminister in der CDU/FDP-Landesregierung unter Ministerpräsident Alfred Gomolka, kennen und schätzen.
Martin Schumacher war von 1985 bis 1991 Chef vom Dienst beim Fernsehen im NDR Landesfunkhaus in Schleswig-Holstein. Von 1992 bis 2002 leitete er die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit im NDR.
Im Frühjahr 1991 dann - ich war seit 1983 im NDR Studio Norderstedt und seit 1985 beim "Schleswig-Holstein-Magazin“ in Kiel aktiv - kam ein Auftrag von NDR Intendant Jobst Plog, der meine Interessen, Leidenschaften und Aufgaben in noch nicht dagewesener Weise miteinander verknüpfte und der Startschuss für die schönste und spannendste Phase meines Berufslebens war.
Gerd Schneider, Martin Schumacher, Siegfried Grupe (v.l.)
"Kümmere Dich um die Liberalen in Schwerin", lautete der Auftrag von Jobst Plog. Die Liberalen hatten schon im Herbst 1990 in die Entwürfe für eine Koalitionsvereinbarung mit der CDU den NDR als Rundfunkpartner hineingeschrieben. Und nur, um die politischen Preise zu erhöhen, war diese Vorfestlegung wieder getilgt und auf die Notwendigkeit von Verhandlungen mit dem NDR verwiesen worden.
Kontakte also zu den Liberalen, das war zunächst ein Heimspiel,denn da holte mich die eigene Vergangenheit ein: Neithart Neitzel, Staatssekretär im Sozialministerium in Schwerin, war ein knappes Jahrzehnt zuvor mein Kollege und Chef der Landtagsfraktion in Kiel gewesen. Andere Mitstreiter und Mitarbeiter in den neuen Schweriner Ministerien waren mir bekannt aus der Ministerialbürokratie in Kiel, aus dem Hamburger Rathaus oder aus gemeinsamen Zeiten bei den Jungdemokraten, selbst wenn einige das Parteibuch gewechselt hatten.
Das waren die einen, die "Wessis", die sich für Mecklenburg-Vorpommern entschieden hatten und für den NDR. Sie bereiteten den Weg für die Spitzenliberalen im Lande, den stellvertretenden Ministerpräsidenten und Sozialminister Dr. Klaus Gollert, für Conrad-Michael Lehment, den Wirtschaftsminister und klugen Freund, und für Walter Goldbeck und die selbstbewusste, liberale Landtagsfraktion.
Die späteren offiziellen Entscheidungen im Kabinett und im Landtag, das Sich-Überstimmenlassen und das Risikospiel mit wechselnden Mehrheiten hatten, was die Position der Liberalen angeht, zumindest zwei Vorstufen.
Bereits am 13. April 1991 stimmte ein FDP-Parteitag in Güstrow mit großer Mehrheit für die Zusammenarbeit mit dem NDR, und wenige Wochen später konnte ich in der FDP-Landtagsfraktion meine eigene Vorlage zum NDR begründen und anschließend sehr stolz und ziemlich gerührt das einstimmige Votum der Fraktion meinen Chefs präsentieren. Stolz war ich insbesondere auf "meinen" NDR, auf die Stimmigkeit seiner Angebote und darauf, ihn in diesen Monaten in Mecklenburg vorstellen und repräsentieren zu dürfen.
Jobst Plog und Alfred Gomolka beim Jahresempfang.
Jobst Plog hatte in Hamburg lange und intensiv mit uns diskutiert: Über Angebote an das neue Land, über Studios und Leitungen, Zuständigkeitsverlagerungen und Sendeplatzgarantien. Zu guter Letzt, und das ist sicher die Grundlage des Erfolges gewesen, hat er nicht mehr versprochen als der NDR auch halten konnte und zu halten vorhatte und heute, zwei Jahrzehnte später, tatsächlich als gehalten vorweisen kann.
Es waren strategisch kluge, glaubwürdige, nachvollziehbare Vorgaben des Intendanten, immer auch nachprüfbar am Referenzfunkhaus in Kiel, das ich ja besonders gut kannte. Und mit solchen Leitplanken und an sehr langer Leine (damals wie heute das beste Rezept, Mitarbeiter zu Höchstleistungen zu bringen) haben wir um Vertrauen zum NDR gekämpft.
Das waren aufregende Wochen, viele Argumentationspapiere, Gespräche und Diskussionen, Reflexionen über die Chancen eines vierten Staatsvertragslandes angesichts der drei politisch anders regierten bisherigen Vertragspartner. Berichte aus dem Innenleben des NDR über Programme und Prominente, über Rundfunkfreiheit und Rahmenbedingungen der ARD. Und darüber: Wie funktioniert überhaupt ein Landesfunkhaus, wie funktioniert insbesondere das in Kiel?
Nächtliche Geheimtreffen in Büros in Hamburg und Schwerin, in Hotels auf dem Lande und in Gästehäusern – wiederholbar wäre das alles heute nicht mehr. So etwas konnte nur in wenig gefestigten, weil neuen parlamentarischen Strukturen klappen, bei einer fröhlich, leicht anarchistischen Grundhaltung einzelner Akteure und angesichts der Tatsache, dass Koalitionsdruck, Fraktionszwang und Kabinettsdisziplin noch Fremdwörter waren. Welch ein Segen für den NDR.