Das Floß der Medusa

von Hans-Ulrich Wagner

Wie studentische Proteste 1968 zum "Untergang einer Uraufführung" führten

In der Presse ging es hoch her: "Konzert-Skandal in Hamburg“ titelte das "Hamburger Abendblatt", "Ein 80 000-DM-Mißverständnis" wusste die "Bild"-Zeitung zu vermelden, "Rot vor den Augen" wurde es der "Zeit" und für die "Süddeutsche Zeitung" war klar: "‘Das Floß der Medusa‘ – gestrandet". Der 9. Dezember 1968 bescherte der Musikgeschichte einen handfesten Konzerteklat, und die Hansestadt erlebte eine der für diese Zeit typischen Protestaktionen der "68er"-Studentengeneration.

"Ho, ho, Ho Chi Minh" hieß es in diesem politischen Krisenjahr nicht mehr nur in Berlin, sondern auch in Hamburg. Das Kultur-"Establishment" hatte seinen Skandal – so hatten es sich die demonstrierenden Studentengruppen gewünscht. Doch die Sache an diesem Dezember-Abend des Jahres 1968 zeigt, wie verunsichert alle Beteiligten waren und wie schwierig es war, neue Formen der Auseinandersetzung zu finden.

Am Anfang stand ein Auftragswerk

Proben zur Aufführung "Das Floß der Medusa" in der Halle B in "Planten un Blomen". © NDR Fotograf: Hans-Ernst Müller Detailansicht des Bildes Charles Regnier und Hans Werner Henze bei den Proben zur Aufführung "Das Floß der Medusa" in der Halle B in "Planten un Blomen". Den Ausgangspunkt bildete eine Auftragsarbeit des NDR. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Norden kam damit seiner Aufgabe als Kulturvermittler und Kulturproduzent nach. Ein umfangreicher Kompositions- und Libretto-Auftrag ging an den Komponisten Hans Werner Henze (*1926) und an den Schriftsteller Ernst Schnabel (1913-1986). Beide Künstler waren dem NDR eng verbunden – Ernst Schnabel war von 1951 bis 1955 Intendant des Hamburger Funkhauses des NWDR gewesen; Hans Werner Henze und Ernst Schnabel arbeiteten seit den 1960er Jahren für das "dritte Hörfunkprogramm" des NDR und standen mit Franz Reinholz, dem Programmdirektor Hörfunk, in engem Kontakt. Das Radioprogramm des "Dritten" hatte sich bewusst künstlerischen Hochleistungen verschrieben, wollte intellektuelle Diskussionen befördern, Literatur anregen und neueste Musik darbieten.

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Überleben nur für Priviliegierte? Ein politisches Werk

Interview mit Franz Reinholz, Programmdirektor Hörfunk des Norddeutschen Rundfunks über "Das Floß der Medusa" und die Entwicklung zu einem politischen Werk.

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Das Floß der Medusa

Erste Pläne für ein neues Oratorium waren im Januar 1966 besprochen worden, ein Vertrag im August 1967 unterzeichnet. Zu diesem Zeitpunkt sind die Überlegungen der beiden Künstler bereits thematisch soweit gereift, dass klar ist: Im Mittelpunkt steht die Geschichte der Fregatte Medusa. Sie kenterte 1816 auf ihrer Fahrt nach dem Senegal, viele Schiffbrüchige mussten auf einem Floß kannibalistisch ums Überleben kämpfen. Ein zeitgenössischer Bericht hatte für Empörung über das unmenschliche Verhalten von Kapitän, Oberschicht und Geistlichkeit gesorgt und die revolutionären Stimmungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts befördert. Hinzukam das berühmte, durch den Bericht angeregte Gemälde "Le Radeau de la Méduse", das Théodore Géricault 1819 vorgestellt hatte.

Mitte der 1960er Jahre kam man überein, diesen politischen Stoff aufzugreifen und auszugestalten. Das Oratorium sollte am 9. Dezember 1968 öffentlich aufgeführt und gleichzeitig im Abendprogramm des populären Mittelwellen-Programms ausgestrahlt werden.

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Interview mit dem Komponisten Hans Werner Henze

Der Komponist Hans Werner Henze spricht im Interview mit Werner Hill über den politischen Hintergrund und warum er sein Werk dem Revolutionär Che Guevara gewidmet hat.

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Politischer Sinneswandel

Die Ausarbeitung des Librettos und der Partitur verlief reibungslos. Im Verlauf der ersten Hälfte des Jahres 1968 arbeiteten Hans Werner Henze und Ernst Schnabel gemeinsam intensiv an dem Werk. Doch die politischen Ereignisse überschlugen sich und die beiden Künstler reagierten darauf.

Ein erster Streitpunkt zeichnete sich ab, als bekannt wurde, dass das Werk die Widmung "Für Che Guevara" erhalten sollte. Der lateinamerikanische Guerillaführer war im Oktober 1967 in Bolivien hingerichtet worden und avancierte bei den "linken" Protestbewegungen in Mitteleuropa zu einer Ikone. In Deutschland radikalisierten sich diese 1968, nachdem im Februar der Internationale Vietnam-Kongress in Berlin stattgefunden hatte, im April ein Attentat auf Rudi Dutschke verübt worden war und Widerstand gegen die im Mai verabschiedeten Notstandsgesetze geübt wurde.

Den NDR Programmverantwortlichen war vor allem Henzes "politischer Sinneswandel" um Ostern 1968 bekannt geworden, wie ein interner Bericht festhält. Doch mit dem damals schon berühmten Komponisten einigte man sich, dass das Libretto als Teil des geplanten Programmheftes gedruckt werde, allerdings ohne die politisierende Widmung.

Prominente Besetzung und anstrengende Proben

Im April 1968 war entschieden worden, das "Sonderkonzert" des NDR in der Halle B des Hamburger Parks "Planten un Blomen" stattfinden zu lassen. Eine Besichtigung des Großen Saales der Musikhalle durch den Komponisten und den Bühnenbildner hatte ergeben, dass der Bühnenaufbau mit seinem breiten, nach hinten in Stufen ansteigenden Podium dort nicht zu realisieren war. Die beiden Bühnenbereiche – links die "Seite der Lebenden", rechts die "Seite der Toten" – sowie die sich dazwischen bewegenden Chöre brauchten mehr Raum.

Im Mai 1968 nahm man die Probenarbeit mit dem Chor des NDR sowie dem RIAS-Kammerchor und dem Knabenchor St. Nikolai Hamburg auf. Die Orchesterproben begannen im November 1968. Die solistischen Partien waren mit Edda Moser als La Mort, mit Dietrich Fischer-Dieskau als Jean-Charles und mit Charles Regnier in der Sprecher-Rolle als Charon äußerst prominent besetzt. Vom 25. November an übernahm der Komponist Hans Werner Henze das Dirigat. Die Proben mit dem Maestro waren anstrengend, verliefen aber harmonisch, wie sich Margot Fehling, eine der Sängerinnen des NDR Chores, erinnert.

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