NDR Geschichte(n)

Zehn Jahre Rolf-Liebermann-Studio

von Gaby Büchelmaier

Willkommen zum "Probesitzen" 

Jobst Plog, Hélène Liebermann-Vida, Witwe von Rolf Liebermann, und  Paul Spiegel (v. l.) bei der Einweihung des Rolf-Liebermann-Studios, NDR Hamburg, März 2000. © NDR Fotograf: Gita Mundry Detailansicht des Bildes Jobst Plog, Hélène Liebermann-Vida, Witwe von Rolf Liebermann, und Paul Spiegel (v. l.). Unter dem Motto "Probesitzen" lud der damalige NDR Intendant Prof. Jobst Plog die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im März 2000 ein, das ehemalige Studio 10 nach Renovierung und Umbenennung selbst in Augenschein zu nehmen. Aber durfte man das so salopp nennen: "Probesitzen"? Klang das nicht ein wenig despektierlich - der Geschichte des ehemaligen jüdischen Tempels, aber auch den Mitarbeitern gegenüber? Die Formulierung im Entwurf der Einladung sorgte für intensive Diskussionen. Aber schlussendlich blieb es dabei: Dieses Haus gehört zum NDR, zu seiner Geschichte, zu seinen Mitarbeitern. Und deshalb durften die dann auch "Probesitzen" und sich vom neuen Glanz des historischen Gebäudes überzeugen. 

Berühmter Künstler als Namensgeber

Einweihung Rolf-Liebermann Studio, NDR Hamburg, März 2000 © NDR Fotograf: Gita Mundry Detailansicht des Bildes Paul Spiegel, Zentralrat der Juden, bei der Einweihungsrede, März 2000 "Studio 10" oder "Großer Sendesaal" - unter diesen Bezeichnungen firmierte das Studio über Jahrzehnte. Am 6. März 2000 erhielt es einen neuen Namen: Rolf-Liebermann-Studio. Damit erwies der NDR einem bedeutenden Künstler, der aufs engste mit dem Sender verbunden war, seine Referenz: Rolf Liebermann, weltberühmter Komponist, Förderer zeitgenössischer Klänge, ehemaliger Intendant der Hamburgischen Staatsoper und von 1957 bis 1959 Leiter der Hauptabteilung Musik beim NDR.  

Die festliche Einweihung zur Wiedereröffnung des Studios stand ganz im Zeichen der besonderen Bedeutung des Gebäudes für die jüdische Gemeinde der Hansestadt und für den NDR. Es war eine besondere Ehre, dass Paul Spiegel, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, der Einladung des Intendanten gefolgt war und die Gastrede hielt.  

Rückblick: Das Haus an der Oberstraße 120

Rolf-Liebermann-Studio, NDR Hamburg © NDR Fotograf: Gita Mundry Eingang des Rolf-Liebermann-Studios an der Oberstraße 120 in Hamburg.

Am 11. Dezember 1817 gründen 65 jüdische Hausväter den Hamburger Tempelverein. Ganz bewusst entscheiden sie sich für den Ausdruck "Tempel" statt "Synagoge" und verdeutlichen damit ihren reformatorischen Ansatz: Deutsche Predigten und Lieder, kürzere Gebete sowie Orgelbegleitung sollen hierfür ebenso die Basis bilden wie eine andere Organisation des Alltagslebens. Ziele der Hausväter waren die Erneuerung des Glaubens und der Wunsch, sich stärker in die deutsche Gemeinschaft zu integrieren.  

1908 beschließt der Verein, einen neuen Tempel zu bauen. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verzögert sich die Planung jedoch erheblich, sodass erst 1929 ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben werden kann. Die Gewinner dieses Wettbewerbs sind die beiden jüdischen Architekten Felix Ascher und Robert Friedmann. Ihr Entwurf eines Tempels, der sich am Bauhaus-Stil orientiert, ist für die Zeit äußerst gewagt. Bis dahin waren fast alle Neubauten jüdischer Gotteshäuser von nicht-jüdischen Architekten entworfen worden und damit - nach Auffassung Aschers - an christliche Gotteshäuser angelehnt. Daher legen Ascher und Friedmann bei ihrem Entwurf Wert darauf, "jede dem Judentum fremde, mystische Wirkung zu vermeiden" (Felix Ascher, "Der neue Tempel").  

Der neue Tempel, dessen Errichtung rund 560.000 Reichsmark gekostet hat, wird am 30. August 1930 eingeweiht. In der Pogromnacht des 9. Novembers 1938 wird seine Inneneinrichtung zerstört. Schon vor dieser Nacht ist das jüdische Leben im Tempel jedoch weitgehend zum Erliegen gekommen. Viele Gemeindemitglieder sind bereits emigriert, bevor der letzte Oberrabbiner der Gemeinde, Dr. Bruno Italiener, 1938 nach England auswandert. 

 

Ein Studio für den NDR

Im Juli 1941 geht das Gebäude zunächst in den Besitz der Hansestadt Hamburg über, die es 1946 an den damaligen NWDR vermietet. Es folgt der Umbau in einen großen Konzertsaal. Im Juli 1953 kauft der NWDR das Gebäude von der Jewish Trust Corporation. 1982 wird das Haus unter Denkmalschutz gestellt, ein Jahr später vor dem Eingang das aus Muschelkalk bestehende Mahnmal der Künstlerin Doris Waschk-Balz errichtet. Es soll daran erinnern, dass das Gebetshaus geschändet, aber nicht zerstört wurde. 

Heute zeugen das vergoldete Deckengewölbe im Obergeschoss und das restaurierte kreisrunde Fenster in Form der jüdischen Menora, des siebenarmigen Leuchters, von der Geschichte dieses Hauses.  

Zehn Jahre Rolf-Liebermann-Studio

Klassische Konzert, Lesungen, Matineen, Jazz, "Sonntakte"  - seit Jahrzehnten ist das Studio eine der ersten Adressen für Kulturinteressierte nicht nur aus Hamburg. Bis heute ist es auch Probenbühne für die "Hamburger" Klangkörper des NDR - das Sinfonieorchester, die Bigband und den Chor.  

Seine Geschichte und das besondere Flair als Studio tragen zu seiner Attraktivität bei. Vor allem aber ist es zentraler Begegnungsort für Musikliebhaber. Bedeutende NDR Konzertreihen wie das neue Werk haben dem Studio einen international herausragenden Ruf in Sachen Neuer Musik eingebracht. Arnold Schönberg und Pierre Boulez gehören zu den großen Namen, die sich mit dem Studio verbinden. Jazz aller Stilrichtungen sorgt für ausverkaufte Konzerte und Begeisterungsstürme. Die noch junge Reihe "Sonntagsmatineen", oft von NDR Kultur und dem NDR Fernsehen live übertragen oder aufgezeichnet, hat mit großen Stars wie Siegfried Lenz oder Wolf Biermann ihr Publikum im Sturm erorbert. 

Ansichten: Rolf-Liebermann Studio, NDR Hamburg © NDR Fotograf: Gita Mundry Detailansicht des Bildes Bequeme Sessel im Studio ermöglichen unbeschwerten Kulturgenuss. Moderne Technik, verstellbare Podeste und ein barrierefreier Zugang sind die Selbstverständlichkeiten im Rolf-Liebermann-Studio, die ungetrübten Genuss von Anfang an garantieren. In einem Teil des Saals sorgt zudem eine Induktionshöranlage für ein intensiveres und verständlicheres Hörerlebnis für Hörgeschädigte. Die bequeme Bestuhlung ist da nur noch das i-Tüpfelchen - das zu mehr als nur zu einem "Probesitzen" einlädt.

 

Bildergalerien
Ansichten: Rolf-Liebermann Studio, NDR Hamburg © NDR Fotograf: Gita Mundry
 
Bildergalerie

Die Bildergalerie zeigt Ansichten aus dem Rolf-Liebermann-Studio.

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Audios

NDR eröffnet Rolf-Liebermann-Studio

Ein Bericht über die Eröffnung in der ehemaligen Synagoge an der Oberstraße.

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Interview mit Rolf Liebermann

Der Intendant a.D. der Hamburgischen Staatsoper spricht im NDR Hörfunk über Nachwuchsförderung.

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Rolf Liebermann wird 85 Jahre alt

Die Geburtstagsfeier findet in Hamburg statt. Ein Bericht aus dem NDR Hörfunk.

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Rolf Liebermann hört auf

Am Ende seiner Tätigkeit als Intendant der Hamburgischen Staatsoper spricht Rolf Liebermann im NDR Hörfunk über seine weiteren Pläne.

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Nachruf auf Rolf Liebermann

Am 2. Januar 1999 starb der Komponist und Intendant in Paris. Der NDR Hörfunk erinnert an Rolf Liebermann.

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Geschichte
Rolf Liebermann, Schweizer Komponist, Opernintendant und 1957/58 Leiter der Musikabteilung des NDR. © © NDR/Annemarie Aldag - Verwendung nur im genannten NDR-Zusammenhang bei Nennung Bild: NDR/Annemarie Aldag (S2). NDR Presse und Information/Fotoredaktion Tel.: 040 4156-2311, Fax: -2199. Fotograf: Annemarie Aldag
 

Eine Leidenschaft: Rolf Liebermann und die Musik

Er war einer der großen Opern-Intendanten des 20. Jahrhunderts. mehr

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Funkhaus Hamburg vor dem Umbau, 1948 © NDR/Weidenbaum
 

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