Kultur im Radio - von "Spielzeiten" und "Herausgebern"

von Hans-Ulrich Wagner

Das Dritte Hörfunkprogramm von NDR und SFB von 1962 bis 1968

Rolf Liebermann, 1964 © NDR Fotograf: Annemarie Aldag Detailansicht des Bildes Rolf Liebermann: Schweizer Komponist, Opernintendant und 1957/58 Leiter der Musikabteilung des NDR In den 1960er-Jahren experimentierten NDR und SFB mit einem ganz besonderen gemeinsamen Kulturradio-Programm. Das Dritte Programm, ausgestrahlt von 19.30 Uhr bis Mitternacht, wurde zwischen 1962 und 1968 von prominenten Persönlichkeiten des kulturellen Lebens konzipiert. Ernst Schnabel, Rolf Liebermann, Samuel Bächli, Hans Werner Henze und Walter Höllerer prägten als freiberufliche „Herausgeber“ das Dritte Programm von NDR und SFB. In „Spielzeiten“ gegliedert, bot es Wort- und Musikbeiträge auf höchstem Niveau. Mit diesem Experiment reagierte man auf die kulturellen und politischen Entwicklungen der 1960er-Jahre. Angesichts der Konkurrenz durch das Fernsehen wurde gezielt ein „anspruchsvolles und kritisch interessiertes, kurz: ein neugieriges Publikum“ angesprochen, wie die Herausgeber in ihrer Begrüßung am am 1. Oktober 1962 formulierten.

Gelegentlich finden sich noch einzelne Exemplare in Antiquariaten - eine große „3“, unterschiedlich farbig gestaltet, ziert das Cover der quadratischen, in der Größe an die Hülle einer Single-Schallplatte angelehnten Programmbroschüren des „Dritten Programms“ von NDR und SFB. Vierteljährlich informierten diese liebevoll gestalteten Programmvorschauen die Hörerinnen und Hörer über ein Kulturangebot von außergewöhnlicher Qualität. Blättert man in den Heften, wird schnell klar: viele Namen, die im bundesrepublikanischen Literatur- und Theaterbetrieb, im Konzert- und Opernsaal, in den Universitäten und Akademien der bewegten 1960er Jahre von sich reden machten, erhielten Rede- und Aufführungszeit im „Dritten Programm“.

„Das Dritte Programm will niemanden unterhalten“

Mit diesem Versprechen auf ein „Who‘s Who“ der Kultur ging man am 1. Oktober 1962 an den Start. Gleichermaßen einladend und auffordernd verkündete die Broschüre für „die ersten zwölf Wochen“: „Das Dritte Programm ist nicht für Hörer, sondern für Zuhörer gedacht; es wünscht sich ein anspruchsvolles und kritisch-interessiertes Publikum. Das Dritte Programm will niemanden unterhalten, aber es wird bemüht sein, seinem Publikum Gelegenheit zu geben, sich selbst zu unterhalten“.

Tradition der Nachtprogramme

Die Gründe, zu Beginn der 1960er-Jahre ein solches anspruchsvolles Experiment zu wagen, waren vielfältig. Zunächst einmal war es die konsequente Fortführung der Tradition, Radio als ein Kulturinstrument zu begreifen.

Schon kurze Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatten speziell die „Nachtprogramme“ die Funktion übernommen, eine „Weltbetrachtung – 10 Uhr abends“ zu bieten, wie es Jürgen Schüddekopf, „Nachtprogramm“-Redakteur beim Nordwestdeutschen Rundfunk, formulierte. Die intellektuellen Debatten, die in der noch jungen Bundesrepublik geführt wurden, die Streitgespräche über die Gründung und den Aufbau eines neuen demokratischen Gemeinwesens wurden auch und gerade im Radioprogramm verhandelt. Ein weiter Begriff von Kultur herrschte vor, alle gesellschaftlichen Themen wurden in den Nachkriegsjahren unter kulturellen Vorzeichen diskutiert.

Vorbild BBC

Daher ist es verständlich, dass die Senderverantwortlichen und die Kulturredakteure interessiert auf die Einführung eines dritten Programms bei der BBC schauten. Die britische Rundfunkanstalt bot seit längerem neben ihrem Hauptprogramm ein ausgesprochen unterhaltendes „light programme“ an sowie eben jenes „third programme“, ein drittes, gezielt intellektuelles Programm mit klassischer Musik, Literatur, Essays und Diskussionen.

Beim NWDR war im Winter 1954/55 eine erste Versuchsreihe mit einem „Dritten Programm“ gestartet, seit 1956/57 gehörte es fest zum Programmangebot des Senders im Norden.

Das  „Herausgeberradio“

NDR Geschichte(n): Wer hört, gewinnt, Aufnahme von 1950  Detailansicht des Bildes Wer hört, gewinnt - eine Funklotterie des NWDR. v.l.: Just Scheu, Dr. Walter Hilpert und Hansi Eggeling NDR Intendant Walter Hilpert und Hörfunk-Programmdirektor Hans Arnold förderten diese Angebote eines „Dritten Programms“ nachdrücklich. Eine neue Idee, die zu Beginn der 1960er Jahre aufkam, war überaus verlockend: Neben den Redakteuren, die sich im Haus um Hörspiel und Literatur, Konzerte und Opern kümmerten, sollten jetzt zusätzlich Persönlichkeiten engagiert werden, die mit ihrem Profil ein kulturelles Programmangebot prägen und vor allem ihre Vernetzungen im Literatur- und Musikbetrieb fruchtbar machen können. Auf Honorarbasis sollten sie neben ihren anderweitigen beruflichen Aufgaben für einige Jahre an das Medium Rundfunk gebunden werden. Als „Herausgeber“ sollten sie unabhängig ihre Konzeptionen entwickeln und so neue wichtige Impulse vermitteln können.

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Dr. Hans Arnold (Stellvertretender Intendant und Hörfunkdirektor 1956 – 1961)
 
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Über das Dritte Programm

Laut Hans Arnold, Programmdirektor des Norddeutschen Rundfunks, beginnt das dritte Programm für Zuhörer, die keine bunte Garnierung brauchen, eine Institution zu werden.

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Das dritte Programm

Die Programmfahne von Anfang Oktober 1962 zeigt einen dezidierten Überblick.

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Das dritte Programm im Herbst 1967

Die Programmbroschüre gibt einen Überblick über zwei Monate.

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