Das "Nachwuchsstudio" des NDR

von Dr. Hans-Ulrich Wagner

Für viele junge angehende Journalisten bedeutete ein Kurs im „Nachwuchsstudio“ den Start der Rundfunkarbeit und einer Karriere in Radio und Fernsehen. Was war das "Nachwuchsstudio", das der NDR am 1. April 1963 startete und zu dessen erstem Leiter der renommierte Journalist Axel Eggebrecht (1899-1991) berufen wurde?

Mit der Gründung einer Einrichtung zur Nachwuchsausbildung reagierte der NDR auf Vorwürfe aus dem Pressebereich. Die Konkurrenten aus den großen Verlagshäusern attackierten die öffentlich-rechtlichen Sender, sie würden allzu oft die im Pressevolontariat gut ausgebildeten Mitarbeiter abwerben, statt in eine eigene Ausbildung zu investieren. Da der Kampf zwischen den Verlegern und den Rundfunkverantwortlichen sich in diesen Jahren wieder einmal zugespitzt hatte, sollte zumindest auf diesem Feld Abhilfe geschaffen werden. Der Norddeutsche Rundfunk wurde 1962/63 zum Vorreiter einer Entwicklung, die in den 1980er Jahren dann zu einer regelmäßigen Volontärausbildung führen sollte.

Axel Eggebrecht (Aufnahme: Mai 1963) © NDR Axel Eggebrecht, Leiter des NDR "Nachwuchsstudios" von 1963 bis 1971 (Aufnahme: Mai 1963)

Die Idee dazu kam aus der Hörfunk-Direktion. Franz Reinholz, Programmdirektor Hörfunk, sowie Wolfgang Jäger, Hauptabteilungsleiter und designierter Nachfolger von Reinholz, entwickelten in zahlreichen Gesprächen die Pläne. Hamburg hatte als Standort Tradition in der rundfunkjournalistischen Ausbildung. Schon einmal 1947 hatte der damalige Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) mit der "Rundfunkschule" eine Ausbildungsstätte gegründet, die beispiellos war. Diese "Rundfunkschule" hatte sich ihr Vorbild in der "Training School" der BBC genommen und übte in den unmittelbaren Nachkriegsjahren 1947/48 mit jungen Leuten die Arbeit in einem neuen, demokratischen Rundfunk ein. Mit großem Erfolg, wie die Rundfunkarbeit der späteren Jahre zeigte, die maßgeblich auch von Absolventen der Hamburger "Rundfunkschule" mitgeprägt wurde.

Radiolegende Axel Eggebrecht

Zu Beginn der 1960er Jahre stand man erneut an einem Wendepunkt. Speziell das Radio geriet in die Krise und verlor mehr und mehr seine Rolle als Leitmedium an das Fernsehen. Aber auch gesellschaftlich bahnte sich ein Umbruch an, eine neue, kritische Medienöffentlichkeit setzte sich durch. Der NDR reagierte mit einer Ausbildungsoffensive und der Gründung des "Nachwuchsstudios". Zum Leiter der neuen Einrichtung berief man eine Persönlichkeit, die inzwischen zu einer Radiolegende geworden war und die wie kaum eine andere die leidenschaftliche Arbeit im und mit dem Medium Radio verkörperte – den Hamburger Journalisten Axel Eggebrecht.

Axel Eggebrecht und von Peter von Zahn © NDR Detailansicht des Bildes Axel Eggebrecht und von Peter von Zahn zählten zu den ersten deutschen Programm-Mitarbeitern des Senders 1945 Axel Eggebrecht (1899-1991), freier Schriftsteller und Publizist, übernahm die neue Rolle als Mentor des Nachwuchses. Von 1945 an hatte der gebürtige Leipziger als festangestellter Redakteur den Nordwestdeutschen Rundfunk mitaufgebaut, seine Programme mitgeprägt und an der "Rundfunkschule" des NWDR unterrichtet. 1949 hatte er seine Position in einem Streit um die politische Entwicklung der neu gegründeten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt gekündigt und fortan nur noch freiberuflich für den Rundfunk geschrieben. Zu Beginn der 1960er Jahre näherten sich der engagierte Journalist und sein ‚Haussender‘ NDR einander wieder an. Mit der Übertragung der neuen Aufgabe als Leiter des "Nachwuchsstudios" verband man am Hamburger Funkhaus auch die Verpflichtung, die Aufbauleistung Eggebrechts für den Rundfunk in Norddeutschland zu würdigen.

Der Nachwuchs und der "Rundfunkvater"

Zum 1. April 1963 startete der erste sechsmonatige Kurs des "Nachwuchsstudios". In der Presse reagierte man zustimmend: "Der NDR zieht seinen Nachwuchs selbst heran" und "Ohne Nachsicht: Ran ans Mikrophon!" titelten der "Kölner Stadt-Anzeiger" und die "Hannoversche Presse". Die Wochenzeitung "Die Zeit" würdigte kurze Zeit nach dem Start der Ausbildungseinrichtung bereits die hörbaren Erfolge, nämlich die Sendereihe "60 Minuten aus dem Nachwuchsstudio".

In dieser während der halbjährigen Kurslaufzeit wöchentlich ausgestrahlten Sendereihe stellten die angehenden Journalistinnen und Journalisten ihre Schreib- und Sprecherfolge unter Beweis. Von zunächst 60 Minuten ging man auf Wunsch der angehenden Journalisten vom zweiten Kursus an auf 30 Minuten Sendedauer. Die Themen entstanden durch die Arbeit in den verschiedenen Redaktionen, denn wichtigster Bestandteil der Ausbildung war, viele verschiedene Redaktionen des NDR kennenzulernen und das Arbeiten in den einzelnen Themenbereichen zu erproben. Sei es, dass die jungen Leute Themen vorschlugen; sei es, dass die Redaktionen, in der sie gerade ‚hospitierten‘, eine Frage aufwarfen.

Audiobeiträge

Franz Reinholz über Axel Eggebrecht

Franz Reinholz, Programmdirektor Hörfunk zum 70.Geburtstag von Axel Eggebrecht

Audiobeitrag starten (01:10 min)

Das Spektrum der im Schallarchiv des NDR erhalten gebliebenen Sendungen ist bunt gemischt, aktuelle gesellschaftliche Themen zeichnen sich als Schwerpunkt ab. "Die Betreuung spanischer Gastarbeiter" (5.9.1963), "Pendler zwischen Stadt und Land" (16.1.1967), "Das Freizeitverhalten von Arbeitern in Kiel und Bad Schwartau" (6.1.1972), "Aussiedler aus Polen und der CSSR" (6.4.1972) lauten die Titel einiger Beiträge. Wert legte Eggebrecht darauf, dass die Beiträge von den Autorinnen und Autoren "live" vor dem Mikrophon gelesen wurden, dass die Sendungen also nicht vorproduziert wurden. Versprecher und das Verlieren des Fadens gehörten also zum Radiomachen dazu, wie sich Ursula Voß erinnert.

In der Regel mischte sich Axel Eggebrecht nicht in die Manuskripte ein; er erzählte Geschichten, beeindruckte durch sein druckreifes Sprechen. Doch gelegentlich kam es auch zu Diskussionen zwischen den Nachwuchs"kindern" und dem "Rundfunkvater", etwa wenn Eggebrecht nachdrücklich bat, eine allzu scharf formulierte These durch ein Fragezeichen am Ende dem Hörer zur Diskussion zu stellen. In solchen Momenten ist in den Gesprächen mit den Absolventen der Zeitgeist der 1960er Jahren zu spüren, das kritische Hinterfragen, das mitunter weiter gehen konnte als die immer auch auf Ausgleich bedachte Position Eggebrechts.

Hörbare Erfolge

In einer Sache jedoch traf man sich wieder. Die Wertschätzung des Radios war allen gemeinsam. Eggebrechts schriftstellerisches und journalistisches Werk hatte sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit dem Hörfunk untrennbar verbunden und die jungen Eleven bewarben sich als begeisterte Radiohörer. Für Charlotte Drews-Bernstein, Absolventin des ersten halbjährigen Kursus 1963, war es das Radio, mit dem man Geschichte und Geschichten erzählen konnte, und Baldur Filoda, 1968/69 im Kurs des "Nachwuchsstudios", gibt sich im Interview als passionierter Radiohörer zu erkennen, der mit dem Ethos "Wir wollten den Rundfunk immer besser machen" seine Ausbildung anging.

Was im Mai 1963 zunächst als Testfall gedacht war, entwickelte sich zu einer langjährigen Einrichtung. 1971 legte Axel Eggebrecht sein Amt als Ausbilder nieder, das "Nachwuchsstudio" wurde weitergeführt. Zum 1. Oktober 1971 übernahm Fritz Raab diese Aufgabe. Inzwischen hatte sich auch auf der ARD-Ebene eine Kommission gebildet, die generelle Richtlinien für die Nachwuchsausbildung aufstellen sollte. Eine systematische Ausbildungspraxis in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zeichnete sich ab. Zum 1. Oktober 1981 startete der NDR ein achtzehnmonatiges Volontariat für den journalistischen Nachwuchs, das seither regelmäßig ausgeschrieben wird.