Im Porträt: Die Intendanten und ihre Stellvertreter
Die Bildergalerie zeigt die Intendanten und Stellvertretenden Intendanten des NDR.
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Übertragung einer Haus-Rede vom 26.04.1950.
Seit seiner Gründung begreift sich der Rundfunk auch als ein Medium der Bildung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges knüpften die Sender in Deutschland an diese – im "Dritten Reich" unterbrochene – Tradition an. Alle Rundfunkstationen in den Besatzungszonen gründeten Schulfunk-Abteilungen. In den Augen der Westalliierten konnten deren Programme einen wichtigen Beitrag zur "Re-education", zur Umerziehung der Deutschen leisten. Doch vor allem sollten Schulfunk-Sendungen ein groß angelegtes Instrument der Demokratisierung der jungen Generation sein. Nur kurze Zeit war der Einfluss der Kontrolloffiziere spürbar. Schon bald erhielten deutsche Pädagogen immer mehr Verantwortung. Sie nutzten die sich ihnen bietende Chance, mit Hilfe des Schulfunks die Lehrerinnen und Lehrer vor Ort zu unterstützen.
Die Schulfunk-Macher schwärmten von den hochwertigen Produktionen, die sie für den Einsatz im Schulunterricht anbieten konnten; und viele damals junge Hörerinnen und Hörer erinnern sich bis heute an die Qualität der Aufnahmen. Dabei war das Themenspektrum, das die großen Schulfunk-Abteilungen in den Rundfunkhäusern abdeckten, breitgefächert: Naturwissenschaften, Musik, Kunst und Literatur, Verkehrserziehung, Erdkunde und Englisch-Unterricht, Gemeinschaftskunde und Geschichte gehörten dazu.
Die Schulfunk-Programme bekamen nicht nur im schulischen Alltag große Bedeutung. Auch viele Erwachsene lauschten gleichsam als Zaungäste interessiert den vormittags und nachmittags angebotenen Radiosendungen. Der Bildungshunger in den Nachkriegsjahrzehnten war groß, und die Radioprogramme halfen, dem Nachholbedarf zu begegnen.
So wurde in den 1950er und -60er Jahren in der Bundesrepublik eine regelrechte "Generation Schulfunk" groß. Führt man medienbiografische Interviews, erinnern sich viele Befragte bis heute an diese eindrucksvollen und sie prägenden Schulfunk-Sendungen. Das wohl bekannteste Beispiel aus dem Bereich des NDR sind die Geschichten "Neues aus Waldhagen", eine Ende 1955 gestartete Schulfunk-Reihe für den Gemeinschaftskunde-Unterricht der 4., 5. und 6. Jahrgangsstufe.
Was zwar weniger bekannt ist, aber ebenso zu den schulischen Radioerlebnissen zählt: Nicht nur die norddeutsch anmutende Nahwelt des fiktiven "Waldhagen" zog die Hörer in ihren Bann, auch die – noch nicht so einfach wie heute zu erfahrende – europäische Nachbarschaft lockte.
"Europa" wurde Mitte der 1950er Jahre als Thema für die politische Bildung und für den Erdkunde-Unterricht aufgegriffen. In dieser Zeit standen die ersten Bemühungen um ein gemeinsames Europa auf der politischen Agenda: 1957 wurden die "Römischen Verträge" unterzeichnet, die die Grundlage der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (EURATOM) bildeten. Das europäische Staatengebilde erhielt langsam ein politisches Gesicht.
Daneben sollte Europa aber auch "kulturelle Identität" bedeuten. Hier setzte die gleichnamige Schulfunk-Sendereihe des Norddeutschen Rundfunks an. Sie startete im Winterhalbjahr 1957 im Rahmen des Erdkunde-Unterrichts und blieb bis 1969 – teils wöchentlich, teils 14-tägig – im Programm. Joachim Brendel, lange Jahre zuständiger Redakteur diese Reihe, hielt den Ansporn der Radiomacher in einer Schulfunk-Broschüre 1965 fest, dass "gemessen an Deutschland und an den anderen Erdteilen Europa m.E. im Schulfunkprogramm nicht genügend berücksichtigt" werde.
Zu den Bildern von Europa, die die Hamburger Schulfunk-Verantwortlichen deshalb entwarfen, gehörte zunächst einmal ein Europa mit vielen großartigen Naturräumen. Mit den Erzählern konnten die Schülerinnen und Schüler in den zehnminütigen Sendungen auf Reisen gehen: nach Nordschweden und in die Tundra, auf Fischfang zum Nordmeer, auf den Olymp und über die Hochebene Kastiliens.
Ihnen begegnete allerdings alles andere als eine ungefährdete Natur. Viele der "Europa"-Beiträge berichteten darüber, wie die unberührte Wildnis immer weiter zurückging und immer mehr Gebiete von der Industrie erschlossen wurden. Selbst vor den noch so ursprünglich erscheinenden skandinavischen Länder machte die Modernität nicht Halt: Der Reisende musste tiefer und in immer entlegenere Gebiete vordringen, um noch Wildnis und Natur zu erleben.
Daneben präsentierte sich Europa als vielfältiger Kulturraum. Die weit gereisten Erzähler, die durch die Sendungen führten, stellten die Merkmale und Eigenheiten der jeweiligen Länder vor. Sie geleiteten die Schüler durch die fremden Kulturen, meistens fernab der bekannten Ziele. Es waren persönliche und individuelle Reisen, die einen Einblick in das "Ursprüngliche" und "Natürliche" gewährten. Die Fremdenführer vermittelten das Leben der fremden europäischen Kulturen.
Ein buntes Europa, ein Europa der regionalen, ethnischen, sprachlichen und weltanschaulichen Vielfalt wurde vorgestellt. Für den jeweiligen Erzähler, der die fremden Länder in die Klassenzimmer brachte, stellte diese Vielfalt nie ein Problem dar, sondern eher sogar eine gewisse Freiheit. Die sprachliche und kulturelle "Andersartigkeit" war kein Hindernis, sondern förderte im Gegenteil sogar das Kennenlernen der fremden Kultur.
Das zeigte sich häufig daran, dass der fiktive Reisende bei Einheimischen im engsten Kreis der Familie wohnte und so ganz in die Kultur eintauchen konnte. Dabei verlor das Fremde nie ganz seine Andersartigkeit – Differenzen wurden herausgearbeitet, konnten aber problemlos nebeneinander existieren. Die Botschaft für die Schüler lautete klar: Unterschiede sind überwindbar; wir können in dem so facettenreichen Europa nebeneinander leben.
Die NDR Schulfunk-Reihe stellte Europa gleichwohl immer wieder auch als zwischen Ost und West geteilt dar. Europa war durch den Eisernen Vorhang getrennt. Die starken Gegensätze wurden in Reiseberichten über Länder wie Bulgarien, Polen und Rumänien behandelt.
Aus den Sendemanuskripten lässt sich eine klare Kritik an der Planwirtschaft und an dem kommunistischen Regime herauslesen. Die Allmacht des kommunistischen Staates wird anhand von Arbeitsplänen, festgelegten Löhnen und landwirtschaftlichen Anbauplänen thematisiert: "Ihr wißt, daß in den Ostblockländern vom Staat Arbeitspläne aufgestellt werden", berichtet der Guide in der Sendung "Polen – Stahl aus Nova Huta" (10.1.1966). Sieben Tage später berichtet der gleiche Führer, wie vor allem in Ungarn und Polen der Unwille der Bevölkerung allmählich wächst und die Produktion nicht ausreicht.
Diese Realität steht im Gegensatz zu den Reiseberichten aus den nordischen Ländern, denn hier wird wiederholt der skandinavische Wohlstandsgedanke betont. Osteuropa wird mit den skandinavischen Ländern kontrastiert: "Wohlstand für alle, ist das Ziel des schwedischen Staates" ("So lebt Familie Svensson." 26.11.1962). Eine Sendung über Rumänien zeigt hingegen die Allmacht des Staatsapparats ("Rumänien – Besuch bei Siebenbürger Sachsen." 24.1.1966) und bei einer Reise nach Ungarn stellt der Reisende fest, dass sich das Land sehr verändert habe: schwere Arbeit und hohe Preise, das kommunistische Regime mache alles schlechter und durch die "organisierten Freizeitveranstaltungen" werde die künstlerische Freiheit eingeschränkt ("Wiedersehen mit Budapest." 25.4.1958).
Der Reisende gerät bei seinen Reisen in die "Wildnis" und in abgelegene Gebiete häufig in Gefahr, wird aber stets gerettet - ob es sich um den auf der Suche nach Trinkwasser umherirrenden Radfahrer handelt, die Bootsfahrer, die in einen starken Sturm geraten oder die vor einer Lawine Fliehenden.
Grundsätzlich helfen ihnen "Einheimische" aus dieser Gefahrenlage. Alle Bewohner des fremden Landes zeigen sich hilfsbereit; sie repräsentieren ein "solidarisches Europa". Auch wenn sie das auf ihre eigene "landesspezifische" Weise tun – und dabei vor allem der Franzose ab und an eher etwas barsch und unfreundlich wirkt –, findet der Fremde doch stets Zuflucht in der ihm fremden Kultur.
Der Reisende ist an den von ihm erkundeten Orten fremd und heimisch zugleich. Sogar der als einzelgängerisch geltende Bretone nimmt den mit seinem Auto liegengebliebenen Reisenden in seine Bauernfamilie auf, die eigentlich keine Fremden mag ("Frankreich – in der Bretagne." 10.12.1962).
Das solidarische Europa zeigt sich aber nicht nur an den Einzelschicksalen der Reisenden, denen geholfen wird, sondern auch an regelrechten Hilfsprogrammen für bedürftige europäische Regionen.
So berichtet zum Beispiel in einer Sendung ein Italien-Reisender von den trostlosen, kahlen und strukturschwachen Gegenden in Süditalien: kaum Landwirtschaft, die Bevölkerung unterernährt, in erbärmlichen Verhältnissen lebend, fernab von "dem sonnigen Süden mit den heißen Sommern und milden Wintern", von denen "viele von uns träumen". Hier berichtet der Guide von den Sozialhelfern der Vereinten Nationen, die diese Region beim Wiederaufbau unterstützen ("Ein Dorf in den Abruzzen. Die Unrra in Italien." 16.1.1959). Es zeigt sich, wie den Schülern auch das Bewusstsein dafür vermittelt wird, dass der moderne Wohlfahrtsgedanken politische Solidarität braucht.
Seit den Tagen der "Generation Schulfunk" haben sich nicht nur die Bildungsbedingungen grundlegend gewandelt, sondern auch das Europabild. In der Schulfunk-Reihe "Europa" stand noch das authentische und ursprüngliche Europa im Mittelpunkt. Dessen Vielfältigkeit und die jeweilige Unterschiede machten es interessant.
Diesen Reichtum an Andersartigkeit der europäischen Länder konnte die Bevölkerung im Nachkriegsdeutschland oft nur in der über das Radio vermittelten Reise erfahren. Erst mit steigendem Wohlstand konnte man sich nach und nach auch selbst auf den Weg über die europäischen Grenzen machen und die radiovermittelten Bilder mit den eigenen Erlebnissen vor Ort zusammenbringen.
So entstehen bis heute immer neu unsere Vorstellungen vom europäischen Nachbarn, medienvermittelt und durch persönliche Kontakte.