Regionale Kompetenz - das Fernsehen für den Norden - 1957 startete "Die Nordschau"

von Hans-Ulrich Wagner

Eine Gesprächsrunde. v.l.: Walter Menningen, Horst Seifert, Ingrid Lorenzen, Rüdiger Proske und Helga Norden. (1960) © NDR Detailansicht des Bildes Eine Gesprächsrunde. v.l.: Walter Menningen, Horst Seifert, Ingrid Lorenzen, Rüdiger Proske und Helga Norden. (1960) Im Dezember 1957 begrüßte "Die Nordschau" zum ersten Mal ihre Zuschauerinnen und Zuschauer. Seit dieser Zeit liefert das Fernsehen des NDR regelmäßig Informationen und Unterhaltung aus dem Norden für den Norden. Die Einführung der "Nordschau" als neues Magazin fiel in eine bewegte Zeit der Fernsehentwicklung. Die Phase des Experimentierens war zu Ende gegangen, jetzt erlebte die Arbeit im neuen Medium einen enormen Aufbruch. Rüdiger Proske, vom Radio kommend, nutzte die Gunst der Stunde. Er baute eine journalistisch profilierte Redaktion auf, die eng verknüpft war mit allem, was das "Zeitgeschehen" betraf.

Der Startschuss für das Fernsehen für den Norden fiel am 1. Dezember 1957. Von nun an bekamen die Fernsehzuschauer täglich von 19.15 bis 19.45 Uhr die Gelegenheit, Wissenswertes und Interessantes, Neues und Traditionelles über die Nahwelt, über die Heimat zu erfahren. Für eine halbe Stunde wurde dieses regionale 'Fenster' im ansonsten bundesweit ausgestrahlten Fernsehen geöffnet. "Nur NDR" verkündeten die Programmzeitschriften für diese Sendestrecke. Mit der "Tagesschau" um 20.00 Uhr startete dann das bundesweite Programm des "Deutschen Fernsehens".

Gelungener Auftakt

Rüdiger Proske - Fernsehjournalist, Mitbegründer und Leiter (1961-1963) des Magazins "Panorama". © NDR Detailansicht des Bildes Rüdiger Proske - Fernsehjournalist, Mitbegründer und Leiter (1961-1963) des Magazins "Panorama". "Lieber Herr Proske! (…) Sie haben im vergangenen Jahr die Abteilung 'Zeitgeschehen' des Fernsehens übernommen, zu der als besondere Sendung die 'Nordschau' gehört", schrieb NDR Intendant Walter Hilpert am 1. September 1958 an den "Ersten Redakteur" der Abteilung "Zeitgeschehen" und Leiter der "Nordschau". Hilpert fuhr damals fort: "Im ersten Anlauf war die Nordschau Ihre vordringliche Aufgabe; Sie haben sie glänzend gelöst. Die Nordschau steht heute auf guten Füssen und kann beruhigt ihre Arbeit fortsetzen."

Walter Hilpert - Intendant des NDR von 1956 bis 1961 (ARD-Vorsitzender 1957). © NDR Detailansicht des Bildes Walter Hilpert - Intendant des NDR von 1956 bis 1961 (ARD-Vorsitzender 1957). Diese Wertschätzung galt einem engagierten Journalisten und einem umtriebigen Netzwerker, der es verstand, innerhalb kurzer Zeit ein schlagkräftiges Team um sich zu scharen: Rüdiger Proske, 1916 in Berlin geboren, gehörte zur Generation der Kriegsheimkehrer, die sich nach dem Ende des Krieges voller Elan an die Aufbauarbeit gemacht hatte. Als Redakteur der einflussreichen Monatsschrift "Frankfurter Hefte" hatte er über diese tatkräftige "junge Generation aus dem Kriege" 1948 geschrieben. Seit 1952 hatte er beim Hörfunk des NWDR in den Bereichen "Politisches Wort", "Zeitfunk" und Feature gearbeitet. 1957 hatte ihn Walter Hilpert mit neuen Aufgaben beim Fernsehen beauftragt.

Fernsehen aus dem Norden

Werner Baecker,  konzipierte 1950 die Sendung "Zwischen Hamburg und Haiti" © NDR / Privatbesitz Werner Baecker Fotograf: Ernst Müller Detailansicht des Bildes Werner Baecker, konzipierte 1950 die Sendung "Zwischen Hamburg und Haiti" Die Herausforderung war groß. Proske sollte mithelfen, einen eigenen NDR Fernsehbetrieb aufzubauen. Zwar war die Fernseharbeit seit Jahren eng mit Hamburg verbunden, aber organisatorisch wurde sie noch immer von Hamburg und Köln, vom NDR und WDR gemeinsam getragen. Das Fernsehen hatte auch nach der Auflösung des NWDR 1955/56 ein gemeinsames institutionelles 'Dach' – den "Nord- und Westdeutschen Rundfunkverbands" (NWRV). Das Ende dieses schwerfälligen Verbandes, von Anfang an als Übergangslösung konzipiert, zeichnete sich ab und die Verantwortlichen in Hamburg begannen mit dem schrittweisen Aufbau eines eigenen NDR Fernsehbetriebs: Im Zentrum dieser Aktivitäten standen die Pläne für das "Zeitgeschehen" und darin für eine "Nordschau".

Fernsehen für den Norden

Zwar erkannten auch die Fernsehpioniere die Aufgabe, im neuen Bildmedium über die Region zu berichten und Bilder aus der Nahwelt zu bringen. Doch wenn Regionales im Fernsehen der Anfangsjahre zu sehen war, war dies eher den Produktionsbedingungen geschuldet. Noch war es schwierig, weiter entfernt liegende Ziele mit einem Übertragungswagen zu erreichen oder aktuelle Bilder schnell und zuverlässig von auswärtigen Orten zu erhalten, so dass man gern auf nahegelegene Orte, schnell erreichbare Personen zurückgriff. Aber die Aufnahme- und Sendetechnik verbesserte sich rasch. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre konnten die Fernsehmacher daran gehen, was ihre Hörfunkkollegen schon längst praktizierten: Gezielt über die Region zu berichten, aktuell, auf hohem journalistischen Niveau.

Audio: Interview mit Rüdiger Proske zum Start der "Nordschau"

Interview mit Rüdiger Proske zum Start der "Nordschau"

- Autor/in: Schwarz, Florian

Locker präsentiert – das neue Fernsehformat

Neu im Fernsehen war das Magazin-Format, mit dem die "Nordschau" aufwartete. Auch die anderen westdeutschen Rundfunkanstalten erprobten damals diese Möglichkeit, vielfältige Themen und unterschiedliche Formen wie Gespräche, Berichte, Übertragungen zusammenzubringen. Doch speziell das parallel vom WDR entwickelte Magazin "Hier und heute" sowie die vom NDR konzipierte "Nordschau" wurden die Flaggschiffe dieses neuen Fernsehformats. Dessen Anspruch war ein journalistischer, doch die Präsentationsform sollte aufgelockert sein, und auch Unterhaltung konnte darin viel Platz einnehmen.

Die Heringskönigin und Elvis Presley

Hans Gertberg übernahm 1951 die Jazzredaktion. Leiter des "NDR Jazzworkshop". © NDR/Annemarie Aldag Detailansicht des Bildes Hans Gertberg übernahm 1951 die Jazzredaktion. Leiter des "NDR Jazzworkshop". Das Spektrum dessen, was die "Nordschau" ihren Zuschauerinnen und Zuschauern bot, war breit. Allein die Durchsicht der im Archiv noch immer erhaltenen Magazin-Beiträge aus den frühen Jahren zeigt die bunte Mischung der Themen. Dazu gehören beispielsweise Erfolge in der Pferdezucht, Maßnahmen gegen die Obstschwemme, der Wiederaufbau im bombenzerstörten Hannover und das in Hamburg liegende Segelschulschiff "Albatros". Gespräche mit Politikern über aktuelle Probleme wurden jetzt selbstverständlich vor Ort aufgenommen, beispielsweise in einem Bauernhaus in der Lüneburger Heide oder in einer Gaststätte in Rendsburg. Filmberichte zeigten den Besuch von Bundespräsident Heuss in Hamburg ebenso wie die Inthronisation der "Heringskönigin".

Ein Beitrag, der sich in den Unterlagen findet, hat damals sicherlich die Herzen speziell der jugendlichen Zuschauerinnen und Zuschauer höher schlagen lassen: Der knapp 20-minütige Bericht vom 2. Oktober 1958. In der Datenbank heißt es lakonisch: "Elvis Presley kommt mit amerikanischem Truppentransporter 'General Randal' in Bremerhaven ein. Militärpolizisten drängen Menschenmenge zurück. Rock and Roll-Tänzer. / Plattenspieler auf Straßenpflaster." Die Bilder von der jubelnden Menschenmenge über die Ankunft des "King of Rock’n’Roll" und amerikanischen GIs Elvis Presley am Tag zuvor gehören mittlerweile zum kulturellen Gedächtnis. Die "Nordschau" lieferte sie zum ersten Mal nach Hause.

"Wer kennt sich aus bei uns zu Haus?"

Max H. Rehbein - Deutscher Filmproduzent, Journalist und Publizist, geb. am 09.12.1918. © NDR Detailansicht des Bildes Max H. Rehbein - Deutscher Filmproduzent, Journalist und Publizist, geb. am 09.12.1918. Die Themenpalette der "Nordschau" reichte von Kultur bis Politik. So gab es regelmäßig einen "Norddeutschen Kulturkalender" im Programm. Ein Quiz testete das heimatkundliche Wissen. Im "Norddeutschen Kaleidoskop" wurde Städtemannschaften gefragt "Wer kennt sich aus bei uns zu Haus?". Die Bilder des Ratespiels kamen zum Teil unter Mitwirkung von Filmamateuren aus der Region zustande. Hoch politisch und brisant hingegen wurde es in der Reihe "Jenseits der Zonengrenze". Von März 1958 an berichtete der Journalist Thilo Koch in der "Nordschau" über Aktuelles jenseits der östlichen Landesgrenze, bemüht um Objektivität, ohne die Rhetorik des Kalten Krieges. Die Sendereihe des Regionalprogramms wechselte nach dem Mauerbau 1961 als eigenständige Sendung ins ARD-Programm mit dem Titel "Diesseits und jenseits der Zonengrenze".

Publikumslieblinge der "Nordschau"

Schließlich wartete die "Nordschau" noch mit zwei Sendereihen auf, die sich in Kürze zu wahren Publikumslieblingen entwickelten: "Die Sportschau der Nordschau" und "Die Aktuelle Schaubude".

Hans-Heinrich Isenbart - Moderator der Sendung Freut Euch des Nordens. © NDR/Christoph Isenberg Detailansicht des Bildes Hans-Heinrich Isenbart - Moderator der Sendung Freut Euch des Nordens. Von Anfang an war Sport ein wichtiges Element im Magazin. Die Ergebnisse von Sportkämpfen gehörten am Wochenende zu den wichtigen Meldungen. Gelegentlich wurden auch ganze Spiele unter dem Label "Die Sportschau der Nordschau" übertragen. Dafür wurde Sendeplatz im Nachmittagsprogramm des bundesweit ausgestrahlten Fernsehprogramms zur Verfügung gestellt. Als regelmäßige Reihe bildete sich schließlich am Montagabend die "Sportschau der Nordschau" heraus. Sie wurde ein Vorläufer der 1961 gestarteten "Sportschau" in der ARD. Man brachte die neuesten Berichte aus der Welt des Sports ins heimische Wohnzimmer, nicht nur Fußball, sondern auch viele andere Sportarten wie Leichtathletik, Hallenhandball oder selbst Rugby.

Der zweite Publikumsliebling hatte bereits am 7. Dezember 1957 Premiere: "Die Aktuelle Schaubude". Rüdiger Proske und sein Dokumentarfilmkollege Carsten Diercks hatten in den USA das Vorbild dazu gesehen, die "New York today"-Show, und die Idee nach Hamburg mitgebracht. Im gläsernen Studio in der Dammtorstraße, einem Hamburger Autosalon, entfaltete die aktuelle und kurzweilige halbstündige Sendung mit der Moderation von Werner Baecker eine besondere Anziehungskraft. Zuschauer drängten sich an den Studioscheiben und beobachten, wie Fernsehen gemacht wird. Stars und solche, die es werden wollten, folgten gern der Einladung zum netten sonnabendlichen Gespräch und Auftritt am frühen Abend. Eine Kultsendung des NDR war geboren.

Das Erfolgsrezept

Den Erfolg, den NDR Intendant Walter Hilpert dem Gründer der "Nordschau" Rüdiger Proske bescheinigte, hatte gleich mehrere Gründe. Die Tatkraft seines Initiators war ein Grund, denn Proske verstand es, eine journalistisch profilierte Mannschaft um sich zu scharen. Zum "Stab Proske", wie es im militärischen Ton damals hieß, gehörten eine Redaktions-Staffel um Hans-Heinrich Isenbart, Eberhard Freudenberg, Jürgen Möller und eine Produktions-Staffel um Carsten Diercks, Hans Gertberg und Max Helmut Rehbein.

Hinzukam, dass die "Nordschau" von Anfang an eingebettet war in den Aufbau der großen Abteilung "Zeitgeschehen". Mit großer finanzieller Anstrengung stellte der NDR damals in der zweiten Hälfte der 1950er Jahren entscheidend die Weichen. Das Ziel: Fernsehen sollte - wie vorher das Radio - zur kritischen Meinungsbildung beitragen. Das regionale Magazin "Die Nordschau" war bewusst ein Teil der allgemeinen deutschland- und weltweiten journalistischen und fernsehdokumentarischen Arbeit des NDR. Aus dieser Abteilung "Zeitgeschehen" erwuchsen bald die neuen Formen des investigativen Journalismus, die in den 1960er Jahren für Aufmerksamkeit sorgen sollten, darunter die Reihe "Panorama". Und die "Nordschau" wurde zum Vorbild für die Regionalmagazine in der Programmgeschichte des NDR.