60 Jahre Tagesschau: Starke Marke mit Tradition und Zukunft

von Kai Gniffke

Der Hamburger gilt nicht gerade als "Feier-Biest". Im Gegenteil, der Hanseat schätzt auch in Momenten großen Glücks die Zurückhaltung. In dieser Hinsicht ist die Tagesschau sehr norddeutsch. Sie nimmt sich normalerweise nicht so wichtig. Aber im Dezember 2012 darf die Tagesschau feiern, denn der Anlass ist historisch: Die erfolgreichste Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen wird 60!

Über ein halbes Jahrhundert Tagesschau, das ist für ein Format in einem elektronischen Medium ein geradezu biblisches Alter. 60 Jahre, in denen Nachrichten aus Hamburg zum festen Bestandteil der Abendgestaltung der Deutschen wurden. 60 Jahre, in der sich die Entwicklung von der Wochenschau bis zur erfolgreichsten deutschen Nachrichten-App für Smartphones vollzog.

60 Jahre Tagesschau

Hamburg Journal - 06.12.2012 19:30 Uhr

Der Klassiker des Ersten Deutschen Fernsehens wird 60 und feiert das mit einer großen Gala. NDR-Reporterin Anke Harnack ist mit dabei.

Was ist geblieben?

NWDR/NDR - KLEINER UND GRoSSER BUNKER - auf dem Heiligen-Geist-Feld in Hamburg. Links der kleine Bunker oder Bunker 1, der Befehlsbunker oder Leitbunker an der Budapester Straße. Von hier wurde 1950 das erste Testbild gesendet. Abgerissen wurde dieser Bunker 1973/74. Rechts der große Bunker, Bunker 2, an der Feldstraße. Der Flakturm IV (Gefechtsturm) hat einen Grundriss von 75x75 Meter. Er ist 39 Meter hoch, die Wandstärke beträgt 3,5 Meter, die Decke ist 5 Meter dick. © NDR Detailansicht des Bildes Großer und kleiner Bunker auf dem Heiligengeistfeld. Seit den Tagen der ersten Tagesschau - die erste offizielle Ausgabe lief am 26. Dezember 1952 - aus dem Hochbunker am Heiligengeistfeld hat sich alles verändert. Alles? Nein, trotz des tiefgreifenden Wandels der Medien ist viel mehr erhalten geblieben als auf den ersten Blick scheint. Das betrifft vor allem die Nachrichtenphilosophie von ARD-aktuell.

Die Auswahl der Themen für die Tagesschau richtet sich zuallererst nach der Frage: Was ist an diesem Tag wichtig? Die Relevanz eines Ereignisses ist bis heute das ausschlaggebende Kriterium, wenn es um die Themengewichtung und die Reihenfolge in der Sendung geht. Diese Relevanz macht sich in der Regel an der Zahl der Betroffenen fest, an der Tragweite der Folgen und an der Frage, wie einflussreich die Akteure sind. Erst in zweiter Linie achtet die Redaktion darauf, wie gut sich ein Thema bildlich umsetzen lässt. Auch der Gesprächswert spielt bei der Themenauswahl eine gewisse Rolle, wenn auch nur eine untergeordnete.

Ereignisse, denen die gesellschaftliche Relevanz fehlt, über die aber doch ein Großteil der Bevölkerung spricht, sozusagen das "Vermischte" wie Unglücksfälle, Kriminalität oder Gesellschaftsklatsch finden sich - wenn überhaupt - am Ende der Sendung, in nüchterner Verpackung und in einem deutlich geringeren Umfang als bei anderen Nachrichtenanbietern. Schon seit vielen Jahren versteht sich ARD-aktuell als eine primär politische Nachrichtenredaktion. Und die Zuschauer honorieren diese Linie durch das Vertrauen, das sie der Tagesschau schenken. Auch das ist eine Konstante: Seit mehr als 20.000 Sendungen ist die "Schau", wie das Team sie im Alltag nennt, die mit großem Abstand erfolgreichste Nachrichtensendung Deutschlands.

Was hat sich verändert?

Die Aufnahme von 1981 zeigt den Nachrichtensprecher Karl Heinz Köpcke im Studio.  Detailansicht des Bildes Die Aufnahme von 1981 zeigt den Nachrichtensprecher Karl Heinz Köpcke im Studio. Während die Idee von seriösen Nachrichten und Qualitätsjournalismus unverändert geblieben ist, hat sich die "Verpackung" der Tagesschau tiefgreifend verändert. So hat sich die Sprache von althergebrachtem Agenturdeutsch hin zur Alltagssprache entwickelt. Hölzerne Formulierungen des sogenannten "Politiker-Sprechs" werden in verständliches Deutsch "übersetzt" - eine ebenso schwierige wie verantwortungsvolle journalistische Aufgabe. Aber auch die Bildsprache von Nachrichtenbeiträgen hat sich verändert. Vorfahrende Limousinen sind fast völlig aus der Tagesschau verschwunden und haben Platz gemacht für übersichtliche Grafiken, die komplexe Zusammenhänge anschaulich und verstehbar machen.

Verändert haben sich inzwischen auch die Wege, auf denen die Nachrichten von ARD-aktuell die Menschen erreichen. Seit Mitte der 90er-Jahre ist die Tagesschau auch zu einer Online-Marke geworden. Das Portal tagesschau.de nutzt dabei die Chancen des Mediums Internet, um die Meldungen und Filmberichte der Tagesschau nicht nur auf Abruf bereitzuhalten, sondern mit zusätzlichen Hintergrundinformationen anzureichern.

Neue Formate ergänzen die Tagesschau-Flotte. Dies umfasst die moderierten Ausgaben am Tag, die Tagesthemen, das Nachtmagazin und tagesschau24. Hier hat die ARD unter der Federführung des NDR ein Angebot aufgebaut, bei dem die Zuschauer jederzeit zuschalten können und nach spätestens 15 Minuten einen vollständigen Nachrichtenüberblick haben. Damit trägt ARD-aktuell dem Bedürfnis der Zuschauer Rechnung, Nachrichten unabhängig von festen Sendezeiten sehen zu können.

Die "Tagesschau in 100 Sekunden" setzt diese Idee konsequent fort und erlaubt es seit 2007 auch, die Tagesschau völlig unabhängig vom Standort auf dem Handy zu nutzen. Weitere Verbreitungswege folgten. So lässt sich auf internetfähigen Fernsehern jederzeit eine aktuelle "Tagesschau-on-demand" abrufen. Trotz intensiver Kritik startete Ende 2010 die Tagesschau-App, eine kostenlose Anwendung für Smartphones, die die Nutzung von Tagesschau-Inhalten noch einfacher und komfortabler macht. Mehr als  4,7 Millionen Downloads zeigen, dass die Nachfrage nach Nachrichten der Marke Tagesschau auch heute noch ungebrochen ist. Dafür steht auch der Publikumspreis des Grimme-Online-Awards, mit dem die Tagesschau-App 2012 ausgezeichnet wurde.

Was wird sich ändern?

Prognosen sind bekanntermaßen dann besonders schwer, wenn sie die Zukunft betreffen. Insofern lässt sich kaum voraussagen, wo die „Tagesschau“ in fünf Jahren stehen wird. Allerdings lässt sich bereits konkret beschreiben, wie die Sendung aussieht, wenn im Laufe des Jahres 2013 das neue Tagesschau-Studio in Betrieb geht. Dann nämlich wird das heutige Nachrichtenstudio von ARD-aktuell vollständig umgebaut und erneuert sein. Dem neuen Studiokonzept liegt die Überzeugung zu Grunde, dass Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit die wichtigsten Tugenden einer Nachrichtensendung sind. Diese Werte lassen sich am besten mit einem realen Studio verbinden. Das bedeutet, dass alles, was die Zuschauer sehen, auch tatsächlich im Studio vorhanden ist. Bewusst hat sich ARD-aktuell damit gegen ein virtuelles Studio entschieden, bei dem die Kulisse elektronisch erzeugt wird.

Künftig werden „tagesschau24“ und alle Sendungen von ARD-aktuell im Ersten in einem einzigen Studio produziert. Deshalb werden dort zwei Moderationstische stehen. Den Hintergrund bildet eine fast 20 Meter lange Videowand, die mit Fotos, Filmen und Grafiken bespielbar ist. Die Moderatoren haben die Möglichkeit, auf berührungsempfindlichen Oberflächen Veränderungen auf der Videowand selbst auszulösen und zugleich komplexe Zusammenhänge an der Wand zu erklären. Damit macht die „Tagesschau“ klar, dass sie technisch mit der Zeit geht, aber auf Spielerei verzichtet und dem Motto treu bleibt: Die Nachricht ist der Star!

Warum bleibt die Tagesschau auch in Zukunft wichtig?

Die Tagesschau bildet eines der letzten großen "Lagerfeuer", um das sich die Gesellschaft allabendlich versammelt und abgleicht, was wichtig war an diesem Tag. Diese Funktion muss und wird sie auch in Zukunft behalten, selbst wenn die Zuschauerzahl der Hauptausgabe im Fernsehen in einigen Jahren nachlassen sollte. Die Gesamtmarke Tagesschau wird auf allen Ausspielwegen an Bedeutung gewinnen. Gerade unter den Bedingungen einer digitalen Flut von Nachrichtenangeboten wird es einer solchen Marke bedürfen. Denn moderne Technik macht Journalismus immer anspruchsvoller. Im Minutentakt sind Bilder und Informationen verfügbar, müssen journalistisch bewertet, recherchiert und eingeordnet werden. Dabei bedarf es einer Institution, die ihre Qualitätsstandards hält und der copy-and-paste-Mentalität widersteht.

Das Großraumbüro der Tagesschau-Redaktion heute. © NDR Fotograf: Sker Freist Detailansicht des Bildes Die Redaktion der Tagesschau heute. Die Zuschauer und Nutzer werden sich darauf verlassen können: Wo Tagesschau draufsteht, ist Qualitätsjournalismus drin. Der Kern dieses Nachrichtenangebots bleiben Informationen über wichtige politische und wirtschaftliche Prozesse. Ein solches Angebot will die Menschen befähigen, sich aktiv am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen und zugleich einen Impuls zu politischer Teilhabe geben. Denn nur eine informierte Gesellschaft wird leistungsfähig bleiben und den nötigen Zusammenhalt aufbringen. Deshalb wird die Tagesschau auch nach vielen Jahrzehnten nichts von ihrer Bedeutung einbüßen.

Kurz vorgestellt
Dr. Kai Gniffke, Chefredakteur ARD-aktuell © NDR/Holde Schneider
 

Dr. Kai Gniffke

Kai Gniffke, geboren 1960 in Frankfurt am Main, studierte Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft und Soziologie in Mainz und Frankfurt am Main. Bis 2003 war er als Redaktionsleiter ARD-aktuell verantwortlich für die Zulieferungen des SWR Mainz zu Tagesschau und Tagesthemen. 2003 kam er nach Hamburg und ist heute Erster Chefredakteur von ARD-aktuell.

Weitere Informationen
Martin S. Svoboda, 1955
 

1951: Die Geburt der Tagesschau

Anfangs konnten sie nur 1.000 Haushalte empfangen, wurde jedoch schnell zu festen Größe. mehr

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Für die beim NDR in Hamburg-Lokstedt produzierte Tagesschau des Deutschen Fernsehens ist der etwa 8 KM entfernte Flughafen Fuhlsbüttel mehrmals täglich das Ziel von Kurierwagen. © NDR
 
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Seit ihren Anfängen 1952 hat sich die Tagesschau in 60 Jahren stark verändert.

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Logo Tagesschau, 1952 © NDR
 
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Die Sendung hat sich seit 1952 verändert. Sechs Sendungen aus sechs Jahrzehnten.

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Funkhaus Hamburg vor dem Umbau, 1948 © NDR/Weidenbaum
 

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