"Es muss Ihnen seltsam erscheinen …"

von Hans-Ulrich Wagner

"Demokratie, dein Mund heißt Radio". Selbstbewusst reklamierten die ersten Rundfunkmacher im Nachkriegsdeutschland diese von Alfred Döblin geprägte Losung für sich. Aus den über das Kriegsende hinweggeretteten Radiogeräten, den "Volksempfängern" und "Goebbels-Schnauzen", sollten - darin war man sich einig - neue Töne erschallen: demokratische Töne nach dem Willen der alliierten Siegermächte; ehrliche und Vertrauen erweckende Stimmen nach dem Wunsch der Bevölkerung, die von ideologischen Phrasen und aufpeitschender Mobilisierung erst einmal genug hatte.

Aus der Kriegsgefangenschaft zum Rundfunk

Peter von Zahn: Journalist, Rundfunkmann der ersten Stunde und Mitbegründer des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. © NDR Detailansicht des Bildes Peter von Zahn: Journalist, Rundfunkmann der ersten Stunde und Mitbegründer des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die wohl markanteste Stimme der ersten Stunde bei Radio Hamburg, dem Vorläufer des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR), gehörte ausgerechnet einem adeligen "homme de lettres", einem sprachgewandten jungen Mann aus Sachsen, bürgerlich-humanistisch gebildet, anglophil aus Überzeugung: Peter von Zahn.

Er war 32-jährig als Wehrmachtsoffizier und Dolmetscher aus dem Kriegsgefangenenlager an den gerade eben von den Briten besetzten Sender in der Hamburger Rothenbaumchaussee gekommen. Der journalistisch versierte Deutsche erhielt das Angebot, am "Sender der alliierten Militärregierung" mitzuarbeiten. So nahm im Juli 1945 eine Rundfunkkarriere ihren Lauf. Peter von Zahn sollte mit seiner Stimme für mehr als zwei Jahrzehnte den neuen journalistischen Ton in Westdeutschland prägen.

Glaubwürdig und überzeugend

Die "Zahnschen Nasentöne", über die er als umtriebiger Leiter der Abteilung "talks and features" selbstironische Schüttelreime schrieb, setzten sich fest. Die ruhige, leicht näselnde Stimme, melodisch mit einem Hang zum Singsang, merkwürdig akzentuiert durch ein ruckhaftes Atmen, drang in die Ohren. Sie wandte sich in charakteristischer Art und Weise an den Hörer, während ihr Besitzer in einbindender "Wir"-Rede die schwierigsten, unbequemsten politischen und gesellschaftlichen Themen aufgriff.

Hier bat ein Erzähler alter Schule sein Publikum unaufgeregt, aber nachdrücklich um Gehör. Ein genauer Beobachter machte mit seinen Entdeckungen aus Deutschland und später aus der "Neuen Welt" neugierig. Ein Welterklärer nahm den Hörer mit auf die Suche und lud ihn zum gemeinsamen Nachdenken ein. "Ganz nüchtern betrachtet", "gewissenhaft", "abwägend" lauteten die Leitvokabeln, die der Rundfunkmann in seine Reportagen, Features und Kommentare einstreute. Die Zeitgenossen attestierten dieser Stimme Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft.

Akustische "Sorgenkinder"

Damit eignete sich von Zahns Auftreten als Vorbild. In den Redaktionen arbeitete man intensiv an einem neuen akustischen Erscheinungsbild. Das konnte freilich nicht immer von heute auf morgen gelingen. Namhaften Reporter-Persönlichkeiten, die kontinuierlich in den 1930er, 40er und 50er Jahren in den Sendern arbeiteten, konnte es geschehen, dass aufmerksame Kontrolloffiziere ihnen das "pompöse Trara des Nazi-Ansagers" vorwarfen und sie zum akustischen "Sorgenkind" erklärten.

Aber auch die jungen Stimmen mussten erst geschult werden. Noch viel zu präsent waren ihnen die Berichte der "PKs", der Propagandakompanien im "Dritten Reich". Diese Reporter in Uniform hatten den Auftrag, begeistert vom Kriegsgeschehen zu berichten, in Radiobeiträgen und mit sensationsheischenden Bildern und Tönen in den Wochenschauen. Sie mussten umlernen.

Der neue Mikrophon-Sprechstil

Doch gerade angesichts vieler personeller Kontinuitäten war man intensiv um einen neuen Radioton bemüht. Über den "idealen Rundfunkmann" wurde in Fachkreisen ebenso wie in den Programmzeitschriften leidenschaftlich diskutiert. Der "Mikrophon-Sprechstil ist eine ganz eigene Sache", erklärte der NWDR-Mitarbeiter Thilo Koch in der "Hör Zu" 1948 den Lesern, er ist "intimer, persönlicher, behutsamer, lockerer, nüchterner, vertraulicher, direkter".

Peter von Zahn: Ab Juli 1945 beim NWDR, ab 1948 Leiter des NWDR-Studios in Düsseldorf, 1951 - 1960 Korrespondent in Amerika, hier als Fernsehkorrespondent am (03.10.1959) in Amerika/Waschington D.C. © NDR/Hans-Ernst-Müller Detailansicht des Bildes Peter von Zahn: Ab Juli 1945 beim NWDR, ab 1948 Leiter des NWDR-Studios in Düsseldorf, 1951 - 1960 Korrespondent in Amerika, hier als Fernsehkorrespondent am (03.10.1959) in Amerika/Waschington D.C. Das Mikrophon avancierte zum repräsentativen Mittel der Rundfunkarbeit. Aus dem technischen Gerät wurde ein Instrument der Wahrheitssuche. Die "Unerbittlichkeit des Mikrophons" - so lautete eine weit verbreitete Ansicht in den Nachkriegsdebatten über das Radio - "entlarve" alle "falschen" Töne. Als "Ohr der Menschheit" ermögliche das Mikrophon dem Zuhörer, die Übereinstimmung des gesprochenen Worts mit der Stimme zu überprüfen. Zwar ging man nicht direkt auf die stimmliche Gestaltung der Berichterstattung im "Dritten Reich" ein, doch war in diesem Zusammenhang klar, wovon sich diese Suche nach den echten, ehrlichen und - heute würde man hinzufügen - authentischen Stimmen absetzte.

Bald "zahnten" und "zahnelten" die Nachahmer vor den Mikrophonen. Die "eigenwillige Art des Sprachrhythmus" - laut von Zahn das Ergebnis seiner Bemühungen, die sächsische Dialektfärbung zu beherrschen - wurde zur Manier. "Eine halbe Generation von Reportern zerhackt mittlerweile die Sätze nach dem Vorbild ihres Meisters", spottete ein Medienkritiker Mitte der 1960er Jahre. Doch an das Original reichte keiner heran.

Gegen den Radio-Kannibalismus

"Mr. Radio" war sich der Gefahren des Massenmediums, in dem er arbeitete, bewusst. Wie der kulturkritische Philosoph Max Picard warnte Peter von Zahn davor, dass der Rundfunk die "Unfähigkeit zur geistigen Konzentration" befördern könne.

Von Zahn nahm deshalb vor mehr als sechs Jahrzehnten seinen Kampf gegen einen "Radio-Kannibalismus" auf: Rundfunk dürfe keine Droge für Dauerhörer sein, Hören keine Flucht in die Entspannung und Zerstreuung bedeuten. Wie wäre es damit, nach jeder Sendung eine fünfminütige Pause einzulegen, fragte er seine Hörer im Februar 1948. Dieser Vorschlag seines pointierten Kommentars über den Rundfunk setzte sich nicht durch.

Die Leistung des Hörers

Doch mit einem anderen Ansatz beeinflusste der Journalist das überall einsetzende Einüben in die Demokratie: "Es müsste vor oder nach jeder Sendung gesagt werden: Liebe Hörer, ehe ihr das glaubt, überlegt es euch dreimal". Um dieses Ziel zu erreichen, pflegte Peter von Zahn seinen fragenden, forschenden und fordernden Ton, baute ihn zu einem Markenzeichen aus. "Es muss Ihnen seltsam erscheinen …", lautete eine seiner charakteristischen Höreransprachen, die die Suche nach einem Tonfall, der den neuen journalistischen Rollen entsprach, vermitteln.

Porträt
Axel Eggebrecht und von Peter von Zahn © NDR
 

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Rundfunkgeschichte
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Weitere Informationen

Hamburger Morgenpost vom 29.01.51

Artikel über Peter von Zahn in der Hamburger Morgenpost vom 29.01.51

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Hamburger Abendblatt vom 30.07.2001

Artikel über Peter von Zahn im Hamburger Abendblatt vom 30.07.2001

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Funkhaus Hamburg vor dem Umbau, 1948 © NDR/Weidenbaum
 

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