Jedes siebte Kind geht hungrig aus dem Haus

von Kathrin Schmid, NDR Info
Zwei Kinder wühlen in einer Mülltonne. © dpa Fotograf: Britta Pedersen

Viele Menschen in Dritte-Welt-Ländern leiden unter "absouter Armut", so der offizielle Begriff. In Norddeutschland hingegen ist die Armut "lediglich" relativ. "Daraus leitet man bei uns ab, dass gesagt wird: Eigentlich jammern die auf hohem Niveau, sie haben doch genug zu essen", sagt Soziologe Christoph Butterwegge. "Obwohl auch feststellbar ist: Immer mehr Kinder und Familien finden sich ein bei Lebensmittel-Tafeln. Die haben beispielsweise am 20. nichts mehr auf dem Tisch. Also, ich finde wir haben keinen Grund, uns zu beruhigen und zu sagen, in anderen Ländern sieht das ja noch viel schlimmer aus."

Große körperliche und psychische Probleme die Folge

900 Lebensmittel-Tafeln gibt es inzwischen bundesweit. Darauf angewiesen zu sein, ist nur ein Ausdruck von Armut. Der Begriff allein ist schon schwer zu fassen. Als arm gilt, mit dieser Definition arbeitet auch der Deutsche Kinderschutzbund, wer weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Haushaltseinkommens hat. So weit die Theorie. Für den Alltag vieler Kinder bedeutet das: Sie gehen hungrig, ohne Frühstück, zur Schule, können sich keine Ausflüge leisten - und leiden unter großen körperlichen und psychischen Problemen - wie Antje Möllmann vom Deutschen Kinderschutzbund in Niedersachsen sagt: "Arme Kinder leiden unter Kopf- und Rückenschmerzen vermehrt, die schlafen einfach sehr, sehr schlecht. Sie haben dolle Probleme und damit zu kämpfen, dass sie sich einsam fühlen. Und entwickeln Ängste für ihre Zukunft."

Fast 400.000 Kinder im Norden gelten als arm

In Niedersachsen gelten 225.000 Kinder als arm, da ihre Eltern von Sozialgeld abhängig sind - das ist etwa jedes sechste Kind. In der Großstadt Hamburg ist es mit gut 50.000 bald jedes vierte Kind und damit inzwischen etwa genauso viele wie in Mecklenburg-Vorpommern. In Schleswig-Holstein gelten rund 70.000 Kinder als arm - jedes siebte. Bei diesen offiziellen Zahlen sind jedoch etwa diejenigen nicht dabei, die in Migranten-Familien aufwachsen, ohne Papiere. Und viele verschwinden hinter dem unschönen Begriff "Dunkelziffer": Sie alle lebten wohl auch unter Sozialhilfe-Niveau, berichtet Armutsforscher Butterwegge.

Für ein Schulkind bedeutet das weniger als 250 Euro im Monat. "Von so einer Summe kann man natürlich leben, als Kind. Aber ich behaupte, man kann eben sein Kind von diesem Betrag nicht gesund ernähren, man kann es nicht teilhaben lassen an Bildungs- und kulturellen Ereignissen in der Gesellschaft. Und das sind dann Nachteile, die mitgeschleppt werden, ein ganzes Leben lang", führt Butterwegge weiter aus. Häufig ein Teufelskreis: Aus armen Kindern werden arme Erwachsene, arme Eltern, die dann wiederum arme Kinder haben.

Doppelt so viele Betroffene wie vor zehn Jahren

Suppenküche © picture-alliance / ZB Fotograf: Jens Kalaene Detailansicht des Bildes Suppenküchen und Tafeln leisten wichtige Hilfe, sollen laut Experten aber nicht zur Regel werden. Zahlenmäßig hat sich die Kinderarmut in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Und sie geht längst über die sogenannten sozialen Brennpunkte hinaus: "Mittlerweile ist es auch so: Die Furcht davor, arm zu werden, hat auch schon längst die Mittelschicht erreicht. Tatsächlich auch diejenigen, die mit Arbeit so wenig verdienen, dass sie gerade über die Runden kommen. Oder auch aus Scham keine Sozialleistungen beziehen wollen." Und das werde auch durchaus brisanter. Diese Spirale zu durchbrechen - das liege hauptsächlich in staatlicher Verantwortung, findet Armutsforscher Butterwegge: "Wenn wir uns hinbewegen würden zu einem Almosen-, Suppenküchen-Staat, dann ist das eine andere Republik, die ich nicht will, und wo die Armen im Sinne von Almosen angewiesen wären auf die Mildherzigkeit von Bessergestellten."

Ohne Spendenbereitschaft der Deutschen geht es kaum

Aber, da sind sich die beiden Experten einig, über Jahrzehnte hat die Spendenbereitschaft der Deutschen bewiesen, dass mit ihnen und mit dem Engagement von Stiftungen die Folgen von Armut extrem gelindert werden können. Und Deutschlands Kinder sollten keinesfalls darauf verzichten müssen. Wie Sie helfen können, lesen Sie in unseren Spendeninformationen.