Roth: "Wir wollten menschliche Figuren schaffen"
Am 13. Juni 1971 lief der erste Tatort aus Kiel. Den achten Fall der ARD-Krimireihe inszenierte Regisseur Wolfgang Petersen. In "Blechschaden" ermittelten Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) und sein junger Assistent Jessner, gespielt von Wolf Roth. Der Schauspieler wirkte in über 80 Produktionen mit und gehört zu den bekanntesten deutschen TV-Gesichtern. Im Interview erzählt der 72-Jährige von den Dreharbeiten in den 70ern, seiner Arbeit mit Klaus Schwarzkopf und seinem heutigen Lieblings-Tatort.
45 Jahre ist die Erstausstrahlung jetzt her. Wenn "Blechschaden" heutzutage laufen würde - warum sollte man ihn sich angucken?
Wolf Roth: Es geht vor allem um Menschen und deren Beziehungen zueinander und ist weniger eine Action-Geschichte. Die Tatorte von Wolfgang Petersen wurden schon damals sehr direkt und modern inszeniert. Deswegen kann man sie sich meiner Meinung nach immer wieder ansehen.
Die Ermittler treten erst nach 30 Minuten auf - diese Dramaturgie wäre heute undenkbar, oder?
Roth: Ich weiß nicht, ob das undenkbar ist. Es ist immer eine Frage der Machart. Wenn etwas dramaturgisch richtig aufgebaut ist, bleibt der Zuschauer dran, wenn nicht, zappt er weiter. Da hat sich das Verhalten des Zuschauers in den vergangenen 40 Jahren nicht verändert.
Ein "Blechschaden" und seine kolossalen Folgen
Heute ist es häufig so, dass der Fall mit den Ermittlern einsteigt - und deren Befindlichkeiten thematisiert werden, aber nicht der Fall. Dieser kommt dann erst später dazu.
Roth: Ja, das weiß ich schon. Aber ich glaube nicht, dass es ein Nachteil sein muss, wie man es früher gemacht hat. Es wäre zum Beispiel interessant zu sehen, wenn man das heute mal wieder umkehren würde. "Blechschaden" hat mehr den Charakter eines Fernsehspiels und geht dann in die Dramaturgie des Aufklärens über. Beides hat seine Berechtigung.
Wie war die Atmosphäre bei den Dreharbeiten Anfang der 70er-Jahre?
Roth: Wir konnten mehr tüfteln, weil wir mehr Zeit hatten. Wenn heute ein Tatort in 20 bis 22 Drehtagen realisiert werden muss, drängt die Zeit und es kann dadurch weniger probiert werden. Früher hatten wir den "Probe-Luxus". Zum Beispiel wurden die Beleuchtungspausen genutzt - die länger gedauert haben - um an der nächsten Szene zu arbeiten. Das hat das Level der Konzentration aller Beteiligten hochgehalten.
Wie viele Drehtage hatten Sie damals?
Roth: Ich kann es nicht mehr genau sagen, aber es müssten zwischen 28 und 30 gewesen sein.
Sie waren der Assistent von Kommissar Finke. Wie waren die Dreharbeiten mit dem Darsteller Klaus Schwarzkopf und wie war er als Mensch?
Roth: Es war wunderbar mit Klaus Schwarzkopf zu drehen. Er war Profi durch und durch und für mich als Neuling das Beste, was mir passieren konnte. Er hat mir immer gute Tipps gegeben - es war eine tolle Zusammenarbeit.
Der Tatort geht mit der Zeit. Die Charaktere der Ermittler von damals unterscheiden sich deutlich von den Kommissaren, die heute im Einsatz sind. Wie würden Sie diese Unterschiede beschreiben?
Roth: Der Tatort ist inflationär geworden, es gibt heute zu viele auf dem Markt. Er hat somit seinen Stellenwert verloren. Früher war der Tatort noch etwas Besonderes, weil er nicht laufend und auf allen Sendern präsent war. Einzig der Münsteraner Tatort sticht für mich heraus, weil er mich mit seinen spannenden und gut geschriebenen Charakteren an die Petersen-Tatorte erinnert. Früher gab es maximal zwei Tatorte in einem Jahr - und das waren natürlich die Highlights.
Heute ist der Tatort für viele ein, wie Sabine Postel einmal sagte, "Ritterschlag". Was hat die Rolle für Sie bedeutet?
Roth: Als Ritterschlag habe ich das früher nicht empfunden. Für mich hat es Arbeit bedeutet, das war mein vierter oder fünfter Fernsehfilm. Ich lernte Wolfgang Petersen bei seinem Hochschul-Abschlussfilm in Berlin kennen. Die Chemie zwischen uns stimmte. Als er anfragte, ob ich Interesse an dem Tatort mit Klaus Schwarzkopf habe, sagte ich sofort zu. Ich habe einfach viel gelernt. Gemeinsam an den Figuren zu arbeiten, die Zeit zu haben, daran zu feilen - das war ein Luxus, der uns allen große Freude gemacht hat.
- Teil 1: "Früher hatten wir den Probe-Luxus"
- Teil 2: "Mal aggressiv, mal belehrend und mal humorvoll"