Stand: 04.08.2017 15:59 Uhr

Mit dem Rolli aufs Wacken

von Jörn Schaar

Karin steht mit ihrem Rollstuhl auf einer Schotterfläche mit Blick auf den Bereich vor den beiden Hauptbühnen. Die Saarländerin hat eine bunt verspiegelte Sonnenbrille auf der Nase und grinst über das ganze Gesicht: "Das ist mein erstes Wacken, es ist total großartig. Die Leute hier sind einfach so nett und aufmerksam, die machen Platz, wenn man mit dem Rollstuhl ankommt und fragen, ob sie helfen können." Auf viel Hilfe ist Karin nicht angewiesen, sie kann wegen einer bevorstehenden Hüft-OP keine weiten Strecken laufen und sitzt nur zeitweise im Rollstuhl." Alleine würde ich hier nicht klar kommen, mein Mann schiebt mich wo es geht und wenn es zu matschig wird, stehe ich auf und gehe ein paar Meter", erzählt sie, als ihr Mann Olli mit den Getränken wieder kommt.

75.000 Helfer, wenn es darauf ankommt

Zäher Schlamm bremst auch Fußgänger aus

Den Rollstuhl haben die Festivalorganisatoren den beiden gestellt, einen eigenen haben sie nicht. "Brauchen wir zu Hause auch nicht, weil ich mit Krücken einigermaßen mobil bin, aber hier sind die Wege einfach zu weit für mich", erzählt Karin. Von ihrem Campingplatz bis zum Eingang sind auch Fußgänger schon mal eine halbe Stunde unterwegs. Mit dem knöchelhohen, zähen Wackenschlamm, der sich nach einem Regenguss am Nachmittag fast überall gebildet hat, dauert es auch mal länger. "Ich kann mir kaum vorstellen, dass man hier von A nach B kommt, wenn man gar nicht laufen kann", sagt Karins Mann Olli.

Mit dem Rollstuhl durch den Wackenschlamm

Wer ständig auf den Rollstuhl angewiesen ist, kann mit seinen Begleitpersonen in der "Wheels of Steel Area" campieren. Dort gibt es rollstuhlgerechte Duschen und Toiletten, ein Sanitätshaus bietet kleinere Reparaturen zum Selbstkostenpreis an. Andrea aus Itzehoe und Silke aus Voerde in Nordrhein-Westfalen sitzen dort bei einer Morgen-Zigarette zusammen. "Klar muss man im Rollstuhl auf einem Festival Abstriche machen - wenn es so schlammig ist, kommt man halt nicht überall hin", erzählt Andrea. "Aber wir sind eben auch Metalheads und in Wacken hast du 75.000 Helfer, wenn es darauf ankommt."

Silke ergänzt, dass es kaum Hilfsmittel gibt, die einen Rollstuhl durch alle Arten Matsch bringen können. "Hier in unserem Camp haben sie deshalb extra Bodenplatten verlegt, damit wir es leichter haben. Die vom Festival tun schon viel für uns", sagt sie. Und wenn man mit einer Behinderung her kommen will, sollte man vorher mit einem Behinderten sprechen, der schon einmal hier war, meint Silke: "Dann kann ich demjenigen sagen, was es hier gibt und dann muss er wissen, ob das für ihn funktioniert. Absolute Barrierefreiheit geht auf einem Festival nicht, dazu gibt es zu viele unterschiedliche Behinderungen."

 Organisatoren strengen sich an

Für Rollstuhlfahrer gibt es spezielle Podeste vor den beiden Hauptbühnen und im Bullhead City Circus. Wer nicht laufen kann, darf sich das Konzert von dort ansehen und seine Begleitperson mitnehmen. "Für uns ist das nichts", sagt Karins Mann Olli. "Wir sind zu viert angereist und dann würden wir oben stehen und die anderen beiden unten und wir wollen unser erstes Wacken gemeinsam erleben, das geht auch so." Für Silke und Andrea sind die Podeste schwer zu erreichen, weil der Weg weit und voll knöchelhohem Matsch ist. "Aber ich hab meine drei Jungs dabei. Wir machen vorne zwei Spanngurte an den Rolli zum ziehen und einer schiebt von hinten, dann klappt das schon", lacht Andrea.

Beratung von Fachleuten

Laut den Organisatoren des Festivals kommen rund 200 Metalheads im Rollstuhl an. Aber auch die Festivalmacher brauchten Hilfe, um helfen zu können. So haben sie sich im vergangenen Jahr den Verein "Inklusion muss laut sein" ins Boot geholt. Der Verein setzt sich für mehr Barrierefreiheit ein und bietet unter anderem auch eine Begleitpersonenvermittlung für Festivals an. Laut dem Inklusionsbeauftragten des Wacken Open Air, Dress Ringert, hat sich die "Wheels of Steel Area" inzwischen als Treffpunkt für Metalheads mit Behinderung etabliert. Dort stehen Ansprechpartner für Fragen der Rollifahrer zur Verfügung und es gibt einen regen Austausch mit den Veranstaltern. Im Vorfeld des Festivals seien mehrere hundert Anfragen beantwortet worden.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 04.08.2017 | 19:30 Uhr