Wie sie leben wollen - 20 Jahre Tocotronic
Das neue Album zum Jubiläum ist ein Statement. (28.01.2013) mehr
"Hey, hey, hey! Ich bin jetzt alt. Hey, hey, hey! Bald bin ich kalt" - das sind die ersten Zeilen, mit denen Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow am Montagabend das Konzert im Thalia Theater eröffnet. Die Band kokettiert zum 20. Jubiläum und zehnten Studioalbum mit ihrem Alter: Die vier Mitglieder sind inzwischen alle über 40 und ihr Sänger ist sogar leicht ergraut.
Seit jeher wird Tocotronic mit der Stadt Hamburg verbunden. Hier haben sie sich kennengelernt und ihre ersten Konzerte in der Roten Flora gegeben. Lange zählten sie zu der sogenannten Hamburger Schule. Inzwischen leben die meisten von ihnen in Berlin. Die Hamburger Fans sind und bleiben ihnen aber dennoch die treuesten. Und die Bandmitglieder, vor allem Dirk von Lowtzow, waren im Thalia Theater sichtlich gut gelaunt und harmonierten miteinander wie selten. Doch erst zum Ende des Konzerts standen wirklich alle im Publikum von den Theatersesseln auf, um mitzutanzen.
Dabei spielten Tocotronic, neben den neuen Liedern, eine Mischung aus Songs aller Phasen ihrer Karriere: Von "Meine Freundin und ihr Freund" aus dem allerersten Album bis "Bitte oszillieren Sie" aus dem vorletzten Album. Dirk von Lowtzow zeigte sich dabei bei Gitarrensoli mal in Rockstarposen und mal mit androgyn anmutendem Hüftschwung. Seine Stimme, die oft dunkel und tief und zugleich weich scheint, hallte und erfüllte den Raum. Doch die Gitarren klangen bei der mittelmäßigen Akustik des Theatersaals zwischenzeitlich ein bisschen anstrengend und sehr laut.
Es ist nicht einfach, einen Text über Tocotronic zu schreiben und dabei Zitate ihrer sloganhaften Songs zu vermeiden. Sei es von "Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk" über "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" bis "Pure Vernunft darf niemals siegen". Über ihre Texte definiert sich die Band. Mal sind die Botschaften klar, doch gerade in den letzten Jahren sind sie oft mehrdeutig und leicht verschwommen. Zwischen den Zugaben rufen Leute aus dem Publikum die Titel der Lieder, die sie sich wünschen. Sie klingen wie Parolen.
06. März: Bremen, Modernes
15. März Hamburg, Große Freiheit 36
16. März: Hamburg, Große Freiheit 36
03. April: Hannover, Capitol
Zum Beispiel "Es ist einfach Rockmusik", ein Lied ihres zweiten Albums. Doch einfach nur Rockmusik machen Tocotronic nicht. Die Band ist viel zu komplex und es ist nicht möglich, sie losgelöst von ihren Texten zu betrachten. Daher lauschen alle den neuen Texten und wie Dirk von Lowtzow singt: "Das ist keine Erzählung. Das ist nur ein Protokoll. Doch wir können davon lernen, wie wir leben wollen." Das erste Mal hört man neue Songs wahrscheinlich am besten sitzend und konzentriert.