Stand: 25.09.2016 08:06 Uhr

Festival-Blog: Dieser Soundtrack ist unsterblich

von Matthes Köppinghoff

Es ist vorbei. Bye Bye. Vier Tage und Nächte war der Kiez erneut Festivalschauplatz, doch nun ist das elfte Reeperbahn Festival vorbei. NDR Musikjournalist Matthes Köppinghoff hat unzählige Kaffee getrunken und Zigaretten geraucht und für seinen Blog die großen und kleinen Musikperlen auf Deutschlands größtem Clubfestival gesucht.

Das war’s, bis nächstes Jahr!

Es ist der letzte Tag und in mir herrscht ein gemischtes Gefühl: Auf der einen Seite freue ich mich wieder auf einen "normalen", geregelten Tagesablauf und gesunde Ernährung. Auf der anderen Seite bin ich schon ein bisschen wehmütig, da das Festival-Ende naht. Auch wenn ich mich wie ein Aschenbecher fühle und akutes Verlangen nach einem Mittagsschlaf habe, stelle ich mich trotzdem schon mittags um halb eins in die Molotow Skybar. Und: Wieder einmal hat sich das (verhältnismäßig) frühe Aufstehen nach einer kurzen Nacht gelohnt, denn Holy Holy aus Australien sind schlicht großartig.

Ein letztes Flanieren über den Kiez

Wie gesagt: Der Sonnabend ist der letzte Tag des Reeperbahn Festivals 2016 – bald ist das schon alles wieder vorbei, denke ich mir, als ich mit einem Fischbrötchen in der Hand über den Spielbudenplatz schlurfe. Und selbst dabei entdecke ich kauend eine schöne Band für mich: Vague aus Österreich spielen auf der Spielbude - der wavige Indie-Rock gefällt mir. Was wäre wohl passiert, wenn ich woanders rumgeschlurft wäre? Ein Ohrwurm weniger. Ich habe mal gelernt, dass "Rapper, die nur Rapmusik hören, Inzest betreiben", sprich: Der Blick über den Tellerrand ist enorm wichtig, und sei es nur, wenn man eine unbekannte Band, etwas Neues, einfach im Vorbeigehen mitbekommt und mal kurz dafür stehen bleibt.

Mystery, Hysterie und Historie

Über den Beatles-Platz laufe ich wieder Richtung Molotow. Hamburg ist eine so tolle Stadt mit einer beachtlichen Musikgeschichte - und nicht nur wegen der berühmten Fab Four, die auch mal als absolute Newcomer hier in Hamburg ihre Weltkarriere starten. Andere gestandene Ikonen wie Paul Weller bekommen leuchtende Augen, wenn sie das Wort "Hamburg" auch nur hören. "Wenn sich Mystery, Hysterie und Historie verstärken", hieß es einst bei Blumfeld - vielleicht fällt mir das aber auch gerade nur ein, weil ich eben ein Plakat von Jochen Distelmeyer gesehen habe. Wie dem auch sei: Auch wenn man das in der Zeit zwischen dem einen und dem nächsten Reeperbahn Festival ab und an mal nicht so vor Augen hat, diese Stadt ist eine Musikstadt, in der es eigentlich immer etwas zu entdecken gibt - so geballt aber nur beim Reeperbahn Festival. 

Die Band Schmutzki vor dem N-JOY Reeperbus.

Schmutzki - "Spackos Forever"

N-JOY -

Die Texte der Indie-Rock-Gruppe Schmutzki sind direkt und authentisch. Seit 2011 spielen die Stuttgarter gemeinsam. Am Sonnabend sind sie am N-JOY Reeperbus aufgetreten.

Wenige Meter später schaue ich mir bei bestem Hamburger Wetter Fil Bo Riva im (fast schon überfüllten) Molotow Backyard an und bin sofort glücklich. Heute, so war mein Vorsatz, streife ich bewusst ein wenig ziellos (aber wirklich nur ein bisschen) über den Kiez. Und auch ohne perfekt ausgeklügelten Terminplan macht das Spaß: Mal singen Me And My Drummer ihre wunderschönen Indie-Pop-Songs, ein anderes Mal schreien von irgendwo Schmutzki über den heute extrem belebten Spielbudenplatz. Nachmittage, wie man sie braucht. Anschließend bin ich bei NDR Blue Backstage in der Alten Liebe sofort angefixt von Laura Gibson und Karl Blau; hastig notiere ich mir, dass ich mich mal durch deren Backkatalog hören sollte.

Der letzte Abend

So langsam ist es Abend geworden, noch einmal heißt es, von Club zu Club gehen und Musik zu hören: Dabei werde ich ausgerechnet von den Wild Beasts enttäuscht, auf die ich mich ja so sehr gefreut hatte. Als ich mir die Show in der Großen Freiheit 36 anschaue, merke ich, wie langweilig ich doch eigentlich das aktuelle Album finde. Zwar ist das handwerklich alles topp, doch für meinen Geschmack haben sie mir zu viele neue Songs vorgespielt - es fehlt der Schmutz der früheren Jahre, und das ist schade. Wenigstens "The Devil’s Crayon" hätten sie mir zu Ehren spielen können.

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Demut und Drums: Konzerte im Michel sind auch auf dem Reeperbahn Festival etwas Besonderes.

Im Stechschritt geht’s weiter zur St. Michaelis Kirche: Das Wahrzeichen Hamburgs ist eine so imposante, fast einschüchternde Schönheit, vor allem wenn man drinnen Platz nimmt. Letztes Jahr bei William Fitzsimmons habe ich gelernt, dass Konzerte im Michel etwas ganz besonderes sind. Das ist auch dieses Jahr nicht anders. Als ich das Gebäude betrete und ich die letzten Songs des amerikanischen Singer-Songwriters Robin Proper-Sheppard alias Sophia mitbekomme, bin ich wieder genauso ergriffen. Auch die Villagers, beziehungsweise das Herz der Band Conor J. O’Brien und ein paar Musiker schaffen es wieder, die Leute zu bewegen und in eine ganz spezielle Stimmung zu versetzen: Während ein paar hundert Meter weiter auf dem Kiez das Nachtleben erwacht, herrscht hier andächtiges Zuhören und Zuschauen. Konzerte und Kirche sind definitiv kein Widerspruch.

Noch ein kleiner Schlenker ins Docks, dann geht’s nach Hause

Wenig später schaue ich noch kurz beim N-JOY Abend vorbei, wo noch die Iren von Walking On Cars spielen: Das ist zwar Mainstream, ja, aber dennoch tolle Pop-Musik, die eine angenehme Abwechslung zur aktuell doch nervigen Plastik-Dance-Reizüberflutung ist.

Die letzten Zeilen

Vier Tage sind wieder mal vorbeigerauscht. Mit 38.000 Besuchern wurde in der elften Ausgabe dieses Festivals ein neuer Rekord aufgestellt - nie waren mehr hier. Ein bisschen irre ist (und macht) es schon, von Club zu Club zu rennen, immer auf der Suche nach neuer Musik: Welche neuer Rapper ist ein ganz heißes Thema? Was ist der nächste Trend? Wie ist eigentlich Band XY, von der gerade alle (oder zumindest ein paar einzelne Musik-Nerds) reden? Aber andererseits ist es ja gerade das, was es ja auch so spannend und schön macht: Es gab wieder tolle Bands und großartige Künstler, die hier nach Hamburg gekommen sind und von denen man vielleicht auch noch mehr hören wird. Nächstes Jahr bin ich garantiert wieder mit dabei.

Auch wenn ich jetzt sehr müde und ordentlich erschöpft bin; ich glaube, ich gehe jetzt doch noch mal kurz vor die Tür. Das hier ist ja schließlich St. Pauli und es ist immer was los, nicht wahr? Udo Lindenberg hat mal gesungen, die Reeperbahn sei "die Kulisse für’n Film, der nicht mehr läuft." Der Soundtrack hier ist aber unsterblich, sage ich, und immer zugegen.

Ich danke fürs Lesen - bis zum nächsten Jahr!

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Nachtclub | 23.09.2016 | 06:00 Uhr

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