Stand: 15.09.2015 10:50 Uhr

"Bester Ort, um von Musik eingefangen zu werden"

Alexander Schulz freut sich auf die zehnte Ausgabe "seines" Reeperbahn Festivals.

Unbekannte Bands an ungewöhnlichen Orten entdecken und sich von Konzert zu Konzert treiben lassen - das Reeperbahn Festival hat einen speziellen Reiz. Vom 23. bis 26. September können Musikfans rund um den Hamburger Kiez wieder rund 400 Konzerte erleben. NDR.de hat zum zehnten Geburtstag mit Festival-Chef Alexander Schulz über die Entwicklung des Newcomer-Clubfestivals gesprochen und ihn nach seinen Geheimtipps für 2015 gefragt. Der 48-Jährige erinnert sich auch an die schwierigen Anfänge.

NDR.de: Wie würden Sie jemandem das Reeperbahn Festival beschreiben, der es gar nicht kennt?  

Alexander Schulz: Es gibt keinen besseren Ort, um von guter Musik überrascht, eingefangen und mitgenommen zu werden. Wer Lust hat, sich auf Neues einzulassen, der muss das Reeperbahn Festival besuchen. Einmal im Jahr gibt es bei uns die beste neue internationale Musik.

Wie fühlt man sich zum zehnten Festival-Geburtstag? Schaut man schon etwas zurück - oder ist es reine Routine?

Schulz: Man ist schon ein bisschen stolz, vor allem weil es nach dem ersten Jahr fraglich war, ob es überhaupt weiter geht. Es ist auch deshalb ein besonderes Festival, weil wir uns intensiv mit den ersten zehn Jahren auseinandergesetzt haben - denn es gibt ein Magazin, einen Kurzfilm und auch eine Ausstellung dazu. Es war schön, all diese Erfahrungen gemacht zu haben. Es war nie gradlinig und wir haben viel ausprobiert. Wir werden mittlerweile stark beobachtet und sogar kopiert - eine interessante Entwicklung.

Videos
16:51 min

Zehn Jahre Reeperbahn Festival - die Doku

Das Reeperbahn Festival feierte 2015 sein zehnjähriges Bestehen. Zum Jubiläum haben die Veranstalter eine Doku veröffentlicht, in der viele Musiker und Wegbegleiter zu Wort kommen. Video (16:51 min)

Wie fing damals alles an? Wie entstand das Festival? Woher kamen Idee und Inspiration?

Schulz: Ich war 2000 erstmals beim Newcomer-Clubfestival South By Southwest in Austin. Ich war überwältigt von der guten Qualität und der hohen Dichte an tollen Bands dort. Schon auf dem Rückflug aus den USA war ich unruhig. Ich wollte die Idee unbedingt nach Deutschland bringen - und Hamburg ist definitiv der beste Ort dafür mit seiner Clubdichte rund um die Reeperbahn. 2004 kam dann der Durchbruch bei der Finanzierung - als Karsten Jahnke als erfahrener Konzertveranstalter sagte, dass er dabei ist. Zudem bekamen wir Unterstützung von der damals frisch gegründeten Hamburg Marketing GmbH, die Hamburg auch als Musikstadt bekannter machen wollte. Sechs Jahre nach der Idee war es dann endlich soweit.

"Am Anfang haben wir einige Fehler gemacht"

Sie sprachen von Startschwierigkeiten. Was lief schief und wie hat sich das Konzept dann geändert?

Schulz: Am Anfang haben wir einige Fehler gemacht. Das Konzept kannte hier ja noch keiner. Wir haben zu groß gedacht. Wenn man bedenkt, wer 2006 alles gespielt hat: Deichkind, Tocotronic, Die Sterne, Tomte, Blumfeld, Patrice, Matthew Herbert, Nils Landgren - um nur einige zu nennen. Wir hätten lieber etwas kleiner starten sollen, so etwas muss sich erst langsam entwickeln. Die Tickets waren außerdem zu teuer für viele Leute. Es kamen zwar an den drei Tagen insgesamt 8.500 Besucher - aber am Ende blieb ein Minus in Höhe von 380.000 Euro. Im zweiten Jahr haben wir dann die Zahl der Spielorte reduziert und das Programm eingedampft. Es kamen über 10.000 Besucher - und wir hatten die Wende geschafft. Anschließend ist das Festival langsam, aber stetig gewachsen. Es gab immer mehr Mund-zu-Mund-Propaganda von Musikbegeisterten, die erzählten, dass es sich lohnt uns zu besuchen - gerade weil hier auch unbekannte Künstler entdecken werden können.

Hat sich das Festival insgesamt nach Ihren Wünschen entwickelt?

Links
Link

Reeperbahn Festival

Vier Tage Musik, Diskussionen, Lesungen, Ausstellungen, Shows und Kunst - alle Infos zum Programm und den Bands auf der Seite des Reeperbahn Festivals. extern

Schulz: Ja, ich bin zufrieden und denke, dass wir unser Ziel erreicht haben. Das Festival wird von Musikfans, Künstlern und Fachbesuchern aus der Musikwirtschaft gleichermaßen angenommen - viel mehr geht ja nicht. Aber wir müssen auch in Zukunft beweglich bleiben und Sachen ausprobieren - um weiter Erfolg zu haben und auch die nächsten Generationen anzusprechen.

Was ist heute besser als vor zehn Jahren - und was schwieriger?

Schulz: Besser als zum Start ist, dass der Name jetzt ein Begriff ist. Das Interesse ist groß bei Labels und Künstlern, auch international hat das Festival einen hohen Bekanntheitsgrad. Das Konzept wird verstanden. Das Potenzial für junge Musiker ist bekannt - und das nützt auch den Fans. Aber für uns ist es dadurch auch schwieriger geworden, denn die Erwartungshaltung ist deutlich gestiegen. Viele Besucher kaufen mittlerweile frühzeitig ihr Ticket, ohne dass eine Band feststeht - und wir müssen dann abliefern. Wir sind nicht mehr der Underdog, der Druck ist größer.

Was waren Ihre bisherigen Highlights? Auf welche Entdeckung sind Sie stolz? Welche heute großen Namen haben schon auf dem Festival gespielt?

Das Reeperbahn Festival

Das Reeperbahn Festival findet vom 23. bis 26. September 2015 statt - es ist die zehnte Ausgabe. Rund 350 Künstler aus etwa 30 Ländern treten rund um die Hamburger Vergnügungsmeile auf. Neben Konzerten gibt es auch Lesungen, Shows, Kunst, Ausstellungen, Filmvorführungen, Workshops, Fachkonferenzen und Partys - insgesamt sind es mehr als 600 Programmpunkte. Die Veranstalter rechnen mit über 30.000 Besuchern. Dazu kommen 270 Pressevertreter und 3.500 Fachbesucher aus der Musikwirtschaft. Tagestickets kosten zwischen 24 und 44 Euro. Es gibt auch Mehrtagestickets: Eine Karte für alle Tage kostet beispielsweise 89 Euro. Die Karten gibt es über die Webseite des Festivals oder unter der Ticket-Hotline 040-413-2260.

Schulz: Ein Highlight war für mich, dass Bon Iver 2008 im Knust aufgetreten ist. Oder Paolo Nutini 2006 bei der Premiere im Gruenspan. Ed Sheeran spielte 2011 sein erstes Deutschland-Konzert hier bei uns. Besonders war auch der Auftritt von Jake Bugg 2012 in Angie's Nightclub. Im gleichen Jahr spielte übrigens auch Cro. Den hatten wir im Januar für eine kleine Gage gebucht - und dann hatte er plötzlich einige Hits. Wir rechneten eigentlich mit einer Absage - aber er hat dann doch im Docks gespielt.

Gab es auch negative Erlebnisse, die im Gedächtnis geblieben sind?

Schulz: Ja, auf jeden Fall die Enttäuschung nach dem ersten Festival. Wenn man sechs Jahre daran bastelt und dann merkt, dass das Konzept noch nicht verstanden wird, ist das schon bitter. In schlechter Erinnerung geblieben ist auch das totale Chaos beim Konzert von Deichkind 2009 in der Großen Freiheit 36. Der Andrang war riesig, Tausende Besucher wollten rein. Es gab Rangeleien und sogar einen Polizeieinsatz.

Reeperbahn Festival 2014: Die Highlights

N-JOY

400 Bands, 70 Spielstätten, 30.000 Besucher: Vier Tage lang war die Hamburger Reeperbahn der Nabel der Popmusik-Szene. Hier gibt's die Highlights vom Reeperbahn Festival! mehr