Stand: 12.08.2017 21:56 Uhr

Der Ablasshändler vom M'era Luna

von Simone Horst, NDR.de
Bruder Ignatius verkauft Ablässe und stiftet 24-Stunden-Ehen.

Auf einem Festival kann man so richtig aus sich raus gehen. Endlich wieder im Matsch wühlen, viel Alkohol trinken, neue Menschen kennenlernen. Der ein oder andere schlägt dabei auch schon mal über die Stränge. Die Besucher des M'era Luna müssen sich deswegen aber keine Sorgen machen. Wenn mit ihnen die Pferde durchgehen, besuchen sie am nächsten Tag Bruder Ignatius - und kaufen sich einen Ablass. Für drei Euro erhalten die Gothic-Fans das kleine Stück Papier, das sie von ihren Sünden freispricht. "Die beliebtesten Ablassurkunden sind 'Sauferei und Völlerei' und der Ablass für 'Wollust'", erklärt Bruder Ignatius, der in seinem anderen Leben Michael heißt. Auf Platz drei folgt der Freispruch von "Rülpsen, Furzen und Faulenzen". Aber nur ein Generalablass befreit den Sünder ein Leben lang von seinen Schandtaten, dafür verlangt Bruder Ignatius dann auch zehn Taler. Der Wollust-Ablass ist nur 150 Tage gültig.

Die katholische Kirche gab Ignatius ihren Segen

Seit neun Jahren kommt Michael alias Bruder Ignatius schon auf das Festival. Seine Ablässe verkauft er aber schon länger: "Ich komme aus einem kleinen Ort namens Ablaß. Zu unserem 700-jährigen Jubiläum haben wir gedacht, wir sollten doch tatsächlich Ablässe verkaufen." Damals, vor 15 Jahren, zieht er noch mit einem Bauchladen los. Die Idee kommt gut an und Ignatius baut das Geschäft weiter aus. Er lässt sich eine echte Dominikaner-Mönchskutte schneidern und trägt echte Holzpantoffeln. Auch die Ablassbriefe hat er perfektioniert. "Ich war in verschiedenen Museen, habe alte Ablässe abfotografiert und die lateinische Originalstruktur beibehalten," sagt er. Doch bald darauf erhält er einen Anruf von der Rechtsabteilung der katholischen Kirche. Diese hat zwar nichts dagegen einzuwenden, dass er als Mönch auftritt und Ablässe erteilt, aber seine Dokumente verletzten das Urheberrecht. Schließlich werden Ablassbriefe auch heute noch von der katholischen Kirche ausgegeben, mit dem gleichen Wortlaut wie im Mittelalter. Ignatius muss sein Mönchsleben nicht aufgeben, aber neue Briefe entwerfen. Also entwickelt er seine eigenen Drucke - so nah am Original wie möglich. Den Briefkopf ziert ein Spruch des berühmten Ablasspredigers Johann Tretzel. "Ich habe gelesen, dass, besonders für die einfachen Leute, Ablassbriefe auch mit Bildern versehen wurden. Darum habe ich auch Bilder eingefügt." Und ganz unten befindet sich natürlich noch ein Wachssiegel. Das macht es erst offiziell.

Igantius will die wichtige Aufgabe der Kirche im Mittelalter deutlich machen

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Bis zu 50 Ehen schließt Ignatius an einem Tag.

Michael, der im wahren Leben evangelisch ist, geht es aber nicht nur darum, die Menschen zu unterhalten und lustige Papiere zu drucken. Er hat sich sehr viel Wissen über die Kirche im Mittelalter angelesen und will vermitteln, welche Stellung und Aufgabe die Kirche hatte. "Die katholische Kirche war ja damals das einzige soziale System, gerade für die ärmeren Leute. Das war die Institution, die die Menschen von der Wiege bis zur Bahre begleitet hat." Genau das will Michael als Dominikanermönch zeigen, mit sehr viel Liebe zum Detail. Selbst das handgeschröpfte Büttenpapier, auf das er die Ablassbriefe druckt, stellt er selbst her.

Bis dass der Tod euch scheidet - in 24 Stunden

Seit acht Jahren verkauft er aber nicht mehr nur Ablassbriefe, sondern stiftet auch Ehen. Zumindest für 24 Stunden. "Die Menschen haben mich immer wieder gefragt, ob man bei mir auch heiraten kann. Darum habe ich das eingeführt." Das glückliche Paar muss erst einmal eine Ehetauglichkeitsprüfung bestehen. In den meisten Fällen beauftragt Bruder Ignatius den Bräutigam damit, seine Angebetete auf Händen zu tragen oder ihr eine Liebeserklärung zu machen. Nach bestandener Prüfung erhält das Brautpaar eine Eheurkunde und goldene Plastikringe. Nun dürfen sie für einen Tag verheiratet sein. Bis zu 50 Ehen stiftet der Hobby-Mönch an einem Festivaltag. Jeder darf hier heiraten: Männer und Männer, Frauen und Frauen. Ignatius bietet sogar Fetisch-Hochzeiten an.

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Das glückliche Paar erhält Ringe und eine Eheurkunde.

"Viele kamen zu mir und sagten, sie würden gerne bei mir heiraten, aber hätten keinen Partner. Also habe ich noch die 'Kuppeley' gegründet." Die "Kuppeley" ist die Singlebörse des M'era Luna. In einem Zelt, direkt neben Bruder Ignatius' Ablass-Stand, können Single-Festivalbesucher Kontaktanzeige, auf einer Art Wäscheleine aufhängen. Interessenten können dann bei den sogenannten Kupplern Nachrichten für den oder die Auserwählte hinterlassen. Ob man eine Nachricht erhalten hat, sieht man, ganz un-mittelalterlich, in einer App auf dem Smartphone. "Ich hatte schon ein Paar hier, das hat sich über die 'Kuppeley' kennen gelernt, dann direkt an dem Tag hier bei mir geheiratet und ein Jahr später haben sie mich wieder an meinem Stand besucht - mit ihrem Baby." Im Schnitt bleiben sogar sieben der Paare, die sich bei Bruder Ignatius in einem Jahr das Ja-Wort gegeben haben, auch im wahren Leben zusammen.

Bruder Ignatius, der Hollywoodstar

Den ganzen Sommer über zieht Bruder Ignatius mit seinem Ablass-Stand über die Mittelaltermärkte des Landes. Das macht er so überzeugend, dass er als Mönch auch schon im Film zu sehen war. Das Castingteam von Regisseur Sönke Wortmann verpflichtet Bruder Ignatius 2009 für den Film "Die Päpstin". Hier bekommt der Vater von drei Kindern auch zum ersten Mal eine Tonsur geschnitten. Seitdem rasiert er sich im Sommer immer wieder diesen, für Mönche charakteristischen, Haarkranz.

Beichtstuhl auf dem Mittelaltermarkt

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Beichten wollte der Hobby-Mönch eigentlich keine abnehmen. Aber er machte eine Ausnahme.

Die Beichte abenehmen will Bruder Ignatius eigentlich nicht. Nachdem er aber immer wieder gefragt wurde, ob man bei ihm auch beichten kann, hat er auch das eingeführt. Allerdings zu Preisen, die keiner bezahlen würde - dachte er zumindest. "Auf dem Reformationsfest in Wittenberg kam ein Mann auf mich zu, der zum evangelischen Glauben konvertiert war. Er hatte so ein schlechtes Gewissen, dass er unbedingt bei mir die Beichte ablegen wollte." Fast anderthalb Stunden hat Bruder Ignatius sich mit ihm unterhalten. "Meine pädagogischen Fähigkeiten als Erzieher kommen mir als Mönch auch sehr gelegen", sagt er.

 

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