Stand: 11.08.2016 12:10 Uhr

Latex-Mode: Raus aus der Schmuddel-Ecke

von Simone Nebelsieck, NDR.de

An einer Kleiderstange hängen Schnittvorlagen aus Pappe, unter dem Schneidetisch stapeln sich verschiedenfarbige Stoffrollen. In dem kleinen Atelier in einem Hinterhof im Hamburger Schanzenviertel sieht es auf den ersten Blick aus wie bei jedem anderen Schneider. Nur das Material, aus dem hier Röcke und Jackets entstehen, ist ungewöhnlich: Das Modelabel Inner Sanctum fertigt Latex-Kleidung. Etwa 1.600 verschiedene Modelle aus Gummi bietet Inhaber Max Kuhl nebenan im Laden zum Kauf an. Außer Kleider von der Stange bekommen seine Kunden dort auf ihre Wünsche zugeschnittene Maßanfertigungen. "Die Grenzen für das, was wir anbieten, gibt es nur in deinem Kopf", sagt Kuhl.

Der Label-Inhaber hat den Eindruck, dass seine Outfits immer gesellschaftsfähiger werden. Ursache dafür seien vor allem Prominente wie Rihanna oder Lady Gaga, die ebenfalls gerne in ein Latex-Kleidchen schlüpfen. "Die Stars dienen anderen Menschen als Vorbilder", sagt Kuhl. Wer bei Latex-Mode nur an schwarze Masken und Domina-Kostüme denkt, liegt ohnehin falsch. Die gibt es zwar auch, viele Kleidungsstücke sind aber unerwartet bunt. Rote Catsuits hängen im Hamburger Verkaufsraum ebenso wie lila Bikinis oder grüne Military-Jacken. Beim Anblick aufwendig verzierter Kleider mit Rosenmuster kann man sich außerdem gut vorstellen, dass bei Inner Sanctum nicht nur Leute einkaufen, die auf Schmerzen stehen. Latex tragen auch Menschen, die das Material einfach nur erotisch finden, sich darin wohlfühlen oder Spaß an extravaganter Mode haben.

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Auf fünf bis sechs Modenschauen im Jahr präsentiert Max Kuhl seine Outfits. Und auch wenn Latex häufig der Sadomaso-Ecke zugeordnet wird, fährt er nicht nur zu speziellen Szene-Treffs, sondern versucht auch immer wieder Latex-Neulinge für das ungewöhnliche Material zu begeistern. Im August 2014 ist der Designer beispielsweise in Hildesheim beim M'era Luna Festival. Dort versammeln sich Fans der Gothic- und Alternative-Musik. Viele von ihnen mögen es, sich ausgefallen zu kleiden - also genau Max Kuhls Zielgruppe. Neben dem musikalischen Programm findet eine Modenschau statt, die bei den Festival-Besuchern immer besonders gut ankommt. Inner Sanctum ist zum ersten Mal mit dabei. Bei der Gothic- und Alternative-Veranstaltung betreten also nicht nur Musiker wie Marilyn Manson oder In Extremo die Bühne, sondern auch Kuhls Models.

Dehnbar aber nicht reißfest

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Label-Inhaber Max Kuhl wünscht sich, dass Latex endlich das Schmuddel-Image verliert.

Das Besondere an Latex-Kleidung ist das Gefühl auf der Haut. "Je nachdem wie dick das Material ist, spürt man Berührungen intensiver", erklärt Kuhl. Und auch wenn die Kleidung häufig starr und fest aussieht: Sie ist extrem nachgiebig. "Latex lässt sich bis zu 700-fach dehnen", sagt der Label-Besitzer. Sobald man es allerdings mit einem spitzen Gegenstand bearbeitet, ergeht es dem Gummi ähnlich wie einem Luftballon - es platzt oder reißt. Beim Anziehen gilt also: Schmuck ablegen! Und auch nach dem Tragen benötigt das Material ganz besondere Zuwendung: Damit es nicht porös wird, sollte es jedes Mal hinterher von Hand gewaschen, mit Silikonöl eingerieben und in einer dunklen Ecke im Schrank aufgehängt werden, denn das Gummi verträgt keine Sonne.

Vom Kameramann zum Latex-Designer

Die Idee, selbst Gummi-Kleidung herzustellen, kam Max Kuhl nachdem er sich über die hohen Preise für Latex-Outfits geärgert hatte. Er selbst kommt nicht aus der Designer-Branche, sondern ist ursprünglich Kameramann. "Ich habe gedacht, ich könne das besser und habe es selbst ausprobiert. Doch dann musste ich feststellen: Das ist gar nicht so einfach", sagt er über seine ersten Versuche als Latex-Schneider. Das Material hat tatsächlich seine Besonderheiten. Anders als etwa Baumwolle wird Latex in der Regel nicht genäht, sondern geklebt. Bis Max Kuhl selbst ein Kleidungsstück herstellen konnte, das tatsächlich tragbar war, dauerte es einige Monate.

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Bei der "Rose-Collection" wird das Rosenmuster mit einer speziellen Lasertechnik in die Latex-Kleider geschnitten.

Als er die Technik endlich beherrschte, stand das 1994 gegründete Londoner Label Inner Sanctum zufällig zum Verkauf. Kuhl rief dort an, bekundete sein Interesse und war plötzlich Inhaber eines Latex-Labels. Das war 2010. Er verlegte den Hauptsitz nach Hamburg und verkauft seitdem seine eigene Gummi-Mode in der Hansestadt. Selbst schneidert er nur noch selten - das übernehmen mittlerweile seine Mitarbeiterinnen, denen Kuhl die Klebetechnik beigebracht hat. Auszubildende kann der Designer allerdings nicht einstellen, denn Latex-Schneider ist kein anerkannter Ausbildungsberuf. Richtig angekommen in der Gesellschaft ist die Gummi-Mode dann eben doch noch nicht.

Dieses Thema im Programm:

03.12.2016 | 01:30 Uhr

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