Stand: 11.06.2012 07:00 Uhr

Vom Millionär zum Tellerwäscher: Gunter Gabriel

von Nicola Millies

Vom Arbeiterkind singt er sich nach ganz oben, stürzt haltlos ab und erlebt ein Comeback mit Wohnzimmer-Konzerten: Gunter Gabriel. Für die einen ist er heute ein alternder Countrybarde, für die anderen noch immer die "Stimme des kleinen Mannes".

Gunter Gabriel: Macho, Proll und Revoluzzer

Als Günter Caspelherr wird der Sänger am 11. Juni 1942 im westfälischen Bünde geboren. Seine Mutter stirbt vier Jahre später an den Folgen einer Abtreibung. Gunter Gabriel wächst mit seiner Schwester und dem Vater auf. Seine Kindheit ist von Kälte, Schlägen und Lieblosigkeit geprägt. Nach der Volksschule absolviert er eine Schlosser-Lehre, holt das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach und beginnt in Hannover ein Studium zum Maschinenbau-Ingenieur.

Der deutsche Johnny Cash

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Ein heißer Ofen - für Gunter Gabriel schon immer das Sinnbild für Freiheit.

Durch seine erste Ehefrau knüpft Gunter Gabriel Kontakte in die Musikszene. Er geht nach Berlin und arbeitet als Songschreiber. Doch er möchte selbst Musik machen und veröffentlicht 1973 "Freiheit ist ein Abenteuer" - die deutsche Version von "Me And Bobby McGhee". Ohne Werbung verkauft sich die Platte 50.000 Mal. Im selben Jahr erscheint sein erstes Album. Darauf auch die Cover-Version des Johnny Cash-Hits "Wanted Man" - "Ich werd' gesucht in Bremerhaven". Johnny Cash erfährt von dem Deutschen, der seine Lieder umtextet und lädt ihn zu sich nach Amerika ein. Der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Mit "Hey Boss - ich brauch mehr Geld" avanciert der Sänger zur "Stimme des armen Mannes".

Der tiefe Fall

Mit dem Erfolg kommt auch das Geld. Gunter Gabriel investiert in kanadisches Öl, ein Bauherrenmodell und diverse andere Dinge. Offenbar wird er falsch beraten - in kürzester Zeit verliert er nach eigenen Angaben zehn Millionen Mark. Auch die Verkaufszahlen sind rückläufig, außerdem scheitern Ehe zwei und drei. 1986 verlässt der Sänger seine Familie und zieht in einen Wohntruck. Alkoholprobleme und Gläubiger machen ihm zu schaffen. Ende der 80er-Jahre erlebt er mit dem Album "Dieselknechte" noch einmal einen richtigen Auftrieb. 1993 wird Gabriel zusammen mit Tom Astor für den Song "Sturm und Drang" mit dem Award der German American Country Music Federation belohnt, die ihn auch in die deutsche Country Music Hall of Fame aufnimmt. 2002 bekommt er für sein Album "Gunterwegs" die Auszeichnung ein zweites Mal.

Das Erbe von Johnny Cash

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Erst ist Johnny Cash sein Idol, dann werden die beiden Country-Sänger Freunde.

In der ersten Hälfte der 90er-Jahre beherrschen Schlagzeilen um Gunter Gabriel und seine vierte Ehefrau, Karin, die Presse. Als auch diese Beziehung scheitert, geht Gunter Gabriel nach Hamburg und kauft sich für 80.000 Mark ein Hausboot - die Magdeburg - im Freihafen. Er hört mit dem Trinken auf, arbeitet wieder an seiner Musik.
2003 bekommt Gunter Gabriel einen Anruf von seinem Freund Johnny Cash. "Johnny hat mich aus dem Krankenhaus angerufen und sagte, ich solle in sein Studio kommen und seine Songs auf Deutsch aufnehmen. Das habe ich dann auch gemacht. 14 Tage später ist er gestorben." Leider bleibt der Erfolg des Albums aus.

Die Wiedergeburt des Gunter G.

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Mit "Herman und Tietjen" schafft es Gunter Gabriel 2007 raus aus den Schulden.

Die Wende in Gunter Gabriels Leben setzt mit dem 5. Januar 2007 und der Talkshow "Herman & Tietjen" ein. Ehrlich bekennt sich der Sänger im NDR zu seinen Schulden und ruft die Zuschauer auf: "In Deutschland gibt es vielleicht zehn Millionen, die mich kennen. Fünf Millionen halten mich für einen Idioten. Und die anderen fünf Millionen sind meine Fans. Und von diesen fünf Millionen gibt es vielleicht 500 Leute, die mal Party machen. Und ich trete für die auf - für 'nen Tausender. Euro! 500 Mal 1.000 und ich bin mit einem Schlag meine ganzen Schulden los." Dazu hält er einen Zettel mit einer Handynummer in die Kamera.

Gunter Gabriel fürs Wohnzimmer

Noch am selben Wochenende gehen 2.000 Anrufe ein und knapp zwei Jahre und über 800 Privat-Auftritte später ist Gunter Gabriel seine Schulden los. Aber die "Wohnzimmerkonzerte" machen ihm so einen Spaß, dass er bis heute dafür zu buchen ist. Und auch die Plattenfirmen versuchen es erneut mit dem Chaoten. "Sohn aus dem Volk" beeindruckt 2009 die gesamte Kritikergilde. Ein Jahr später veröffentlicht Gunter Gabriel seine Autobiografie "Wer einmal tief im Keller saß". Im selben Jahr wagt er einen Ausflug ins Schauspielfach und spielt die Titelrolle in "Hello, I'm Johnny Cash". 2011 erscheint das Album "Gunter singt Cash" eine weitere Verneigung vor seinem großen Idol. "Es ist für mich eine Ehre sein Erbe weiterzugeben."

Immer auf dem Sprung

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Gunter Gabriel will keine feste Bindung mehr. Nicht mit Frauen und nicht mit seinem Wohnsitz. Deswegen bleibt er auf dem Hausboot.

Vier Kinder von vier Frauen - so ganz wollte die Familien-Rolle einfach nie zu Gunter Gabriel passen. Die Ehefrauen hat er alle betrogen, sogar zu häuslicher Gewalt ist es gekommen. Mit den Kindern hat er Kontakt, seine drei Enkel dürfen ihn nur Gunni nennen. Freundinnen hat er, wenn man seinen Erzählungen glauben will, mehrere gleichzeitig. 22 Vorstrafen kann er auf seinem Konto verbuchen. "Alle, weil ich mich gegen die Obrigkeit aufgelehnt habe", sagt der Künstler erklärend. Ein Herzinfarkt 2003 läutert ihn, er beginnt sich gesünder zu ernähren und verzichtet weitestgehend auf Alkohol. Auf seinem Hausboot wohnt er noch immer, auch, wenn er sich wieder eine teure Penthouse-Wohnung leisten könnte. "Freiheit ist das Entscheidende. Ich will wieder davonschippern können", sagt er der Super Illu.

Auch, wenn Gunter Gabriel bis heute rastlos ist - er scheint angekommen zu sein. Nicht sein finanzieller Wohlstand ist ihm wichtig, sondern den Menschen, seinen Fans etwas zu geben und sich selbst dabei treu zu bleiben. Er ist, was er singt: "Sohn aus dem Volk".

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/unterhaltung/events/guntergabriel165.html