Stand: 26.01.2016 11:50 Uhr

Spardruck bei Hamburger Musicals?

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Lockt seit Dezember Besucher an: das Musical "Aladdin" im Theater Neue Flora.

Das ist ein Schlag für die Musical-Stadt Hamburg. Stage Entertainment schließt die Joop van den Ende Academy in der Speicherstadt, in der junge Darsteller ausgebildet werden. Unternehmens-Gründer Joop van den Ende hatte im vergangenen Jahr Finanz-Investoren ins Boot geholt. Und die wollen jetzt sparen. Das Musical-Theater am Potsdamer Platz in Berlin wird auch dichtgemacht. Stephan Jaekel, der Sprecher der Stage Entertainment, erläutert im NDR Interview die Hintergründe.

Welche Hamburger Theater stehen auf dem Prüfstand?

Stephan Jaekel: Kein einziges! Das ist eine gute Botschaft in den Tagen der nicht so schönen Botschaften. In Hamburg läuft unser Geschäft sehr, sehr gut. Die vier Theater, die wir hier betreiben, erfreuen sich großer Beliebtheit, sodass die Theater in Hamburg nicht betroffen sind.

Man hört, "zu wenig Gewinn" sei die Begründung für das Aus am Potsdamer Platz gewesen. Der "König der Löwen" läuft ja immer noch wie geschnitten Brot. Wie sieht es mit den anderen Shows aus: "Das Wunder von Bern", "Aladdin" und "Liebe stirbt nie"? 

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Erfolgsgeschichte: Mehr als 500.000 Besucher haben "Das Wunder von Bern" bereits gesehen.

Jaekel: Wir haben es in Hamburg geschafft, mit dem vierten Theater und dem "Wunder von Bern" den Markt zu erweitern. Im vergangenen Jahr sind 500.000 neue Gäste nach Hamburg gekommen, die sich das Stück angeschaut haben. Gleichzeitig hat keines der anderen drei Theater darunter gelitten. In Hamburg schaffen wir es tatsächlich, Musical-Hauptstadt und touristisch attraktiv zu sein. Beim Theater am Potsdamer Platz in Berlin waren wir in der unglücklichen Situation, dass wir in unserem gesamten Stücke-Portfolio kein einziges Stück zur Auswahl hatten, das Gewinne versprochen hätte.

Im Konzern weht aber jetzt auch seit dem vergangenen Jahr ein kühlerer und sparsamerer Wind. Sieht der Investor CVC Noten oder Dollarzeichen? Was sind das eigentlich für Leute?

Jaekel: Natürlich bedeutet es für uns eine Veränderung, nicht mehr inhabergeführter Musical-Betrieb zu sein. Herr van den Ende hat die Firma vor fast 20 Jahren in den Niederlanden aufgebaut, vor 15 Jahren dann hier in Deutschland. Natürlich war sie durch seine Unternehmerpersönlichkeit und seine Auffassung, wie Musical-Theater gut zu machen sei, geprägt. Jetzt arrangieren wir uns für eine Zukunftsausrichtung damit, dass wir in einer managementgetriebenen Konstellation agieren. Das kann auch den einen oder anderen Vorteil haben, dass Dinge, die sich eingeschliffen haben, jetzt von außen kritisch geprüft werden. Aber natürlich hoffen wir, dass das, was den Zauber von Musical-Theater ausmacht, auch unter den neuen Herrschaften nicht verloren geht.

Die Joop van den Ende Academy

Die Stage Entertainment gründete 2003 die Joop van den Ende Academy. Sie gehört zu Deutschlands renommiertesten Musical-Akademien. Die Ausbildung zum staatlich anerkannten Musical-Darsteller dauert drei Jahre. Bisher haben mehr als 100 Nachwuchsdarsteller dort ihre Ausbildung absolviert. Neben Hamburg bieten auch Berlin, München, Bremen und Freiburg Musical-Ausbildungen an.

Aber die "neuen Herrschaften" scheinen ja auch keine Verwandten zu kennen. Die Musical-Schule Joop van den Ende Academy in der Hamburger Speicherstadt galt eigentlich als unantastbar - schon wegen des Namens. Sehen sie wirklich zuerst auf die Zahlen?

Jaekel: Ja, das tun sie. Und das ist auch legitim, denn das Musical als Genre bekommt in Deutschland und anderen Ländern keine Subventionen. Das heißt, es ist ausschließlich von der Gunst der Zuschauer abhängig. Deshalb ist es richtig, den Fokus darauf zu legen, welche Shows bei den Zuschauern ankommen, und wie wir es schaffen können, das auch in unserer Kostenstruktur dauerhaft belastbar hinzubekommen. Bei solchen Überlegungen stehen natürlich auch Dinge auf dem Prüfstand wie unsere Academy, so sehr wir die Schließung auch bedauern. Aber die Academy ist in all den Jahren ein reiner Zuschussbetrieb gewesen und hat keine eigenen betriebswirtschaftlichen Gewinne erwirtschaftet, aber immer wieder fantastische Nachwuchsdarsteller hervorgebracht.

Die Schüler haben schockiert reagiert. Die Schule macht mitten in der Ausbildung dicht. Es gibt sogar eine Petition. Wie geht es für die jetzt in den nächsten Wochen und Monaten weiter?

Jaekel: Wir konnten immerhin die klare Aussage treffen, dass das laufende Schuljahr zu Ende geführt wird. Konkret können sechs Schüler im Abschlussjahrgang ihre Prüfungen wie geplant im Juli machen. Für die übrigen 18 Schüler suchen wir nach einer Lösung, um ihre Ausbildung zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Einen neuen Jahrgang konnten wir nicht mehr starten.

Nach dem Einstieg von CVC war weiter von Expansion die Rede. Wie sieht es mit der Vision für ein weiteres Musical-Theater in Hamburg aus?

Jaekel: Ob das konkret für Hamburg in den kommenden Monaten auf der Tagesordnung steht, vermag ich nicht zu sagen. Dass der Hamburger Markt nicht nur drei, sondern auch vier Theater wohlwollend aufnimmt, ist ein gutes Zeichen auch für eine mögliche Expansion. Aber das weitere Wachstum kann sich natürlich auch in anderen Ländern manifestieren.

Das Interview führte Daniel Kaiser.

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