Stand: 30.05.2016 11:25 Uhr

"Hyper Hyper" - Das Phänomen Scooter

"Billigmucke" und "Kirmes-Techno" - oft rangieren diese beiden Begriffe noch unter den harmloseren, wenn die Rede von der Band Scooter ist. Dabei sind die Norddeutschen extrem erfolgreich mit ihrer Musik. Es ist ein Phänomen wie mit der Bild-Zeitung: Niemand scheint sie zu kaufen oder zu mögen, zumindest geben es viele nicht zu, aber irgendwo müssen die unzähligen Fans ja herkommen. Heute gehören Scooter zu den kommerziell erfolgreichsten deutschen Bands überhaupt.

"I'm Raving" - Scooter gehen ab

Zwischen Loveparade und Eurodance

Als Scooter 1994 ihren Song "Hyper Hyper" veröffentlichen, dominieren extrem seichte Eurodance-Hits die Charts. Acts wie 2 Unlimited ("No Limit"), Haddaway ("What Is Love?") und DJ Bobo ("There Is A Party") geben im Radio und bei den Musiksendern im TV den Ton an. Zeitgleich vergnügen sich die Massen auf Veranstaltungen wie der Loveparade in Berlin, wo Techno, Trance und Rave den grauen Alltag für ein paar Stunden vergessen lassen. Mit "Hyper Hyper" positionieren sich Scooter irgendwo zwischen Loveparade-Rave und Eurodance-Trend - und landen einen Hit. Dabei hätte keiner der Beteiligten noch damit gerechnet. Schließlich versuchen einige der Mitglieder schon seit den 80ern, mit Musik Geld zu verdienen.

Einmal Top 5 - mehr ist nicht drin

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Scooter in den frühen Jahren - die Laune ist bestens, aber was soll wohl diese Fingerübung von H.P. Baxxter aussagen?

Scooters Frontmann H.P. Baxxter, mit bürgerlichem Namen Hans Peter Geerdes, gründet 1986 in Hannover zusammen mit seinem Kumpel Rick J. Jordan, tatsächlicher Name Hendrik Stedler, die Band Celebrate The Nun. Musikalisch orientiert man sich an den damaligen Synthie-Pop-Chart-Helden - Depeche Mode, Soft Cell und New Order sind die eindeutigen Vorbilder. Nur mit dem Erfolg klappt es nicht so ganz. Celebrate The Nun veröffentlichen zwischen 1988 und 1991 zwei Alben und fünf Singles, eine dieser Singles schafft es in die Top 5 der US-Charts. Mehr ist nicht drin. Immerhin aber, so Baxxter heute rückblickend in einem Interview, sei diese Zeit eine sehr lehrreiche gewesen, weil das Musikbusiness von der Pike auf erlernt worden sei.

Mindestens so geliebt wie verhasst

Nach der Auflösung der Band richtet sich Jordan in seinem Keller ein Tonstudio ein. Kurz nach der Loveparade 1993 ist es dann so weit: Baxxter und Jordan tun sich mit Baxxters Cousin Ferris Bueller, wirklicher Name Sören Bühler, und ihrem zukünftigen Manager Jens Thele zusammen. Sie nennen sich zunächst "The Loop" und veröffentlichen Remixe anderer Bands, unter anderem von Marky Mark. So richtig erfolgreich sind sie damit aber auch nicht.

1994 folgt dann die Umbenennung in Scooter. Die erste Single heißt "Vallée Des Larmes", klingt teilweise nach Autoscooter-Musik auf einem Jahrmarkt - und floppt. Die zweite Single aber, es handelt sich um den beinahe schon legendären Song "Hyper Hyper", schlägt in den Charts voll ein, und zwar in weiten Teilen Europas. Bereits mit diesem Track werden Scooter zu einer Band, die mindestens so geliebt wie verhasst ist. Das geht - mal von der Machart der Musik abgesehen - damit los, dass Baxxter in seiner Funktion als "Shouter" in der Band im Mittelteil des Songs eine Reihe von weltweit anerkannten Techno-DJs aufzählt. Soll wohl cool rüberkommen und für "Credibility", also Glaubwürdigkeit, sorgen, verursacht bei Szenekennern aber bestenfalls Kopfschütteln und bei einigen der verbal zwangsverhafteten DJs glattweg Verärgerung. Mit "Autoscooter-Techno" möchten einige der alten Szene-Helden nun wirklich nicht in Verbindung gebracht werden. Und die Presse lässt kein gutes Haar an den Norddeutschen, es hagelt Verrisse. Beruhigend mag die oftmals geäußerte Meinung wirken, dass es sich bei der Band nur um ein weiteres One-Hit-Wonder handelt. Das ist zu der Zeit zwar an der Tagesordnung in den Charts, in Bezug auf Scooter ist es jedoch eine geradezu eklatante Fehleinschätzung.

"How Much Is The Fish?"

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Wie viel kostet der Fisch denn nun? Das verrät Baxxter erst im Mai 2016, nachdem ein US-Talkshow-Moderator auf die Band aufmerksam wird.

In den Folgejahren veröffentlicht die Band einen Hit nach dem anderen - und das, obwohl oder eben gerade weil sie ihrem Stil treu bleibt. Das gilt nicht nur für die musikalischen Zutaten. Auch die Texte und ebenso die teilweise überraschend hintergründig erdachten, wenn auch billig klingenden Titel halten das anfängliche Niveau. Bis 2000 veröffentlichen die Jungs so einprägsame Titel wie "Move Your Ass!", "How Much Is The Fish?" und "Faster Harder Scooter". Doch trotz des Erfolges - Singles und Alben verkaufen sich ohne Ende, die Konzerte sind gut besucht - bleiben Scooter in den Medien und der öffentlichen Meinung die Prügelknaben.

Eine Band, die sich treu bleibt

Zumindest medial ändert sich das erst im aktuellen Jahrtausend, als deutlich wird, dass Scooter weiterhin auf einer Welle des Erfolges reiten. Vielleicht ist es die schlichte Erkenntnis, dass man diese Band weder runter- noch wegschreiben kann. Vielleicht ist es auch die Einsicht in die Tatsache, dass eine Band respektiert werden sollte, wenn sie ein solches Konzept über so viele Jahre höchst erfolgreich durchzieht und sich derart treu bleibt. Mittlerweile halten Scooter gar einen Rekord mit mehr als 20 Singles, die sie in den deutschen Top 10 platzieren konnten, ganz zu schweigen von den unzähligen Goldenen und Platin-Schallplatten sowie sonstigen Preisen, die sie in ihrer Karriere einheimsen konnten.

Respekt für Scooter

Und es kommt wohl noch eines dazu: Selbst Menschen, die Scooters Musik zutiefst lächerlich finden, geben häufig irgendwann zu, dass es sich bei "den Typen" in der Band um ganz coole Leute handeln könnte. Mit der Zeit haben viele H.P. Baxxter und seine Kollegen mal in Interviews oder Reportagen erlebt - und dabei entdeckt, dass die Scooter-Protagonisten durchaus auf eine intelligente und ironische Art rüberkommen, die es Zweiflern - wie beispielsweise dem US-Talkshow-Moderator Jimmy Fallon im Mai 2016 - mithin schwer macht, die Band ernsthaft zu verachten. Selbst wenn man die Musik aus triftigen Gründen nicht mag - dem Phänomen Scooter gebührt durchaus Respekt. Wenigstens ein bisschen. Es ist eben wie mit der Bild-Zeitung.