Stand: 15.02.2016 09:30 Uhr

Deichkind: Mehr als Krawall und Remmidemmi

von Kathrin Otto

Impulsive Menschen kennen keine Grenzen. Mit diesem Satz startet die Band Deichkind nicht nur in ihrem Lied "Remmidemmi" eine wilde Party bei reichen Eltern - inklusive Tanzen auf den Tischen und Aufguss mit der Hausbar in der hauseigenen Sauna. Mit dem Satz rufen die Hamburger im Februar auch gemeinsam mit den Musikern Das Bo und Fatoni zu einem Gratis-Konzert auf dem Marktplatz in Dresden auf. Als Gegengewicht zu den Abendspaziergängen von Pegida-Anhängern. Rund 5.000 Menschen folgen dem Ruf. "Jetzt wollen wir laut sein, gegen Gewalt, gegen Hass, gegen Rassismus, gegen Sexismus", rufen Deichkind ihnen zu. Denn die Band, die immer wieder Kindergeburtstage für Erwachsene veranstaltet - wie sie ihre Konzerte selbst einmal nennt -, nutzt ihre Popularität auch, um politische Signale zu senden.

Wo Deichkind sind, ist es bunt

Mit Jogginghosen gegen Fremdenhass

Bild vergrößern
Zur Echo-Verleihung 2015 erscheinen Deichkind in Jogginganzügen, die die Band für einen guten Zweck verkauft.

Ablehnung gegenüber Flüchtlingen regt sie nicht nur auf, sondern auch zuvor schon zu Aktionen an. Zur Echo-Verleihung im März 2015, bei der sie mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet werden, erscheinen sie in Jogginganzügen mit "Refugees Welcome"-Aufdruck. Die dort getragenen Anzüge versteigern sie im Anschluss im Internet und spenden den Gewinn der Organisation Pro Asyl. Die Anzüge gehen danach in Serie, den Gewinn spenden die Deichkinder ebenfalls. Aber auch sonst liegen ihnen soziale Themen am Herzen und sie nutzen ihren Facebook-Auftritt, um auf Missstände hinzuweisen.

Anfänge in einem Keller in Hamburg-Bergedorf

Ur-eigentlich und im Kern machen Deichkind aber natürlich Musik. Philipp Grütering, Malte Pittner und Bartosch "Buddy" Jeznach gründen die Band 1997. Die ersten Proben finden im Keller von Grüterings Eltern im Hamburger Stadtteil Bergedorf statt. Die drei machen klassischen Hip-Hop und produzieren erste Singles. 2000, in dem Jahr, in dem Henning Besser alias DJ Phono als Tour-DJ zu ihnen stößt, veröffentlichen sie ihr erstes Album "Bitte ziehen sie durch". Mit dem Lied "Bon Voyage", das sie mit Nina MC aufnehmen, feiern sie ihren ersten Charterfolg. Zwei Jahre später erscheint das Album "Noch fünf Minuten Mutti", bevor Deichkind sich vom klassischen Hip-Hop verabschieden.

Entdeckung ungewöhnlicher Bühnenoutfits und des Elektro

Bild vergrößern
2006 wird der Dreieckshut zum Deichkind-Erkennungsmerkmal.

Deichkind entdecken den Elektrosound für sich - und ungewöhnliche Bühnenoutfits: Bei einem Konzert 2005 in Hamburg treten sie in Mülltüten vor die hanseatischen Zuschauer. DJ Phono wird als La Perla zum festen Bandmitglied und Deichkind legen bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest einen allseits bestaunten Gaga-Auftritt hin - mit dem sie den vorletzten Platz belegen. Doch ein echtes Deichkind lässt sich nicht beirren. Die Band baut ihre Konzerte zu echten Events und den bereits zitierten Kindergeburtstagen für Erwachsene aus. 2006 erscheint das Album "Aufstand im Schlaraffenland", der Song "Remmidemmi" wird der erste richtig große Hit der Band.

Größer, schriller - leider geiler

Die Bandoutfits werden schriller, die Bühnenshows aufwendiger. Mit dem fünften Album "Befehl von ganz unten" gelingt Deichkind 2012 der große Durchbruch. In Hamburg geben sie ihr bis dahin größtes Konzert vor 11.000 Besuchern. Ein ganzes Team von Künstlern und Ingenieuren arbeitet an computergesteuerten und automatisch über die Bühne fahrenden gigantischen Säulen. Inszenierung ist das große Stichwort. Es gibt Wechsel in der Besetzung: Gründungsmitglied Malte Pittner steigt aus, Sebastian Dürre als Porky Codex und Sascha Reiman als Ferris Hilton, zuvor bekannt als Ferris MC, stoßen zur Band. Die Singles "Leider geil" und "Bück dich hoch" erreichen Gold-Status, das Album "Befehl von ganz unten" wird mit Platin ausgezeichnet. 2015 bringen Deichkind mit "Niveau Weshalb Warum" ihr sechstes Album raus. Dafür erhalten sie den erwähnten Echo-Kritikerpreis.

Tanz-Hits mit Botschaften

Auch wenn die Deichkind-Songs vor allem nach großer Party klingen, sie haben eigentlich immer auch eine Botschaft. In "Denken sie groß" etwa geht es um Profitgier, mit "Like mich am Arsch" nehmen sie übermäßigen Internetkonsum auf die Schippe. Die Hamburger Band kann eben nicht nur feiern, sie ist auch politisch. Insofern sind ihre Auftritte immer ein bisschen mehr als nur Erwachsenen-Kindergeburtstage.

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/unterhaltung/Portraet-Deichkind,deichkind430.html