Stand: 11.01.2016 17:19 Uhr

Der Mann, der vom Himmel in unser Leben fiel

Er war größer als das Leben. Und er hinterlässt eine ebenso große Lücke: David Bowie ist im Alter von 69 Jahren einem Krebsleiden erlegen. Für dieses Wesen von einem anderen Stern ein sehr irdisches Ende. Und eines, das mancher noch nicht ganz fassen kann.

Eine Betrachtung von Lena Bodewein, NDR Info Kulturredaktion

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David Bowie erfand sich zu Lebzeiten immer wieder neu.

Ein letztes Album. Veröffentlicht am letzten Geburtstag. Der Titel: "Blackstar" - ein schwarzer Stern, in den er sich verwandelt hat. Was für ein Timing - und das Gefühl fürs richtige Timing hatte David Bowie immer. In seiner Karriere, in seinen Songs - und in meinem Leben. Denn in wessen Leben David Bowie rechtzeitig vor Beginn der Teenie-Jahre tritt, den kann keine Krise mehr schrecken; er hat uns Verbündete gegeben im Kampf gegen Alltag und Grauheit, Lieder von großer Magie und immer neue schillernde Kunstfiguren als Gefährten. Wer wie er vom Stern gefallen ist, schenkt allen um ihn herum Verständnis für Fremdheit ... Unvergessen der Auftritt in "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", wo er wie eine Erscheinung als Thin White Duke aus dem Dunkel und dem Rauch tritt. Bowie vermittelte mir und uns und allen, die ihn sahen und hörten, Schönheit und Geheimnis und Würde und Freude daran, sich immer neu zu erfinden, fremd zu sein und sich gleichzeitig treu zu bleiben.

Der Mann, der vom Himmel fiel, "Starman", "Life on Mars", "Ziggy Stardust" - und nun eben "Blackstar" - immer war er überirdisch, außerirdisch - oder auch mal unterirdisch ...

Die Looks bewundert - und besser nicht imitiert

Zum ersten Mal offenbart hat Bowie sich mir im Untergrund, irgendwo zwischen böse, verspielt und geheimnisvoll: in der Rolle als Kobold-König des zugebenermaßen nicht gerade glanzvollen Films "Labyrinth". Seitdem habe ich ihn verehrt, habe alle Alben gekauft, alte, neue, habe alle Looks bewundert und besser nicht imitiert. Habe Woche für Woche vor dem Fernseher geklebt, wenn eine Top-Ten-Sendung lief - sicher, dass Bowies jeweils neuer Song dabei ist. Na gut, er war noch nicht auf Platz zehn, nicht auf neun, nicht auf acht - klaaaar, weil er ja auch Platz eins sein würde. War er dann aber nie. Banausen, Modern-Talking-verehrende.

Die Stimme riss alles raus

Aber auch das trug zu Bowies Nimbus bei: Nie war er zu populär, nie zu massentauglich (okay, von "Let's Dance" mal abgesehen, aber das hat er auch selbst als Tiefpunkt seiner Karriere betrachtet), sondern immer überraschend oder neu oder er selbst. Egal, was da kam: waschechte Popsongs, Jazzklänge, übler Schwulst, Drum and Bass - das Timing stimmte (fast) immer. Und wenn mal etwas nicht stimmte, dann riss seine Stimme alles raus: zart und groß zugleich, leicht brüchig, mit einem Timbre, das nur jemand haben konnte, der vom Himmel in unser Leben fiel. Tröstlich und traurig zugleich.

Verwandlung in einen Blackstar

Das Schwärmen hat nie aufgehört. Als erwachsene Frau war ich sauer, dass Bowie sich seine herrlich schiefen Zähne hat richten lassen, dass er eine andere Frau geheiratet hat, noch als gestandene Korrespondentin in New York habe ich mehrere Abende wie ein Groupie vor seinem Haus in Soho gelauert, um einen Blick auf ihn erhaschen zu können, um ihm danken zu können, für alles, was er mir geschenkt hat. Vergeblich.

David Bowie ist tot. Diese vier Worte wirken immer noch so wenig glaubhaft. Seine Kunst, sich Identitäten zu schaffen, sich selbst als Wesen vom anderen Stern zu stilisieren, war so groß, dass ich immer noch die Hoffnung habe, dass er sich mit so etwas Irdischem wie dem Tod gar nicht einlassen muss. Er hat sich in einen Blackstar verwandelt. Das Timing hat ihn nie verlassen. Aber er uns.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 11.01.2016 | 18:25 Uhr