Stand: 11.02.2016 02:37 Uhr

Cirque du Soleil: Wie ein schwebendes Gemälde

von Ilka Kreutzträger

An diesem Abend stimmt es wirklich: Das Beste kommt zum Schluss. Die fliegenden Flammendrachenmenschen, die von den zwei russischen Schaukeln abheben und sich in der Luft irrwitzig nah kommen, sind spektakulär. Aber von Anfang an: Der Cirque du Soleil, eine der weltweit größten Zirkus-Shows, ist in Hamburg zu Gast und hat am Mittwochabend die Show "Varekai" auf die Bühne der Barclaycard Arena gebracht.

Artistische Höchstleistung beim Cirque du Soleil

Tour durch die Arenen

Mit dem klassischen Zirkus, zu dem ein Zelt, etwas unbequeme Stuhlreihen und dieser ganz spezielle Manegen-Geruch gehören, hat das Ambiente der Arena freilich wenig zu tun. Treten in dieser Halle direkt neben dem Volksparkstadion doch sonst Mario Barth, Bülent Ceylan und Revolverheld auf oder es wird Eishockey gespielt.

Aber auf der zweiten Europa-Tournee mit "Varekai" verzichtet der Cirque du Soleil aus dem kanadischen Montreal auf das eigene Zelt, in dem 2.600 Zuschauer Platz finden. Zu aufwendig und zu kostspielig ist es, das riesige Zelt auf die dafür nötigen 65 Lastwagen zu verladen und in die nächste Stadt zu bringen. Darum ist es dieses Mal eine Tour durch die Arenen geworden, in denen das Bühnen-Set der Kanadier aufgebaut wird, deren Shows in 40 Ländern auf sechs Kontinenten mittlerweile von mehr als 100 Millionen Menschen gesehen wurden.

Hauch von Märchenwald

An diesem Abend wollen rund 3.000 Menschen den Akrobaten beim Fliegen zusehen und die Sitzreihen füllen sich eine halbe Stunde vor Beginn langsam. Murmelnd suchen sich die Leute ihre Plätze, aus den Lautsprechern pfeift Wind. Die Metallstangen, die aus dem Bühnenboden gen Hallendecke emporragen, wirken mit dieser Geräuschkulisse schon recht waldig - mit dem sanften Licht dazu sogar fast ein bisschen verwunschen. Und das ist es auch, was hier für zwei Stunden auf die Bühne gebracht werden soll: eine märchenhafte Zauberwelt. Da passt der Name der Show gut: "Varekai" heißt in der Sprache der Roma so viel wie "Wo auch immer".

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Fabelwesen wuseln herum

Erzählt wird die Geschichte von Ikarus. Jenem Ikarus aus der griechischen Mythologie, der so nah an die Sonne fliegt, dass seine mit Wachs angeklebten Flügel auseinanderfallen und er ins Meer stürzt. Hier fällt er jedoch nicht ins Meer, sondern schwebt sehr elegant von der Hallendecke herab nach "Varekai" in den Stangenwald, in dem bunt kostümierte Fabelwesen herumwuseln.

"Sein Wunsch zu leben und seine Ängste zu überwinden, treibt ihn zu ungeahnten Höhen und ebnet den Weg einer möglichen Wiedergeburt", so beschreibt das Programmheft die Handlung. Aber bei dem wilden Treiben auf der Bühne, den aufwendig geschneiderten Kostümen, den recht unterhaltsamen Witzeinlagen und den 14 akrobatischen Darbietungen gerät Ikarus zwischendurch glatt in Vergessenheit. Am Ende jedenfalls wird mit ihm alles gut, so viel sei verraten.

Wie ein schwebendes Gemälde

Deutlich interessanter als die Rahmenhandlung sind ohnehin die Artisten, die neun Monate lang die Zirkusschule des Cirque du Soleil in Montréal durchlaufen und dort von Sportlern zu Artisten gemacht wurden. Da ist zum Beispiel die so geschmeidige wie starke Handstand-Kontorsionistin in hautengem Glitzerkostüm, die ihren Körper in wahnwitzige Positionen bringen und sich auf den Händen balancierend halten kann. Oder die zwei Artisten im kleinen Schwarzen: An Bändern, die an der Decke befestigt sind, tanzen sie ruhig, kraftvoll und scheinbar mühelos durch die Luft und sehen dabei aus wie ein schwebendes Gemälde.

Irgendwann im Laufe der knapp zweistündigen Show ist es dann auch verziehen, dass der Abend doch recht zäh begann. Was zum Teil auch der wenig intimen Atmosphäre in der Arena geschuldet sein dürfte. Denn da verliert sich die Stimmung doch schneller irgendwo unterm Hallendach als in einem Zirkuszelt mit der Bühne in der Mitte und mehr Nähe zum Geschehen. Aber spätestens bei der letzten Nummer des Abends dürfte auch der letzte Zuschauer davon überzeugt sein, dass da vorne Höchstleistung vollbracht wird. Die Artisten auf den beiden russischen Schaukeln machen die leichten Hänger unbedingt wieder gut. Der Cirque du Soleil gastiert mit "Varekai" noch bis zum 14. Februar in Hamburg.