Stand: 20.12.2015 10:00 Uhr

Astra Stube: Gerettet, aber dem Tod geweiht

von Heiko Block, NDR.de

Züge donnern über das Dach. Vor den großen Fenstern wimmelt es nur so von Fußgängern, Fahrrädern, Autos, Lastwagen und Bussen - perfekt zu beobachten von der Bar und sogar von der Bühne aus. Mehr Großstadt und mehr New-York-Feeling als in der Astra Stube unter der Sternbrücke gibt es in Hamburg wohl nirgends. Seit 1999 traten in dem Musikclub bereits Hunderte Bands auf, zuletzt Herrenmagazin, Abramowicz, Swearing At Motorists, Silly Walks oder Me Succeeds. Sie hätten in größeren Clubs spielen können als in der Astra Stube, wo es schon mit 80 Leuten eng wird. Für die Bands war es aber eine Frage der Ehre - schließlich ging es um die Rettung und die Zukunft der Astra Stube, die lange ungewiss war.

Astra Stube hat Zukunft - bis zum Brückenabriss

Verein will Club am Leben erhalten - Soli-Wochen erfolgreich

Über 15 Jahre lang Bühne für Newcomer

Die Astra Stube ist einer der bekanntesten Live-Clubs in der Hansestadt - und einer der kleinsten. Hier überträgt sich durch die Nähe zur Bühne die Energie einer Band unmittelbar auf das Publikum. "Unser Club war schon immer eine Anlaufstelle für internationale und nationale Newcomer", betont Lion Isele vom Betreiberverein. Das Clubkombinat Hamburg würdigte dieses Engagement und zeichnete die Astra Stube im Januar 2015 mit dem Club Award für Newcomerförderung aus. Mehr als 200 Veranstaltungen fanden dort 2014 statt. Auch in Zukunft soll es nach dem schwierigen Jahr 2015 wieder viele Konzerte geben. Isele: "Die Substanz des Clubs bleibt - aber wir erfinden uns auch ein Stück weit neu."

Nachdem die Leitung im Sommer diesen Jahres aufgehört hatte, war der Club von Mitte Juli bis Ende November geschlossen. Dann entschloss sich eine etwa zehnköpfige Gruppe von lokalen Veranstaltern, Musikern, Tresenkräften und Technikern dazu, den gemeinnützigen Verein Astra Stube e.V. zu gründen. Die Crew lernte sich in der Location kennen und will sie am Leben erhalten. Und es scheint zu funktionieren: Die Soli-Wochen im Dezember mit Konzerten und Partys waren erfolgreich. Fast alle Veranstaltungen waren ausverkauft. Die Kosten für die Renovierung der Räume sind dadurch bereits in der Kasse.

Aber um die Astra Stube weiter betreiben zu können, braucht der Verein Fördermitglieder. Die haben für einen Monats-Beitrag von mindestens fünf Euro freien Eintritt in ein Konzert ihrer Wahl. Von den Beiträgen werden unter anderem die Mietzahlungen an die Deutsche Bahn bestritten. "Die Resonanz ist schon jetzt sehr groß", berichtete Vereinsmitbegründer Lion Isele NDR.de.

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Lion Isele, Christian Smukal, Lisa Roeske, Daniel Höötmann und Henrik Schimkus (v.l.) hoffen auf viele Fördermitglieder.
Hilfsbereitschaft ist groß

Unterstützung bekommt der Verein auch von zahlreichen Clubbetreibern, der Zusammenhalt ist gut. Ähnlich wie nach der vorübergehenden Schließung des Molotows. Damals ging der Club auf Tour durch die Hansestadt. Auch in der Astra Stube wurden Molotow-Konzerte veranstaltet. Daniel Höötmann, Booker der Astra Stube und heute Vereinsmitglied, erklärte im Januar 2014, dass die Unterstützung Ehrensache sei: "Der Club muss erhalten bleiben. Ist doch klar, dass wir helfen. Das ist ja eine Ausnahmesituation." Jetzt benötigen Höötmann und seine Kollegen selbst Unterstützung. "Das Molotow hat uns auch sofort Hilfe angeboten. Das ist echt Wahnsinn, wie groß die Hilfsbereitschaft ist."

Sternbrücke wird abgerissen - Tage von mehreren Clubs gezählt

Doch trotz aller Rettungs-Bemühungen sind die Tage der Astra Stube gezählt. Der Club hat an der Ecke Max-Brauer-Allee/Stresemannstraße keine dauerhafte Zukunft. Grund: Die Deutsche Bahn will die Brücke erneuern. "Der Abriss ist definitiv und wird kommen", betonte Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis.

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Auch der Club Waagenbau verschwindet, wenn die Sternbrücke abgerissen wird.
"Bis Ende 2017 passiert definitiv nichts"

Neben der Astra Stube müssen dann auch die benachbarten Clubs Waagenbau und Fundbureau schließen. Auch sie sind in den Kasematten unter der Brücke untergebracht. Laut Bahn gilt es als ausgeschlossen, dass die Clubs nach Fertigstellung der neuen Brücke an ihre alten Plätze zurückkehren können. Das Bauwerk sei so nicht wieder denkbar, da es heutzutage ganz andere Bauauflagen gebe. Bis Ende 2017 haben die Clubs aber mindestens noch Ruhe. "Vorher passiert definitiv nichts", versicherte Meyer-Lovis. Die Mietverträge laufen vorerst noch weiter. "Da derzeit ein Planfeststellungsverfahren vorbereitet wird und die Gespräche mit der Stadt laufen, kann noch kein konkreter Termin genannt werden, wann die Arbeiten starten."

Martin Roehl, Pressesprecher des Bezirks Altona, sagte, dass es Bemühungen gebe, neue Räume für die Clubs zu finden. Allerdings sei das ein schwieriges Unterfangen. "Sie leben ja auch von dem besonderen Flair unter der alten Brücke, von dem etwas verrotteten Charme." Zudem gebe es ja befristete Mietverträge, die dann auslaufen. Versprochen werden könne deshalb nichts. Aber er setze auch auf die Kreativität der Club-Betreiber.

Brücke hat nur noch geringe Nutzungsdauer

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Die Sternbrücke wurde 1925 gebaut und muss saniert werden.

In erster Linie wird die Brücke erneuert, weil sie laut einem Prüfbericht nur noch eine geringe Nutzungsdauer hat. Der Brückenüberbau ist von 1925 und die angrenzenden Kasematten von 1890. Diese sind teilweise stark durchfeuchtet und laut Bahn für eine längerfristige Nutzung in diesem Zustand nicht mehr geeignet.

Auch Central Park und Bauwagenplatz werden verschwinden

Die Bauarbeiten sollen etwa zwei Jahre dauern, die Kosten sind noch unklar. Der neue Brückenüberbau wird voraussichtlich eine Gesamtlänge von etwa 110 Metern haben und lässt sich nicht an einem Stück in die Stadt bringen. Er wird auf mehreren Schwertransportern zur sogenannten Brammer-Fläche zwischen Lippmannstraße und Schulterblatt gebracht werden müssen, um dort endmontiert zu werden, so Bahnsprecher Meyer-Lovis. Anschließend wird die Brücke von dort zum Einbauort transportiert und eingehoben. Dafür wird laut Bahn die gesamte Brammer-Fläche benötigt - das bedeutet, dass auch der dort beheimatete Beachclub Central Park und auch der Bauwagenplatz Zomia am jetzigen Standort keine Zukunft haben werden. Auch weil dort anschließend eigentlich eine Bebauung geplant ist, wie Bezirkssprecher Roehl sagte.

"Der Bau der neuen Sternbrücke wird auf jeden Fall eine große Herausforderung", sagte Meyer-Lovis. Über die Bahnbrücke laufe nicht nur der S-Bahn- sondern auch der Fernverkehr. Zudem sei die Kreuzung stark befahren. "Das wird sicher erst mal starke Behinderungen geben, aber wir erhoffen uns später eine Entlastung des Verkehrs", erklärte Roehl. Der Bezirk überlege, im Zuge des Umbaus die Kreuzung auszubauen und zu entschärfen.

Brückenabriss reißt Lücke in Hamburger Clubszene

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Club mit Ausblick: Aus der Astra Stube können Konzert-Besucher direkt auf die Kreuzung schauen.

Der Brückenabriss wird also wohl den Straßen- und Bahnverkehr verbessern - aber zu einem hohen Preis. Er reißt eine große Lücke in die Hamburger Clubszene. Ohne Astra Stube, Waagenbau, Fundbureau und auch den Central Park wird das Hamburger Nachtleben im Schanzenviertel sehr viel ärmer werden.