Stand: 06.10.2015 11:00 Uhr

Abdollahi: "Ich wollte die Nazis interviewen"

von Dietmar Schiffermüller
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Vor der Holzhütte in Jamel: Reporter Michel Abdollahi.

Eine Holzhütte, mitten auf einer Dorfwiese: für vier Wochen das Zuhause von Reporter Michel Abdollahi. Das Häuschen steht in Jamel, einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, das überwiegend von Mitgliedern der rechtsextremen Szene bewohnt wird. Redaktionsleiter Dietmar Schiffermüller fragte Michel Abdollahi nach seinen Motiven für das journalistische Experiment.

Einen Monat in ein Dorf voller Nazis - warum?

Michel Abdollahi: "Jamel gibt sich als 'national-befreite Zone', und das ist eine Aussage, die natürlich schwer zu akzeptieren ist. Deshalb wollte ich für einen längeren Zeitraum an diesen Ort, auch als Deutsch-Iraner, und zeigen, dass auch andere Menschen hierher können. Gleichzeitig wollten wir eine kritische Auseinandersetzung mit den Bewohnern. Ich wollte die Nazis interviewen.

Nun kommen die Nazis im Film recht nett daher, war das nicht ein Problem?

Abdollahi: Das eine ist, dass die Menschen freundlich sind. Warum sollten sie es auch nicht sein? Es gibt nicht nur den Nazi mit Springerstiefel, sondern auch den Nazi als jovialen Familienvater. Deswegen bleibt er aber trotzdem ideologisch gefährlich und als Teil einer Struktur bedrohlich.

Was ist die Erkenntnis des Experiments?

Abdollahi: Die Bewohner zeigten sich als nette Nachbarn, aber richtig vor die Kamera wollte keiner. So selbstbewusst sich die Propagandatafeln im Dorf geben, so gehemmt sind die Nazis. Die Interviews mit Dorfchef Sven Krüger waren allerdings erhellend. Wenn er angesichts fremdenfeindlicher Angriffe nur mit den Schultern zuckt, ist das schon nicht mehr so freundlich. Und als er mich auf eine Demonstration eingeladen hat, auf der "Wir wollen keine Asylantenheime" geschrien wurde und Nazis uns angreifen wollten, war das ebenfalls ziemlich bezeichnend.

Gibt man Nazis nicht eine Plattform durch so einen langen Film?

Abdollahi: Es gab schon viel Berichterstattung über Jamel, aber noch keine richtige Auseinandersetzung mit den Nazibewohnern und praktisch keine Interviews. Ich war als Reporter dort. Und der Film ist vielleicht erhellender als manche mediale Bedrohungskulisse. Das war zumindest unser Ansatz. Und die Vorgehensweise verhindert gleichzeitig, dass sich die Nazis als Opfer unfairer Berichterstattung stilisieren können. Wir haben sie als ganz normale Interviewpartner behandelt.

Muss man wirklich der Nachbar der Nazis werden, um das zu zeigen?

Abdollahi: Auf jeden Fall hatten wir so ausreichend Zeit, um uns den Ort zu erschließen.

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