Sendedatum: 16.06.2017 05:10 Uhr

Ein Mann, ein Weg und viele Glaubensgeschichten

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Reporter Torsten Creutzburg wird zum Pilger.

Moin zusammen, ich bin Torsten Creutzburg - 37 Jahre, neugierig und bereit für ein Abenteuer. Normalerweise arbeite ich als Reporter bei NDR 1 Welle Nord, für die ARD Themenwoche werde ich zum Pilger und Wandersmann auf der Via Baltica von Lübeck nach Wedel. Ich suche Menschen und deren Glaubens-Geschichten, suche nach Werten, die auch für spätere Generationen wertvoll sind, und vielleicht erfahre ich ja auch noch so etwas wie Erleuchtung. In diesem Tagebuch nehme ich Sie mit auf meine fünftägige Reise. Was unterwegs geschah ...


Tag 5 - 07.02 Uhr

Die letzte Etappe von St. Pauli nach Wedel beginnt unfreiwillig etwas früh

Ein sorbisches Sprichwort sagt: "Schlaf nicht bis in den hellen Tag, sonst kriegst du Maden in die Augen." Und das ist kein Witz. Genauso wenig, wie das dezente Glockenspiel des Hamburger Michel um Punkt sieben Uhr, gepaart mit Kreissägen-Kreischen aus dem Hinterhof und dem rücksichtsvollen Putzeimergeklapper der Reinigungsfrau. Es ist Aufstehzeit im Seemannsheim der Hamburger Seemannsmission. Egal, heute ist sowieso Finale meiner kleinen Pilgerreise, außerdem kann ich mich ja eh gleich wieder auf die Matte legen - beim Frühstücks-Yoga. Das denke ich mir, als ich mich auf dem Weg mache.


Tag 5 - 09.36 Uhr

Jeden Tag probiere ich etwas Neues - heute ist es Yoga

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Diese entzückenden Damen führen mich in die Welt des Yoga ein.

Ich hetze durch den Hamburger Freitagmorgenverkehr, komme an einer Großbaustelle an, hinter der sich in einem Eckhaus ein kleines Yogastudio befindet. Ich bin spät dran. Tür zu - Lärm weg - Schuhe aus. Ich schaue in die lächelnden Gesichter von Christine und Narayan, den Trainerinnen und Mitbegründerinnen des Devah St. Pauli - Zentrum für Yoga & Selbstheilung e.V.. Obwohl draußen das Großstadtleben tobt und der kleine helle Raum mit neun Teilnehmern ziemlich voll ist, spüre ich gleich eine angenehme Ruhe und Entspannung. Ich bin ein vollkommener Yoga-Frischling. Aber ich gebe mein bestes, um beim 90-minütigen Kundalini Yoga eine halbwegs brauchbare Figur zu machen, auch wenn ich mir wie ein Zinnsoldat vorkomme. Beim Wechsel aus Feueratmung, Mantragesängen und einer sehr angenehmen Meditationsphase merke ich schnell: Glaube, Geist und Körper hängen mehr zusammen, als ich mir das in meinem durchorganisierten Alltag eingestehen will beziehungsweise kann.


Tag 5 - 12.51 Uhr

Atheisten feiern einmal im Monat das Leben

Der Glaube ist wie unser Leben: Vielseitig, bunt, traditionsbewusst oder auch modern, mal von einer Religion beeinflusst, mal vom eigenen Dasein - so wie für Christian Lührs. Er ist Mitbegründer der "Sunday Assembly", einer Gruppe von Atheisten, die sich einmal monatlich auf dem Gelände des Alten Schlachthofs St. Pauli treffen, um das Leben zu feiern. Wir stehen in einem etwas abgerockten Veranstaltungsraum mit Bar, Plakaten an der Wand und reden über die monatlich stattfindenden Versammlungen. Die sind immer sonntags und 20 bis 30 Menschen nehmen jedes Mal teil. Der Ablauf ähnelt ein wenig dem eines Gottesdienstes in der Kirche.

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Christian Lührs ist bekennender Atheist und feiert einmal im Monat mit Gleichgesinnten das Leben.

Erst wird gesungen, dann hält ein Redner einen Vortrag zu einem sozialkritischen Thema, das andere zum (Um)Denken anregen soll. Dann wird nochmal gesungen und über Weiteres gesprochen. Alles geschieht "ohne Verkleidung, Guru und Dogma", sagt Christian Lührs. Die Atheisten, Freidenker, Humanisten oder wie sie sich nennen, haben zwar keinen verbindlichen oder gemeinsamen Glauben wie in Religionen typisch, aber auch Atheisten glauben an die Selbstgestaltung des eigenen Lebens, an das Hier und Jetzt, an das, was sich logisch erklären lässt.


Tag 5 - 14.05 Uhr

Glaube hilft, das Innere nach außen zu kehren

Mein Weg Richtung Wedel führt mich an der Elbe am Kiez vorbei. Da treffe ich zwei blonde Wesen die Hand in Hand spazieren gehen - Isa und Patrizia. Als sich beide umdrehen, erkenne ich Bartstoppeln im Gesicht von Isa. Sie war früher ein Junge. Heute trägt sie selbstbewusst schwarze Netzstrumpfhosen und einen Haarreifen. Isa erzählt mir ganz offen und ehrlich, dass ihr der Glaube an sich und ihre Stärke dabei geholfen haben, zu ihrem wahren Ich zu stehen und das auch zu zeigen. Dabei wird sie durch ihre Freundin Patrizia unterstützt. Starke Ladies, denke ich mir, als ich nach einem netten Gespräch weitergehe. Ich bin froh, dass in unserem Land und unserer Gesellschaft so eine persönliche Freiheit möglich ist.

Davidstraße in Hamburg bei Nacht  Fotograf: Carolin Fromm

Das menschliche Perpetuum mobile

NDR 1 Welle Nord - Schleswig-Holstein bis 2 -

Glaube hat viele Gesichter, merke ich, als ich auf St. Pauli auf Patrizia und Isa treffe. Isa war mal ein Mann. Heute ist sie eine Frau. Ihr hat der Glaube an sich selbst geholfen, sich zu öffnen.

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Tag 5 - 14.15 Uhr

Papst Johannes Paul II. hilft in der Hosentasche

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Janusz hat gerade seinen Job verloren, trotzdem ist er optimistisch.

Noch voll mit positiven Gedanken, treffe ich eine Ecke weiter auf Janusz. Ein Rocker aus Polen, der in der Sonne sitzt und mich anlächelt. Ich frage vorsichtshalber, ob ich Angst haben muss. Er lacht nur und erzählt mir, dass er erst vor ein paar Tagen seinen Job als Transportfahrer verloren hat. Zwei Monatsmieten im Verzug, die Frau verdient auch nur ein paar hundert Euro, aber Janusz wirkt optimistisch. Früher in Polen war er mal Punker, hat als Jugendlicher lange auf der Straße gelebt, doch der Glaube hat ihm immer geholfen. Dann kramt er eine kupferne alte Münze aus der Hosentasche. Zu sehen ist ein Bild von Papst Johannes Paul II. "Der begleitet mich und hilft mir immer", sagt Janusz strahlend. Und ich glaube ihm.


Tag 5 - 17.11 Uhr

Grundsätze des Glaubens sind in allen Religionen gleich

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Tahsin Cem lädt mich in seine Moschee in Wedel ein und gewährt mir Einblicke, die ich vorher noch nicht kannte.

Irgendwie hatte ich mir meinen ersten Besuch in einer Moschee anders vorgestellt. Kein weißes, großes Gebäude mit Kuppeldach, keine Minarette von denen der Muezzin zum Gebet ruft. Inmitten eines Wedeler Wohngebietes stehe ich nun vor einem einfachen Einfamilienhaus mit Klinkerbau. Im Hinterhof sind mehrere weiße Zelte und Biertisch-Garnituren aufgebaut, fürs gemeinsame Essen und Fastenbrechen nach Sonnenuntergang. Denn es ist Ramadan. Unter einem Zelt sitzt freundlich lächelnd Tahsin Cem. Er lädt mich in die Moschee der Türkisch Islamischen Gemeinde Wedel (kurz DiTiB) ein. Rituell müssen vorher die Schuhe ausgezogen werden, was ich als sehr angenehm empfinde, da meine Blasen am Fuß immer noch weh tun.

Wir sitzen im Gebetsraum auf dem Teppich und sprechen lange über vorherrschende Missverständnisse, Angst und Unwissenheit in unserer Gesellschaft - und auch unter den Moslems selbst. Aber wir sprechen auch über die Gemeinsamkeiten zwischen den Glaubensgruppen, denn "der Ursprung von Christentum, Islam oder auch Judentum ist derselbe und somit auch die gemeinsamen Grundsätze des Glaubens wie Barmherzigkeit, Toleranz und Frieden", erinnert Tahsin Cem.


Tag 5 - 18.22 Uhr

Ich habe es geschafft!

Fertig, um genau zu sein, fix und fertig bin ich nach dem 20-Kilometer-Marsch, der früh am Morgen am Hamburger Michel begann, am Ziel meiner Reise ankommen. Schleswig-Holstein hat mich wieder. Wedel - und damit das südliche Ende des Jakobswegs in unserem Bundesland - ist erreicht.

Ich suchte Menschen, ihre Glaubensgeschichten und ihre Werte. Und ich was habe ich gefunden? Ein sehr gläubiges Schleswig-Holstein - oft unabhängig von jeder Religion. Schleswig-Holstein ist weit mehr als ein flaches Land und die Schleswig-Holsteiner habe ich alles andere als maulfaul erlebt. Viel mehr habe ich die Menschen als tiefgründig und spirituell wahrgenommen. Sie vertrauen in das Gute und glauben an Schicksal. Und so vielfältig unsere Gesellschaft ist, so vielfältig sind auch die Werte, die der nächsten Generation übergeben werden sollen: Familie, Harmonie, Ehrfurcht, Dankbarkeit, Ehrlichkeit und ganz oft und ganz viel Liebe. Das macht mir Mut.

Selfie von Torsten Creutzburg an der Elbe in Wedel © NDR Fotograf: Torsten Creutzburg

Ein paar letzte Worte als Pilger

NDR 1 Welle Nord - Der Nachmittag -

Fünf Tage, unzählige blaue Aufkleber und 100 Kilometer Fußmarsch später bin ich am Ziel angekommen. Ich bin durchs Pilgern kein anderer Mensch geworden, aber doch um viele Erfahrungen reicher.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 16.06.2017 | 05:10 Uhr