Sportmomente, die Geschichte schrieben
Große Siege, bittere Niederlagen, tragische, aber auch komische Momente: Diese Ereignisse prägten die norddeutsche Sportwelt. mehr
So kennen ihn die Fans: Jens Voigt steigt kämpferisch aus dem Sattel.
Jens Voigt ist den Radsport-Fans als Kämpfer bekannt. Seine offensive, aufopferungsvolle und selbstlose Fahrweise kennzeichnet den Mann aus dem mecklenburgischen Grevesmühlen. Voigt schont weder sich noch seine Gegner. Die Tour de France 2005 - und dort vor allem die Etappen neun und elf - sind geradezu sinnbildlich für die gesamte Karriere des 39-Jährigen. In nur drei Tagen erlebte Voigt ein Wechelbad der Gefühle wie wohl kaum ein anderer Radfahrer. Eine Chronologie des Schmerzes:
Strahlemann in Gelb: Jens Voigt vor der zehnten Etappe der Tour de France 2005.
Die neunte Etappe der Tour de France 2005 führt am 11. Juli von Gérardmer über zahlreiche Hügel der Vogesen nach Mulhouse und ist 171 Kilometer lang. Der Däne Michael Rasmussen reißt als Erster aus. Am Ballon d'Alsace macht sich Jens Voigt mit seinem Freund Christophe Moreau zur Verfolgung auf. Das Hauptfeld mit Spitzenreiter Lance Armstrong und Jan Ullrich bleibt weit zurück. Auch einen kurzen technischen Defekt steckt Voigt weg. Zwar kann das Duo Moreau/Voigt Rasmussen nicht mehr einholen - der Husarenritt reicht aber, um den Deutschen ins Gelbe Trikot zu hieven. Vor der Etappe hatte Voigt eine Minute Rückstand auf Armstrong, jetzt liegt er 2:18 Minuten vor der texanischen Rennmaschine. Passend als Belohnung folgt erst einmal ein Ruhetag für die Tour-Teilnehmer.
Kämpferherz: Jens Voigt während der Tour 2005.
Die zehnte Etappe beginnt in Grenoble und endet nach rund 180 Kilometern mit einem Schlussanstieg zum Skisportort Courchevel. Unterwegs am Aufstieg zum 1.967 Meter hohen Cormet de Roselend hält Armstrong mit seinem Discovery-Team das Tempo hoch. Nach und nach verringert sich die Zahl der Fahrer im Peloton - auch der Mann in Gelb, Jens Voigt, kann nicht mehr mithalten. Beim Schlussanstieg hinauf nach Courchevel sprengt Armstrong selbst die Spitzengruppe, nur drei Fahrer können noch folgen. Im Ziel überlässt der Amerikaner Aljandro Valverde den Etappensieg. Armstrong hat sich das Gelbe Trikot zurückerobert, weil Voigt mit mehr als einer halben Stunde Rückstand eintrifft. Von Platz eins fällt der Mecklenburger auf Rang 72 im Gesamtklassement zurück. Im Ziel bekommt Voigt Schüttelfrost-Attacken, im Hotel werden 40 Grad Fieber gemessen.
Alles Schinden, alles Kämpfen vergeblich: Jens Voigt erschöpft im Ziel.
Ausgerechnet jetzt steht die "Königsetappe" der Tour an, die über den Col de la Madeleine (1.993 Meter), den Col du Télégraphe (1.566 Meter) und den Col du Galibier (2.645 Meterm) führt. Voigts Gesundheitszustand ist schlecht. "Jens lag da wie im Koma", gibt Teamkollege Bobby Julich zu Protokoll. Der Teamarzt rät ihm zur Aufgabe, doch Voigt wäre nicht Voigt, wenn er diese Empfehlung nicht in den Wind schlüge. Er startet die Etappe, will sich mit fiebersenkenden Mitteln und Antibiotika "irgendwie durchmogeln". Die Etappe wird zur Schinderei. Schnell fällt der Deutsche zurück. Weit abgeschlagen auch hinter den anderen Abgehängten, dem so genannten "Gruppetto", quält sich Voigt Meter für Meter, Kurve für Kurve die Berge hinauf.
Die Fans am Straßenrand des Galibier spüren, was vor sich geht. Sie feuern Voigt an. Sie pushen den Mann, der wie in Trance als Vorletzter unmittelbar vor dem Besenwagen fährt, nach oben. Doch auch auf der anschließenden Abfahrt kann Voigt keine Zeit gewinnen: Im Ziel angekommen, hat er einen Rückstand von 46:43 Minuten auf den Tagessieger Alexander Winokurow. Er verpasst damit das Zeitlimit dieser Etappe um schlappe 42 Sekunden und wird disqualifiziert. "Ich will heute nur ankommen", hatte Voigt vor dem Start gesagt - das war gelungen, aber der Daumen der Tour-Offiziellen zeigt trotzdem unbarmherzig nach unten.