Stand: 30.11.2015 12:32 Uhr

Nach dem Nein: Deutscher Sport leckt seine Wunden

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Tief getroffen: DOSB-Präsident Alfons Hörmann.

Das Nein der Bürger zu Hamburgs Olympia-Bewerbung für die Spiele 2024 hat den deutschen Sport ins Mark getroffen. Auf eine deutliche Zustimmung und damit ein starkes Signal Richtung Internationales Olympisches Komitee (IOC) hatten die Planer gehofft, sie erhielten eine schallende Ohrfeige. Wie vor zwei Jahren in München scheiterte die Bewerbung am Votum der Bürger. "Für Sportdeutschland ist der heutige Tag ein herber Tief- und Rückschlag. Der olympische Gedanke und Deutschland passt im Moment offenbar nicht zusammen", sagte der schwer getroffene Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

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Der organisierte Sport in Deutschland wird in den kommenden Wochen viele Fragen beantworten müssen. Die DOSB-Mitgliederversammlung am Wochenende in Hannover dürfte zu hitzigen Debatten führen. "Man muss sich darüber unterhalten, welche Dinge zu verändern sind", kündigte Hörmann an. Dass es Veränderungen geben wird, ist klar. Das System der Spitzensportförderung steht seit Langem auf dem Prüfstand. Ohne die Perspektive von Olympischen Spielen im eigenen Land wird der Verteilungskampf an Schärfe zunehmen. Auch über Hörmanns Zukunft dürfte debattiert werden, auch wenn der DOSB-Präsident am Sonntag Unterstützung von den Spitzensportverbänden erhielt. Hörmann selbst gab sich aber am Montag nachdenklich: "Jeder von uns hat allen Grund darüber nachzudenken, was habe ich dazu beigetragen - bin ich Teil der Lösung oder Teil des Problems?"

So haben die Hamburger abgestimmt
JaNein
Gesamtergebnis48,451,6
Bezirk Altona44,755,3
Bezirk Bergedorf51,948,1
Bezirk Eimsbüttel48,551,5
Bezirk Mitte43,656,4
Bezirk Nord48,851,2
Bezirk Harburg46,653,4
Bezirk Wandsbek51,948,1

Stich zeichnet düsteres Bild

Nach zwei gescheiterten Olympia-Bewerbungen innerhalb von zwei Jahren stellt sich zudem die Frage, wann ein neuer Anlauf für den DOSB sinnvoll ist. "Olympia in Deutschland werde ich in meinem Leben nicht mehr erleben", zeichnete Wimbledonsieger Michael Stich eine düstere Perspektive. Der 47-Jährige hatte sich mehrmals als Botschafter für die Hamburger Bewerbung ins Gespräch gebracht. Vielleicht zeichnet Stich ein zu negatives Bild. Allerdings wurden viele Stimmen laut, die erst einmal zu einer ausgiebigen Analyse rieten.   

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"Möglicherweise haben die handelnden Personen zu lange gedacht, Olympia sei ein Selbstläufer. Das ist es erkennbar nicht mehr. Ich denke, dass sicher auch der Zustand des internationalen Sports die Entscheidung beeinflusst hat: Stichworte Doping und Korruption", erklärte Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag und Vize-Präsidentin des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Auch Sylvia Schenk von der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International riet dem DOSB zu einer Atempause in Sachen Olympia-Bewerbung. "Es fehlte eine Grundstrategie beim Deutschen Olympischen Sportbund. Man muss sich heutzutage viel klarer und strategischer aufstellen. Dazu kam das Finanzkonzept, auch das hätte man früher erklären können", sagte die 63 Jahre alte ehemalige 800-Meter-Läuferin. Es sei zu einfach, alles auf die Flüchtlingskrise, die Terroranschläge in Paris und die Skandale in den großen Sportorganisationen zu schieben.

Wie ernst meint es das IOC mit seinen Reformen?

Ob es in Deutschland jemals wieder eine Mehrheit für eine Olympia-Bewerbung geben wird, hängt nicht zuletzt davon ab, wie ernst es das IOC mit seinen lautstark verkündeten Reformen meint und die "Agenda 2020" mit Leben füllt. Können Spiele tatsächlich in einem vernünftig kalkulierbaren Rahmen organisiert werden? Zählen Werte wie Nachhaltigkeit und Transparenz mehr als die Erschließung neuer Märkte? Für die Hamburger Olympia-Planer stellen sich diese Fragen seit Sonntagabend nicht mehr.