Stand: 22.02.2016 09:00 Uhr

Kröger: "Gäbe gute Gründe für Olympia-Boykott"

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Erfolgssegler Heiko Kröger übt harsche Kritik am DOSB und IOC-Präsident Thomas Bach.

Heiko Kröger ist einer der deutschen Gold-Kandidaten bei den Paralympics in Rio de Janeiro (7. - 18. September 2016). Der Segler, dem der linke Unterarm fehlt, weilte gerade für zehn Tage am Zuckerhut, um zu trainieren - und um sich ein Bild von den haarsträubenden Verhältnissen vor Ort zu machen. Obwohl der 49-Jährige vom Kieler Yacht-Club das Ticket für die Spiele mit seinem 2.4mR-Boot so gut wie sicher hat, kommt noch keine Vorfreude auf. Im Interview mit NDR.de spricht der sechsmalige Weltmeister und Paralympics-Sieger über seine Chance bei seinen wohl letzten Spielen, die "dramatische Hygiene-Situation" in der Bucht vor Rio und IOC-Präsident Thomas Bach, der "sich ganz böse aus dem Fenster gelehnt hat".

Herr Kröger, in weniger als einem halben Jahr geht es los in Rio. Haben Sie vor Ort schon das Olympia-Fieber gespürt?

Kröger: Überhaupt nicht, weder am Flughafen noch in der Stadt. 2004 in Athen war ich auch vorab zum Training angereist - und da gab es überall Plakate und Banner. Ich habe hier zwar in Niterói gewohnt, das ist auf der anderen Seite der Bucht. Aber Rio ist in Sichtweite und ich bin auch dort gewesen. Im Flugzeug habe ich mit meiner brasilianischen Sitznachbarin gesprochen. Die erzählte, dass ihre Vorfreude verflogen sei. Offenbar funktioniert vieles nicht, wie es soll. Und besonders die Situation in der Bucht und die Wasserqualität sind den Interessierten sehr peinlich.

Fotos, auf denen Möbel und Kühlschränke, aber auch tote Fische im Wasser treiben, gingen um die Welt. Sie waren täglich mehrere Stunden auf dem Wasser, hat sich mittlerweile etwas getan?

Kröger: Die Wasserqualität ist nach wie vor indiskutabel, das Wasser ist unfassbar dreckig. Hausmüll, Fäkalien, tote Ratten und Fische und Präservative - das ist schon sehr ekelig. Dazu kommen Stühle, große Kisten, Äste und Baumstämme, die es für das Segeln richtig gefährlich machen. Die können Löcher in die Boote schlagen und für andere Schäden sorgen. Aber es reicht ja auch schon eine Plastiktüte, die sich am Ruder verfängt und das Boot bremst. Das kann eine Medaille kosten.

Wasser vor Rio: "So dunkel wie Coca Cola"

Wird denn nichts gegen die Müllmassen unternommen?

Kröger: Wir haben jeden Tag ein Sammelboot gesehen - so groß wie ein Kleinlaster. Aber das reicht natürlich nicht. In Peking sind nachts hunderte Fischerboote rausgefahren. Dazu wurde wohl auch Chemie eingesetzt. Es war schon ein komisches Gefühl, dass bei den Wettkämpfen keine Seevögel da waren. Soweit darf es natürlich auch nicht gehen. Das Problem in Rio ist, dass der Großteil der Stadt aus Favelas besteht. Dort leben nicht etwa nur die Armen, sondern die Normalbürger. Und an viele Orte kommt der Müllwagen nicht. Da liegt dann alles in den Straßen. Und wenn der Wind so stark ist wie zuletzt und durch Gewitter Wassermassen die Hänge runterkommen, landet alles in der Bucht. Da hilft es auch nicht, dass an den Zuflüssen Barrieren errichtet worden sind.

Im vergangenen Jahr sorgte der Fall des Seglers Erik Heil für Schlagzeilen, der sich vor Rio aggressive Bakterien eingefangen und nach seiner Rückkehr mit offenen Wunden zu kämpfen hatte. Mittlerweile geht es ja auch um das Zika-Virus oder das Dengue-Fieber. Wie schützen Sie sich vor Krankheiten?

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11:37 min

Goldkandidat Kröger: "Die Angst segelt mit"

13.03.2016 23:05 Uhr
Sportclub

Heiko Kröger ist einer der Favoriten bei den Paralympics in Rio. Deutschlands Segler des Jahres zeigt sich von den Zuständen im olympischen Segelrevier entsetzt und schlägt Alarm. Video (11:37 min)

Kröger: Ich habe mich vorab gegen alles impfen lassen, was möglich ist. Dass ich Wasser ins Gesicht und auf den Körper bekomme, ist nicht zu verhindern. Aber ich habe versucht, so wenig wie möglich in den Mund zu bekommen. Nach dem Training habe ich immer sofort geduscht und alles desinfiziert. Die Situation ist ernst. Aber ich bin erleichtert, dass es in Niterói keine Probleme mit Mücken gab. Was jedoch in der Stadt anders sein mag. Ich denke, dass das Risiko zu erkranken relativ hoch ist. Aber ich gehe davon aus, dass die Chance, die Wettkämpfe gesund über die Bühne zu bringen, höher ist.

Sind Sie schon vom DOSB oder dem Behindertensportverband besonders instruiert worden wegen Zika und Co.?

Kröger: Wir haben eine Mail bekommen, in der Impfempfehlungen standen und dass es vor Ort kostenloses Mückenspray geben wird. Man muss vorsichtig sein, also: keine Eiswürfel im Restaurant, keine Muscheln oder Sushi essen. Ich habe aber auch selbst extra mit dem Verbandsarzt und dem Tropeninstitut gesprochen. Meine Frau ist Ärztin, die hat sich noch bei ihren Kollegen informiert. Mehr kann ich nicht machen. Aber es gibt natürlich nichts auf dem Markt, was mich zu 100 Prozent vor Viren und Bakterien schützt.

Kommt ein Verzicht auf die Teilnahme an den Paralympics für Sie in Betracht?

Kröger: Wenn ich nicht fahren würde, hätte ich keine Chance auf eine Medaille. Dann klappt das Förderpaket zusammen - und ich habe ja eine Verantwortung gegenüber den Sponsoren. Ich versuche, das Beste draus zu machen, und werde dann vor Rio wohl nie wieder segeln. Es würde viele gute Gründe für einen Boykott geben, aber den müsste der DOSB beschließen. Ich bin maßlos enttäuscht von den Weltsportverbänden und dem IOC, weiß aber, dass sie Olympia niemals absagen würden. Allerdings gehe ich davon aus, dass Olympische Spiele in dieser Form ein Auslaufprojekt sind. Die Sportler wollen das so nicht, die Städte spielen nicht mehr mit und die Sponsoren werden auch bald sagen, dass es so nicht geht.