Stand: 03.08.2015 09:12 Uhr

Rothenbaum-Sponsor lässt Stich zappeln

von Andreas Bellinger, NDR.de
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Turnierdirektor Michael Stich steht vor Herausforderung.

Michael Stich war schweißgebadet und rang nach Luft. Die Anstrengung hatte sich tief in sein Gesicht gegraben. Doch so müde und abgekämpft er auch wirkte, es war nicht Ausdruck der Last des Turnierdirektors am Hamburger Rothenbaum. Auch wenn es darum am Sonntagmorgen in der Rückschau vordringlich ging. Zunächst allerdings hatte der einstige Tenniscrack und Wimbledonsieger das Angebot an Rafael Nadal eingelöst und den Sandplatz-König aus Mallorca auf dem Center Court eingespielt für das Endspiel gegen den Italiener Fabio Fognini. "Er hat mich gefragt - und weil sonst kein Spieler mehr da war, habe ich mich kurzerhand zur Verfügung gestellt", erzählte Stich und fügte grinsend hinzu: "Er hat es gut überstanden; Rafa ist noch okay."

Der spaßige Beginn des Gesprächs über die Bilanz und den Fortbestand des mit 1,3 Millionen Euro dotierten Tennisturniers ("Wir sind eine Full-Service-Agentur") täuschte allerdings über die wahre Gefühlslage der Organisatoren hinweg. Denn es sieht augenscheinlich nicht gut aus im Binnenverhältnis mit dem Hauptsponsor, der die Verlängerung des in diesem Jahr auslaufenden Vertrags an weit mehr Bedingungen knüpft als bisher. Claus Retschitzegger, der den österreichischen Wettanbieter am Rothenbaum vertritt, machte jedenfalls deutlich, dass sich einiges wird ändern müssen - vor allem in Bezug auf die Qualität des Feldes. "Wir werden das Turnier eingehend analysieren, Gespräche führen und dann zeitnah eine Entscheidung treffen", kündigte der Kommunikationschef an. Natürlich geht es auch ums Geld bei der vor sechs Jahren in die dritte Kategorie nach Grand-Slam- und Masters-Turnieren zwangsversetzten Veranstaltung.

"Teilnehmerfeld in diesem Jahr war an der Schmerzgrenze"

Der Hauptsponsor, der den Rothenbaum vor fünf Jahren vor dem sportlichen Siechtum bewahrt hat, ist unzufrieden. Und das machte Retschitzegger ungewöhnlich klar deutlich. Wo bei ähnlicher Gelegenheit die Bilanz meist schöngeredet wird, redete er Tacheles. Und Stichs Miene wurde trotz 70.700 Zuschauern in der Woche des Turniers zunehmend ernster, bis sie zwischendrin fast ganz versteinert wirkte. "Das Teilnehmerfeld in diesem Jahr war an der Schmerzgrenze und erinnerte mehr an ein 250er-Turnier als eines der 500er Kategorie", sagte der Sprecher des Hauptsponsors, der sich von der kurzfristigen Verpflichtung von Topstar Nadal und so vielen Besuchern wie zuletzt 2013, als Tommy Haas und Roger Federer spielten, nicht blenden ließ. "Wir brauchen mehr zugkräftrige Spieler", sagte Retschitzegger. Und diese Stars der Szene sollen frühzeitig engagiert werden; nicht wie bei Nadal oder Federer erst in quasi letzter Minute.

Stich: "Ich kann die Spieler doch nicht zwingen"

"Ich kann die Spieler doch nicht zwingen", sagte Stich. Stimmt, zumal der Rothenbaum den Glanz früherer Tage lange verloren hat. Die Branchenführer kommen nur noch in die Hansestadt, wenn es der eigene sportliche Misserfolg erforderlich macht. So war es einst bei Federer, so war es jetzt bei Nadal. Erst als die beiden Topstars in Wimbledon frühzeitig scheiterten - Nadal in diesem Jahr in der zweiten Runde an Dustin Brown (Winsen/Aller) - waren sie überhaupt gesprächsbereit. Weil sie die Punkte brauchten für die Qualifikation zur ATP-WM der besten acht Profis der Saison. Und diese 500 Weltranglistenpunkte, die es für den Sieger gibt, sind in Hamburg leichter zu gewinnen als bei den stärker besetzten Turnieren in den USA. Vorbereitung auf die Ende August startenden US Open in New York hin oder her.

Nadal: Der Sandplatzkönig von Mallorca

Wer tolle Spieler will, muss mehr bezahlen

Deshalb wird es auch künftig nicht leichter werden für Stich und seine Crew, die sportlichen Vorgaben des Hauptsponsors zu erfüllen. Dass der Wechsel von Sand auf Hartplatz dabei kein Thema ist, machte Stich gleichwohl klar. Ohnehin ist es kein guter Vorschlag, den sich der Sponsor ausgedacht hat. Schließlich müsste ein anderes Turnier den Termin mit Hamburg tauschen. Interessenten Fehlanzeige, heißt es dazu von Seiten der ATP. Auch deshalb macht Stich weiter in Optimismus und dreht den Spieß einfach um: Wer tolle Spieler sehen wolle, müsse auch mehr bezahlen, betont er und sagt in Richtung Sponsor: "Dann muss man eben eine Schippe drauflegen. Diese Spieler kosten viel Geld."

Turnierchef will Superstars nach Hamburg holen

Auch ohne Millionen will sich Stich weiterhin an seinem, den Zuschauern gegebenen, Versprechen messen lassen, das da lautet: Die Superstars nach Hamburg holen. "Das ist uns nun bereits das zweite Mal gelungen. Es wäre schön, wenn wir mit Novak Djokovic auch noch den Dritten in Bunde zu uns locken könnten. Das ist unser Ziel." Ein ehrgeiziges Vorhaben sicherlich, das aus den besagten Gründen so lange unrealistisch scheint, wie der Branchenführer aus Serbien so erfolgreich spielt. Und dass sich sein Trainer Boris Becker dafür ins Zeug legt, beim Turnier von Michael Stich aufzuschlagen, ist eher unwahrscheinlich.

Ivanisevic gewinnt spaßiges "Legenden-Match"

Zverev und der Aufschwung der nationalen Größen

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Alexander Zverev schied in der ersten Runde aus.

Weit realistischer ist der sportliche Aufschwung der lokalen und nationalen Größen. Allen voran Alexander Zverev, der die Zuschauer schon in diesem Jahr begeisterte und die Massen mobilisierte. Dabei ist der Hamburger erst 18 Jahre alt und schied trotz bester Referenzen und guter Leistung gleich in seinem ersten Spiel aus. "Tommy Robredo war sehr stark", entschuldigte Stich den Halbfinalisten des Vorjahres und meinte angesichts der gleichfalls nicht überragenden Ergebnisse von Philipp Kohlschreiber und Florian Mayer: "Natürlich hätte man sich gewünscht, dass ein Deutscher mindestens ins Viertelfinale kommt. Alle haben stark gespielt, hatten aber eben auch sehr starke Gegner."

Während der Vertrag des Hauptsponsors ausläuft, bleibt Stich dem Deutschen Tennis Bund (DTB) als Aushängeschild und Ausrichter weiter erhalten. "Es war rundum eine tolle Woche", sagte der 46-Jährige. "Aus sportlicher Sicht sind wir super zufrieden. Das Turnier hat sich über die Jahre etabliert, wir müssen nicht mehr viel am Setup ändern." Nur das Wetter würden die Organisatoren gerne ändern. "Die ersten vier Tage waren sicher nicht so optimal", sagte Stich. Aber das war beim ausverkauften Traumfinale schon vergessen. Wie auch Stichs Anstrengungen beim Einspielen des Superstars am Rothenbaum.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrages ist uns ein Fehler unterlaufen. Das Hamburger Turnier gehört zur dritten Kategorie der Tennisturniere (nicht ATP-Turniere). Die Redaktion bittet für diesen Fehler um Entschuldigung.

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