Der kometenhafte Aufstieg des Radprofis Jan Ullrich begann 1996: Der 22-Jährige avanciert im Team Telekom bei der Tour de France zum Edel-Helfer seines Kapitäns Bjarne Riis (r.), der die Rundfahrt gewann. Experten meinen, schon damals wäre Ullrich - und nicht Riis - der stärkere Fahrer gewesen. Riis gab 2007 zu, beim Toursieg gedopt gewesen zu sein.
Ein Jahr später ist es dann soweit: Bjarne Riis schwächelt und die Teamleitung lässt Jan Ullrich von der Leine. Der Deutsche zieht auf der 10. Etappe auf und davon und gewinnt die Bergankunft in Andorra. Ullrich fährt zehn Etappen im Gelben Trikot, siegt auch beim 12. Teilabschnitt und wird so als erster Deutscher...
...Gesamtsieger einer Tour de France. Der Zweitplatzierte Richard Virenque (l.) hat einen Rückstand von mehr als neun Minuten, der Drittplatzierte Marco Pantani (r.) von mehr als 14 Minuten. Bezeichnend: Virenque gab später Doping zu, Pantani wurde wegen mutmaßlicher EPO-Einnahme beim Giro d'Italia 1999 disqualifiziert. 2004 starb der Italiener an einer Überdosis Kokain.
Die Tour 1997 ist fest in deutscher Hand: Jan Ullrichs Team Telekom gewinnt auch die Mannschaftswertung. Das Grüne Trikot des besten Sprinters geht ebenfalls an einen Deutschen: Erik Zabel (l.). Auch er gesteht Jahre später unter Tränen, Doping "ausprobiert" zu haben.
Die Euphorie um den neuen Star kennt keine Grenzen: Jan Ullrich wird 1997 zum "Sportler des Jahres" gekürt. Er erhält außerdem "Bambi" und "Goldene Henne". Aber auch die sportlichen Erfolge können sich sehen lassen. Ullrich wird Deutscher Meister im Straßenfahren und gewinnt die Cyclassics in Hamburg. 1998 wird er Tour-Zweiter, 1999 Weltmeister im Zeitfahren und Gesamtsieger der Spanien-Rundfahrt.
Der nächste sportliche Höhepunkt ist im Jahr 2000 der Olympiasieg des Deutschen. Im Straßenrennen der Spiele in Sydney holt Jan Ullrich Gold, im Zeitfahren Silber. Im August desselben Jahres wird er als erster Deutscher auf Platz 1 der Weltrangliste geführt.
Die Nation liegt Jan Ullrich zu Füßen. Auch deshalb, weil er sich als Mensch mit "Fehlern" präsentiert. Im Winter lässt es sich der Radprofi gerne gut gehen und kehrt regelmäßig mit Übergewicht und schlechter Fitness ins Training zurück. Es wird ihm verziehen, denn bei der Tour ist nur Rennmaschine Lance Armstrong schneller als Ullrich.
Doch der Genussmensch Jan Ullrich bekommt Probleme: Im Frühjahr 2002 verursacht er in Freiburg unter Alkoholeinfluss einen nächtlichen Autounfall. Wenige Wochen später wird er positiv auf Amphetamine getestet. Ullrich erklärt, von Unbekannten "Pillen" in einer Diskothek angenommen zu haben. Er wird für sechs Monate gesperrt.
Jan Ullrich kämpft sich noch einmal zurück, heuert nach den Zwischenstationen Coast und Bianchi wieder beim T-Mobile-Team der Telekom an. Mit Erfolg: Er gewinnt 2004 die Tour de Suisse - doch bei der Tour der France muss er Jahr für Jahr Lance Armstrong (l.) den Vortritt lassen. 2006 - wo Armstrong nicht mehr antrat, sollte alles besser werden....
...doch es kommt schlimmer, als alle Fans befürchtet hatten: Jan Ullrich versinkt im den Radsport beherrschenden Dopingsumpf. Neue Indizien belegen Kontakte des Deutschen zum spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes (r.). Ullrich, der alles abstreitet, wird vom Team Telekom suspendiert. 2007 wird bekannt, dass sichergestellte Blutkonserven nach einem DNA-Vergleich eindeutig Jan Ullrich zugeordnet werden konnten.
Die Staatsanwaltschaft Bonn stellt ihre Ermittlungen gegen eine Zahlung von 250.000 Euro ein. Auch als ehemalige Teamgefährten jahrelanges systematisches Doping gestehen, weist Ullrich jede Schuld von sich: Er habe "nie jemanden betrogen", wiederholt er gebetsmühlenartig.
Das eingestellte Bonner Verfahren hat keinen Einfluss auf weitere zivilrechtliche Verfahren. So darf zum Beispiel Dopinggegner Werner Wilhelm Franke weiter behaupten, Ullrich habe innerhalb eines Jahres dem spanischen Arzt Fuentes 35.000 Euro zur Anschaffung von illegalen Substanzen bezahlt. Am 26. Februar 2007 verkündet Jan Ullrich das Ende seiner aktiven Karriere.
Jan Ullrich zieht sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Er lebt In der Schweiz gemeinsam mit Ehefrau Sara (l.) und seinen zwei Söhnen Max und Benno. Im August 2010 erkrankt Ullrich an einem Burnout-Syndrom, von dem er inzwischen wieder genesen ist. Im Februar 2012 wird er vom Internationalen Sportgerichtshof CAS als Doping-Sünder verurteilt.