Stand: 12.11.2017 11:00 Uhr

Wie Scientology deutsche Sportler anwirbt

von Josef Opfermann

Einmal NFL-Star sein, in der höchsten amerikanischen Football-Liga spielen. Das ist der Traum von etlichen Nachwuchs-Footballern, auch in Deutschland. Der Sport wird immer beliebter. Rund 54.000 Mitglieder zählt der American Footballverband Deutschland. Und wenn dann tatsächlich ein Angebot kommt, ist die Freude riesig. Aber: Wie Recherchen der NDR Sportredaktion zeigen, versucht die Sekte Scientology diese Träume für sich zu missbrauchen.

Für Jan Wawrzosek scheint die Erfüllung seines größten Wunsches ganz nah: Football spielen an einer Highschool in den USA. Der 19 Jahre alte Quarterback der Hamburg Young Huskies wird über Instagram von einem Headhunter aus den USA angeschrieben. Der vermittelt den jungen Deutschen an den Footballtrainer der Clearwater Academy International. Jan fühlt sich geschmeichelt: "Es war schön zu wissen, dass man irgendwo gebraucht wird. Dass gerade die Leute in Amerika sagen: 'Du bist gut genug, um bei uns drüben zu spielen. Dich wollen wir haben.'"

American Football-Spieler Jan © NDR

Wie Scientology junge Sportler ködern will

Sportclub -

Jan Wawrzosek hofft auf ein Sportstipendium in den USA. Tatsächlich erhält der Hamburger Footballer ein Angebot. Doch es zeigt sich: Die Sekte Scientology versucht seine Träume für sich zu missbrauchen.

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Zweidrittel-Stipendium angeboten

Trainer Jesse Chinchar bietet Jan Wawrzosek ein halbjähriges Sprachstipendium an. Zwei Drittel werde die Academy zahlen, ein Drittel müsse die Familie tragen. Chinchar ist selbst angesehener Absolvent der Academy, war Quarterback des Footballteams. Die Gespräche verlaufen positiv, es passt zwischen ihm und Jan. Für die Einladung in die USA und das Visum bezahlt die Familie 500 Dollar. Auch für Jans Mutter eine aufregende Zeit. "Das Auffälligste war, dass alles so unheimlich schnell ging. Die Unterlagen aus Amerika waren innerhalb von zwei Tagen da. Das ist wirklich eine Geschwindigkeit, man konnte gar nicht richtig darüber nachdenken", erzählt sie.

In Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet

Der Familie kommen Zweifel, als sie im Fernsehen eine Dokumentation über die Stadt Clearwater sieht. Es wird klar: Clearwater ist der Hauptsitz von Scientology. Einer Organisation, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Über Freunde sucht die Familie Kontakt zur Academy. Die gibt die Nähe zur Sekte und ihrem Gründer L. Ron Hubbard unverhohlen zu. Jan Wawrzosek stellt Chinchar am Telefon zur Rede. Der versucht, das Thema kleinzureden. Er sei zwar ein Scientologe, die Schule selbst habe aber keinen religiösen Hintergrund. "Er hat mich erst gar nicht zu Wort kommen lassen. Wir haben ihn dann gefragt, warum er das nicht von Anfang an gesagt hat. Es kamen sehr vorgefertigte Antworten von ihm", berichtet der 19-Jährige. Er bricht den Kontakt zum Trainer ab.

"Eine Form des politischen Extremismus"

Was ist Scientology?

- Religiöse Lehre und Bewegung, die 1953 vom Schriftsteller L. Ron Hubbard in den USA begründet wurde
- Mitgliederzahl unklar: Zehn Millionen nach eigenen Angaben, tatsächlich aber wohl maximal 150.000 weltweit
- These: Mensch durch traumatische Erlebnisse beeinträchtigt, Psycho- und Sozialtechniken ("Auditing", "Clearing") sollen ihn therapieren ("reinigen")
- Kritik: Geldmaschine (Produkte und Therapien überteuert), fragwürdige Gesundheitspraktiken, Mitglieder werden bis ins Intimleben durchleuchtet, Menschenrechte außer Kraft gesetzt, Aussteiger bedroht
- bekannte Unterstützer: Tom Cruise, John Travolta, Juliette Lewis

Die Familie wendet sich an das Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz. "Es ist schon perfide, über ein Stipendium eine vermeintlich große Sportlerkarriere vorzugaukeln, um dann junge Leute zum Hauptsitz nach Clearwater zu locken, sie dort in die Fänge der Scientology-Organisation zu bringen und zu halten. Deshalb ist es ein großes Anliegen von uns, die Öffentlichkeit zu informieren", sagt Sprecher Marco Haase. Scientology sei seit jeher bestrebt, neue Mitglieder zu gewinnen: "Über verschiedene Wege und auch nicht immer offen über das Label Scientology." Der Verfassungsschutz stuft die Organisation als "extremistisch" ein. Haase: "Die Scientology-Organisation ist nicht nur eine gefährliche Sekte, der es um finanzielle und psychische Abhängigkeit und neue Mitglieder geht, sondern sie ist eine Form des politischen Extremismus. In einer scientologischen Gesellschaft wären zentrale Grundwerte, Menschenrechte außer Kraft gesetzt: freie Meinungsäußerung, Recht auf Opposition, freie Entfaltung der Persönlichkeit, Recht auf Menschenwürde."

Vier weitere Huskies-Spieler angefragt

Nach NDR Informationen hat Chinchar zu mindestens 100 deutschen Footballern über soziale Medien Kontakt aufgenommen. Bei den Huskies wurden neben Jan Wawrzosek vier weitere Spieler angefragt. Auch Yeslord Awuah und sein Bruder Hiswill: "Ich habe eine Nachricht auf Facebook bekommen, genau wie mein Bruder. Die haben gesagt, 'Wir haben gesehen, du spielst Football'. Die wollten meine Videos sehen, meine Highlight-Tapes", berichtet Yeslord Awuah. Sein Bruder ergänzt: "Als sie von Amerika sprachen, habe ich mich riesig gefreut. Jeder will ja nach Amerika, das ist ein Traum. Als ich dann aufgeklärt wurde, war ich geschockt, dass ich mit so etwas in Kontakt war."

Young-Huskies-Trainer Sebastian Schulz weiß diese Highschool nun einzuordnen und ist gewarnt: "Sportlich gesehen ist das was Richtiges. Aber dass man in eine Scietology-Hochburg gesperrt wird, um dort Sport zu treiben und im nächsten Zuge dann wahrscheinlich eine Gehirnwäsche verpasst bekommt, ist natürlich die andere Seite. Das funktioniert nicht miteinander", so der Coach.

Andere Spieler warnen

Nach NDR Informationen spielen mindestens zwei Deutsche aktuell im Team der Clearwater Academy. Weder die beiden Deutschen noch Jesse Chinchar antworteten auf Interviewanfragen des NDR. "Ich bin traurig und wütend", sagt Jan Wawrzosek. Seine Zukunft und die der anderen Huskies-Spieler liegt nun vorerst in Deutschland. Sie wollen andere Sportler warnen: Guckt genau hin, wenn Anfragen aus dem Ausland kommen.

Tobias Nill

"Hörte sich komisch und unseriös an"

Bei den Hamburg Young Huskies wurden neben Jan Wawrzosek vier weitere Spieler von der Clearwater Academy International angefragt. Das sagen sie und ihr Trainer Sebastian Schulz dazu:

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