Stand: 23.03.2016 10:17 Uhr

VT Hamburg: Nur noch ein Fünkchen Hoffnung

von Christian Görtzen, NDR.de
Elizabeth Field (l.) und Denise Imoudu müssen sich wohl neue Clubs suchen. Der VT Hamburg steht unmittelbar vor dem Aus.

Es ging noch einmal zum Stamm-Griechen im Hamburger Stadtteil Neugraben-Fischbek. Bei Moussaka, Gyros, Schafskäse und Oliven ließ das gesamte Team des Frauen-Volleyball-Bundesligisten VT Hamburg die gerade beendete Saison Revue passieren. Als überwiegend positiv wird diese in sportlicher Hinsicht bewertet - trotz des Ausscheidens in den Vor-Play-offs gegen den Angstgegner Köpenicker SC. Über die guten, alten Zeiten wurde an dem Abend sehr gern gesprochen. Es wurde ein wenig geschwelgt; die Stimmung war gut. Sie verdüsterte sich jedoch, als es um die Zukunft des Vereins ging. Da gab es keine Fröhlichkeit mehr. Bis zum 31. März muss der Club von der Süderelbe noch irgendwie 370.000 Euro zusammenkratzen, wenn es in der Bundesliga weitergehen soll. Auch die "Ausfahrt" Zweite Liga wäre kostspielig für den schlingernden Verein, der durch den weit im Voraus angekündigten Ausstieg des Hauptsponsors und Namensgebers zum Ende der aktuellen Saison in die Bredouille geraten war.

Kapitänin Muijlwijk plant Karriere-Ende

"Es war ganz nett, mit den Mädels noch einmal an einem Tisch zu sitzen und zu quatschen. Es war wohl das letzte Mal", sagt VT-Kapitänin Karine Muijlwijk mit einiger Wehmut. Große Hoffnung auf eine Zukunft bei ihrem derzeitigen Verein macht sich die Niederländerin nicht mehr. "Ich höre dann wahrscheinlich auf mit Profi-Volleyball. In Hamburg werde ich bleiben, hier arbeitet ja auch mein Freund. Vielleicht kann ich noch irgendwo in erreichbarer Nähe auf Zweitliga-Niveau spielen. Und dann werde ich vielleicht in Hamburg in einem Laden für vegane Ernährung arbeiten oder vielleicht selbst einen aufmachen", sagt die 28-Jährige. Nach dem letzten gemeinsamen Abend ist das Team in alle Richtungen auseinander gegangen. "Im Moment sind alle weg. Unsere Amerikanerinnen haben ihre Abreisetermine", merkt VT-Präsident Horst Lüders an. Er spricht von - "im Moment". Da soll noch Spielraum für Hoffnung bleiben. Diese aber wird immer geringer. Denn der Countdown tickt - es sind weniger als zehn Tage bis zum Tag der Entscheidung.

Der Kader des VT Hamburg

Noch immer fehlen 370.000 Euro

Für einen kleinen Hoffnungsschimmer hatte zuletzt das Engagement der Alexander-Otto-Stiftung gesorgt, die mit einem "Hebelprinzip" zur Rettung des Profiteams beitragen wollte. Es soll wie folgt funktionieren: Die Stiftung stellt 100.000 Euro in Aussicht. Diese fließen, wenn weitere Sponsoren gefunden werden, die dazu beitragen, dass der angestrebte Saisonetat von 600.000 Euro gedeckt wird. Nur mit einem solchen Budget sei nach Ansicht der VT-Verantwortlichen die Möglichkeit dafür gegeben, ein einigermaßen konkurrenzfähiges Team für die kommende Bundesliga-Saison zusammenzustellen.

Der Erfolg der Stiftungsinitiative ist dennoch recht überschaubar. Zwei Unternehmen traten in den vergangenen Wochen dem Sponsorenpool bei. "30.000 Euro hat uns das gebracht", sagt Volker Stuhrmann, der neben Lüders gleichberechtigter Präsident des Vereins ist. "Stand jetzt sind wir bei 230.000 Euro, da sind die 100.000 Euro von der Alexander-Otto-Sportstiftung schon mit einkalkuliert. 370.000 Euro fehlen uns also noch - und es sind nur noch ein paar Tage", sagt Stuhrmann. Es sei zermürbend zu erkennen, wie das Engagement kaum Früchte trage, die Tage dahin gingen und die Hoffnung abnehme, räumt Stuhrmann ein.

Stuhrmann: "Ich habe keine Idee mehr"

Bild vergrößern
Präsident Volker Stuhrmann hofft noch auf die Rettung des VT.

"Ich bleibe aber bis zum letzten Tag aktiv und resigniere nicht. Ich habe bis zum 1. April die Hoffnung", sagt der 67-Jährige kämpferisch. Er habe so vieles versucht in den vergangenen Wochen und Monaten, beteuert Stuhrmann. "Ich war auf 26 Veranstaltungen, um Unterstützer zu finden. Nun habe ich wirklich keine Idee mehr, was man noch machen kann." Er und Lüders haben auf Sponsoren aus der Wirtschaft gesetzt. Über eine Crowdfunding-Aktion wurde kurz nachgedacht, der Gedanke aber nicht weiter verfolgt. Nun ist die Zeit zu knapp, um womöglich eine Solidaraktion in Hamburg ins Leben zu rufen, wonach Sportfans, Vereine oder Unternehmen einen Kleinbetrag ihrer Wahl für die Rettung des Teams spenden.

Zukunft wohl in der Regionalliga

Auch der Etat für eine Saison in der Zweiten Liga ist bei Weitem nicht gedeckt. Stuhrmann: "Da fehlen uns zurzeit etwa 120.000 Euro. Die Zweite Liga ergibt nur einen Sinn, wenn man oben mitspielen kann - in der  Hoffnung, irgendwann in die Bundesliga zurückkehren zu können." Und so wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit keine drei Monate nach dem Aus für den Handball-Bundesligisten HSV Hamburg ein weiterer Profiverein der zweitgrößten deutschen Stadt - noch dazu einer mit großer Tradition - von der Bildfläche verschwinden. Beim VT Hamburg sieht es für das erste Team nach einer Zukunft in der Regionalliga aus. "Wir haben sicherlich nicht alles richtig gemacht, aber wir haben nach Kräften alles versucht, um es möglich zu machen", sagt Lüders.

Sportstadt Hamburg: Traum oder Wirklichkeit?

Olympia 2024 sollte Hamburgs Sport einen Schub geben. Doch das Aus änderte alles. Während der Senat in Sportstätten investieren will, suchen Clubs und Sportler verzweifelt Sponsoren. mehr

"Kupfergirls": Viele Tränen, kaum noch Hoffnung

Dem VT Hamburg läuft beim Kampf um seine Zukunft die Zeit davon. Noch immer fehlen 400.000 Euro für den Etat. Der Rückzug aus der Volleyball-Bundesliga ist wohl nicht mehr abzuwenden. mehr

VT Hamburg hofft noch auf ein Wunder

Hamburg droht erneut der Verlust eines Profi-Sportteams. Wenige Wochen nach dem Ende für Handball-Erstligist HSV Hamburg steht auch Volleyball-Bundesligist VT Hamburg vor dem finanziellen Aus. mehr