Stand: 19.04.2017 14:30 Uhr

Sabrina Mockenhaupt: "Wieder Bock auf Laufen"

von Andreas Bellinger, NDR.de
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"Laufen ist echt Freude", sagt Sabrina "Mocki" Mockenhaupt.

Der Spaß ist wieder da. Die alten Rezepte wirken noch - Sabrina Mockenhaupt hat wieder "Bock auf Laufen". Den einen oder anderen Zopf musste die inzwischen 36-Jährige, die mit ihrer Konkurrentin Irina Mikitenko über mehr als ein Jahrzehnt die deutsche Langstreckenszene geprägt hat, zwar abschneiden. Aber "Mocki", wie sie sich bisweilen selber nennt, hat sich nach diversen Niederschlägen zurückgekämpft. "Ich wollte einen kompletten Cut in meinem Leben machen", sagte die verhinderte Olympia-Teilnehmerin von Rio dem Hamburg Journal. Vor zwei Wochen startete sie in Hannover und gewann auf der Halbmarathon-Distanz ihren 43. deutschen Meistertitel. In Hamburg, der neuen sportlichen Heimat der Siegerländerin, wird sie am Sonntag natürlich auch dabei sein, dann bei der Premiere des Women's Race.

Neustart in Hamburg

"Ich liebe das Wasser", erzählt Mockenhaupt, die im baden-württembergischen Metzingen wohnt, vor der Kulisse der HafenCity. Sie sei eigentlich "ein Landmensch. Aber in Hamburg kannst du alles in einem haben." Weshalb eine Verbindung mit der Hansestadt über die zwei Vertragsjahre ("Nach der Zeit als Einzelkämpferin will ich einfach mit einem Team am Start sein") hinaus denkbar ist: "Ich könnte mir schon vorstellen, hier zu leben." Der Wankelmut, der mehr als einmal für kurzfristige Wechsel zwischen Bahn und Straße, zwischen Marathon und 10.000 m gesorgt hat, ist immer noch spürbar. Eindeutige Pläne und klare Entscheidungen sind ihre Sache, so scheint es, noch immer nicht.

Schonungslose Analyse

Dabei hat die Verletzung, die sie zunächst im Juni vorigen Jahres die Teilnahme an den Leichtathletik-Europameisterschaften in Amsterdam und schließlich auch Olympia in Rio de Janeiro gekostet hat, ein Nachdenken über ihre Situation in Gang gesetzt. Ein Ermüdungsbruch im Becken, der gerade noch rechtzeitig erkannt und behandelt wurde, hat Mockenhaupt sportlich zwar gebremst, aber die persönliche Neuorientierung befördert. "Ich habe mich hinterfragt, was noch kommen kann und was ich eigentlich will", erzählt die 155 Zentimeter große und 46 Kilogramm leichte Läuferin, die allenthalben als "Lauffloh" bezeichnet wird. Die Analyse war schonungslos und heilsam.

Schluss mit der Lauf-Sucht

"Ich habe mich in den letzten zwei, drei Jahren in eine Art Lauf-Sucht gesteigert. Das war schon fast krankhaft", sagt Mockenhaupt und ihre Lachfältchen sind plötzlich verschwunden. Die "Riesenverletzung" sei so gesehen gar nicht mal schlecht für die Erkenntnis gewesen, dass Laufen noch immer ihr Lebenselixier ist. "Laufen ist echt Freude, Natur genießen, auch wenn es windig ist, seinen Körper spüren, Freiheit, Erholung, Entspannung" - kurzum die Lust am Leben. Ein gewisser Biss gehöre sicherlich dazu, aber vor allem eine gewisse Lockerheit: "Immer, wenn ich etwas wollte, hat es nicht geklappt. Wenn ich es aber habe kommen lassen, mit der Lust am Wettkampf, sind die Dinge einfach passiert."

Gute Gene und ein Donnerwetter

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Mocki läuft und läuft und läuft

03.04.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal

Seit Jahresbeginn ist Hamburg Sabrina Mockenhaupts neue sportliche Heimat. Ein Leben ohne Laufen kann sich die 36-Jährige nicht vorstellen. Video (02:24 min)

Das Talent haben die Eltern ihr in die Wiege gelegt. "Meine Mama Hildegard ist mit der LG Sieg in Hannover 1993 deutsche Mannschaftsmeisterin und beim Hamburg-Marathon mal Dritte geworden. Mein Vater Fred hat eine Marathon-Bestzeit von 2:24 Stunden." Eine Leistung, die sie (2:26:21 Stunden) auch gerne noch knacken würde.  Gedrängt hätten sie ihre Eltern zwar nie, als "Mocki" aber einmal von einer feuchtfröhlichen Party heimkam, hat es laut "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ein ordentliches Donnerwetter gegeben. "Was willst du eigentlich im Leben?" hätten die Eltern gefragt. "Willst du feiern, trinken, rauchen oder etwas erreichen?" Die Standpauke saß - den entscheidenden Schub, aus den guten Genen etwas zu machen, habe aber ihr Klassenlehrer gegeben. "Wenn man Talent hat, dies aber nicht nutzt, ärgert man sich irgendwann", wiederholt Mockenhaupt den Satz, der sie geprägt und auch in der Verletzungspause nicht losgelassen hat. Die Heim-EM im kommenden Jahr in Berlin ist nun ein realistisches Ziel, die anstehende WM-Saison 2017 soll ein Aufbaujahr sein. 

"Mocki-Baby" mit Bestzeit im "Vogelnest"

Ihre erste internationale Medaille gewann die als "größtes deutsches Lauftalent" gelobte Mockenhaupt im Dezember 2005 mit Platz zwei bei der Crosslauf-EM. Aus heutiger Sicht schlug für sie da aber schon Bronze bei der Hallen-EM in Madrid zu Buche - doch erst ein Jahr später wurde die zweitplatzierte Türkin Tezeta Desalegn-Dengersa des Dopings überführt und Mockenhaupt Platz drei über 3.000 Meter zugesprochen. 2007 gewann sie ihr Marathon-Debüt in Köln, wechselte für die Olympischen Spiele 2008 aber wieder auf die 10.000 Meter und schaffte im "Vogelnest" von Peking in persönlicher Bestzeit (31:14,21 Minuten) Platz 13. Mockenhaupt: "Da habe ich mir keinen Druck gemacht - und dann rennt das Mocki-Baby." In Athen 2004 kam sie auf gleicher Distanz als 15., in London 2012 als 17. ins Ziel. Den bis dato letzten Meister-Titel holte sie im April 2016 beim Halbmarathon in Bad Liebenzell.

Mit Spaß Leistung bringen

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Ein besonderer Tag für Sabrina Mockenhaupt: Persönliche Bestzeit bei Olympia in Peking 2008.

"Ich vergleiche mich heute nicht mehr mit dem, was ich im Alter von 25 Jahren mal konnte", sagt die Sportsoldatin im Range eines Hauptfeldwebels. "Ich akzeptiere, dass ich jetzt manchmal drei statt zwei Erholungstage brauche, um mich von einem harten Tempo-Training oder einem Wettkampf zu erholen." Spaß haben und Leistung bringen, sind noch immer die Leitmotive der am Nikolaustag des Jahres 1980 in Siegen geborenen Frohnatur, die ihre lebenslustige und offene Art gern zur Schau stellt. Heulattacken wie einst bei den Welt-Titelkämpfen in Helsinki 2005 gibt es längst nicht mehr. "Ich bin halt nicht ganz normal", nennt sie das - das "Leichtathletik-Magazin" umschreibt es so: "Viel Läuferin und ein bisschen Kasper."

"Dieses Jahr kann ein gutes werden"

Der Saison-Aufgalopp 2017 klappte schon recht ordentlich. Den ersten Härtetest beim Halbmarathon in Berlin beendete sie als Achte - rund dreieinhalb Sekunden hinter der Siegerin. Es folgte der Triumph in Hannover: "Das ist ein ganz besonderer Titel für mich, denn ganz so viele werde ich nicht mehr sammeln", freute sie sich. An ihren bislang ersten Hamburg-Marathon 2015 hat "Mocki" allerdings nicht die besten Erinnerungen. Eine Sprunggelenksverletzung aus dem EM-Jahr zuvor plagte sie. "Im Training hatte ich Probleme beim Abrollen und bei den kleinen Erhebungen in Hamburg, die mir wie Berge vorkamen." Es langte trotzdem zu Platz sechs. Mit der folgenden Operation begann "die Kette an Verletzungen, weil ich immer wieder zu früh angefangen habe". Sie habe daraus gelernt, sagte sie dem NDR Fernsehen. "Jetzt stehe ich am Neuanfang und habe voll Bock auf Laufen. Ich denke, dieses Jahr kann ein gutes werden, wenn ich locker bleibe." Dann soll sogar ein vierter Olympia-Start möglich sein: "Tokio 2020 ist eine Option für mich."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 23.04.2017 | 08:45 Uhr