Stand: 30.07.2017 15:45 Uhr

Rothenbaum: Niedergang oder "Leuchtturm-Event"?

von Andreas Bellinger, NDR.de
Gute Miene zum bösen Spiel? Turnierdirektor Michael Stich zog eine positive Bilanz.

Regen, lahmende Zugpferde und noch immer keine Zusage für die Zukunft des Tennisturniers am Rothenbaum. Sogar Pfiffe gab es - wann hat es das zuletzt gegeben bei den German Open? Selbst die geduldigsten Hamburger Zuschauer begannen mitunter, ihrem Ärger über den schleichenden Niedergang der seit 111 Jahren ausgetragenen Traditionsveranstaltung Luft zu machen. Auch der Zuspruch der Tennisfans stagnierte während der Turnierwoche bei rund 60.000 annähernd auf dem Niveau des Vorjahres. Noch 2013 waren es 75.000 Besucher gewesen. An die Zeiten, als am Rothenbaum die Besten der Besten des weißen Sports um einen Masters-Titel stritten, erinnern nur mehr die Sieger-Porträts in den Katakomben des Stadions an der Hallerstraße. Das Turnier zählt eben nur noch zur zweiten Kategorie der ATP-Turniere.

Stich: "Piffe waren ungerecht"

"Die Pfiffe im Halbfinale gegen Philipp Kohlschreiber waren total ungerecht", sagte Turnierdirektor Michael Stich. "Dass er verletzt war, haben viele erst gar nicht begriffen. Es ging alles so schnell." Trotz aller Unkenrufe zog Stich am Sonntag eine positive Bilanz der mit knapp 1,5 Millionen Euro dotierten Sandplatzveranstaltung. Obwohl die ganz großen Namen fehlten und das Wetter nicht immer mitgespielt habe, sei die Qualität auf dem roten Sand "hochklassig" gewesen. Dass Alexander Zverev es vorgezogen hatte, in den USA statt am Rothenbaum zu spielen, dass Tommy Haas bei seiner Abschiedsvorstellung schon in der ersten Runde "Tschüs" gesagt und Rafael Nadal lieber Urlaub gemacht hatte, als in Hamburg um Platz eins der Weltrangliste zu kämpfen, wollte der 48-Jährige mit keiner Silbe mehr kommentieren.

Vertragsverlängerung hakt gewaltig

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Diplomatie steht derzeit an erster Stelle. Stich und sein Kompagnon Detlef Hammer wollen das Turnier der 500-Kategorie nicht nur im kommenden Jahr ausrichten, sondern "möglichst auch in den fünf bis zehn Jahren danach". Doch die Verlängerung des 2018 auslaufenden Vertrags mit dem Deutschen Tennis Bund (DTB) gestaltet sich mehr und mehr zur Hängepartie. Zwar tagte der Verband in den Tagen des Turniers in der Hansestadt, eine Beschlussfassung ist jedoch frühestens nach den US Open - also Mitte September - angedacht. Es hakt gewaltig ganz offensichtlich an allerlei Stellen - zumal das einst bedeutendste deutsche Tennisturnier nach den Worten von DTB-Vizepräsident Dirk Hordorff das "Leuchtturm-Event" schlechthin in Deutschland sein soll.

Hamburg soll mehr zahlen

Drei Konkurrenten haben dem Verband wie Stich ein Konzept vorgelegt. Sie würden das Turnier gerne übernehmen, vielleicht auch in Hamburg. Knackpunkt Nummer eins bei der Standortfrage dürfte das marode, auf jeden Fall aber sanierungsbedürftige Zeltdach sein. "Wenn wir für das Dach eine Lösung mit der Stadt finden, spricht viel dafür, mit dem Turnier hier zu bleiben", sagte Hordorff. "Dann ist es fast sicher, dass wir in Hamburg bleiben." Es geht ums Geld (Hordorff: "Beim Dach liegt die Wahrheit der Kosten wahrscheinlich zwischen einer und drei Millionen Euro."), aber konkrete Zusagen von Seiten des Senats gibt es bis dato nicht. "Das traditionsreiche Tennisturnier am Rothenbaum passt gut zu Hamburg", mehr war vom Ersten Bürgermeister Olaf Scholz nach seiner Stippvisite nicht zu hören. Der DTB kokettiert deshalb weiter mit einem möglichen Umzug in eine andere Stadt.

"Versperren uns keine Option

Stich hält sich aus all diesen Diskussionen heraus, betont gebetsmühlenartig: "Wir versperren uns keine Option; unser Ziel ist es, hier ein tolles Event zu veranstalten." Allerdings verschweigt der frühere Wimbledonsieger nicht, dass rasche Klarheit über die Zukunft notwendig für die Verhandlungen mit Sponsoren wäre und für die Gespräche mit einem potenziellen Titelsponsor, der seit einigen Jahren gesucht wird. Dass der Club an der Alster die Anlage lieber heute als morgen umgestalten würde, neben einem bundesligatauglichen Hockeyplatz für bis zu 3.000 Zuschauer auch eine Multifunktionsarena für 7.500 Besucher bauen will, sei nicht seine Baustelle. Stich: "In welchem Stadion das Turnier stattfindet, spielt für uns gar keine Rolle." Zu Gesprächen sei er selbstverständlich jederzeit bereit: "Wenn man mich fragt, helfe ich sehr gerne."

"Auf Sand oder Kuhmist ist egal"

"Das Stadion mit Dach ist ein Alleinstellungsmerkmal von Hamburg im Wettbewerb mit anderen Städten. Damit ist es egal, ob es regnet oder schneit", sagte Hordorff. Solange sich die Stadt am Turnier und am Stadion aber nur mit geschätzten 100.000 Euro beteiligt, dürfte das kein Argument für den Fortbestand am Rothenbaum sein. Dabei spielt der Belag nach Stichs Auffassung nicht die entscheidende Rolle dafür, dass die Topspieler einen weiten Bogen um den Rothenbaum machen. Natürlich wäre ein Sandplatzturnier vor den French Open Ende Mai günstiger. "Aber in dieser Woche sind weltweit überhaupt nur drei Top-20-Spieler aktiv", sagte Stich. "Ob wir auf Sand, auf Rasen, auf Hartplatz oder auf Kuhmist spielen, ist egal." Ein Nadal als Highlight wäre natürlich prima, aber eine Garantie für besondere Leistungen sei das auch nicht. Überhaupt zog Stich ein sportlich sehr gutes Fazit. "Vor allem die Youngster wie der 16-jährige Rudolf Molleker oder Daniel Altmaier haben eine starke Leistung gezeigt, auch wenn sie in der ersten Runde ausgeschieden sind."

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