Stand: 20.09.2013 12:55 Uhr

Ditmar Jakobs: Gefangen am Karabinerhaken

von Hanno Bode, NDR.de

Es war der schrecklichste Unfall der Bundesliga-Geschichte: Am 20. September 1989 bohrt sich ein Karabinerhaken in den Rücken von HSV-Verteidiger Ditmar Jakobs. Sein 493. Bundesliga-Einsatz ist der letzte, Jakobs muss seine Karriere beenden.

Ditmar Jakobs liegt nach der Rettungstat im Tor. Carsten Kober (l.) ruft Hilfe herbei.

Es ist ein ungemütlicher Abend im Volksparkstadion. Windböen peitschen durchs weite Rund der Arena. Nur 14.000 Zuschauer wollen am 20. September 1989 das Nordderby zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen vor Ort verfolgen. Beide Mannschaften sind schwach in die Saison der Fußball-Bundesliga gestartet, stehen unter Zugzwang. Die Gäste kommen zunächst besser mit der Drucksituation zurecht. In der Anfangsphase bestimmt das Team von Trainer Otto Rehhagel das Geschehen. 14 Minuten sind absolviert, als Angreifer Wynton Rufer nach einem kapitalen Fehlpass des HSV auf die Reise geschickt wird. Der Neuseeländer taucht frei vor Richard Golz auf, überlupft den baumlangen Schlussmann gefühlvoll. Der Keeper ist geschlagen, kann nur zusehen, wie der Ball in Richtung des Tors trudelt. Dann aber kommt Innenverteidiger Ditmar Jakobs angesprintet. In letzter Sekunde schlägt der 36-Jährige das runde Leder von der Linie, rutscht anschließend jedoch ungebremst ins Gehäuse. Der HSV-Anhang bejubelt die akrobatische Abwehraktion frenetisch. Nichtsahnend, dass für den Routinier die schlimmsten Minuten seines Lebens beginnen.

Hermann Rieger © NDR

Rieger: "Wir haben alle einen Schock gehabt"

Sportclub -

Hermann Rieger war dabei, als Ditmar Jakobs 1989 am Karabinerhaken festhing. "Wir mussten ihn förmlich im Tor operieren", schildert der HSV-Kultmasseur dem Sportclub.

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"Ich fühlte das Tornetz und kaltes Metall"

Jakobs liegt im Tor, er hat sich im Netz verfangen. Der Abwehrspieler versucht zunächst selbst, sich zu befreien. Es misslingt. "Ich hing irgendwo fest, tastete mein Rücken ab und fühlte das Tornetz, aber auch kaltes Metall", erinnert sich der Verteidiger. Hektik bricht aus. Mannschaftskameraden und die ärztliche Abteilung eilen zu Jakobs. Die Zuschauer verfolgen gebannt und erschreckt das Geschehen. Es herrscht eine gespenstische Stille im Stadion. Jakobs ist sich der Schwere des Unfalls vorerst nicht bewusst. Dann erklärt ihm Teamarzt Dr. Gerold Schwarz, dass er an einem Karabinerhaken hängt. "Unter Schock spürte ich noch keinen Schmerz", erzählt das HSV-Idol.

Befreiung nach 21 endlosen Minuten

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Schreckensminuten: HSV-Verteidiger Ditmar Jakobs liegt schwer verletzt im Tor.

Die Minuten verrinnen, ohne dass Jakobs geholfen werden kann. Der Haken hat sich zu tief in sein Fleisch gebohrt. Noch bleibt der 20-malige Nationalspieler den Umständen entsprechend ruhig. "Ich war nie panisch, konnte alles bewegen." Doch als er mitbekommt, dass der Haken mit einer Flex-Maschine durchtrennt werden soll, wird der 36-Jährige unruhig: "Ich hatte ein synthetisches Trikot an und Angst, dass es Feuer fangen könnte." Jakobs bittet Mannschaftsarzt Schwarz, ihm mit einem Skalpell herauszuschneiden. Das gelingt schließlich. Nach 21 Minuten ist der Verteidiger befreit, wird mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus transportiert. Die Partie wird trotz des dramatischen Zwischenfalls wieder angepfiffen. Der HSV gewinnt durch Treffer von Armin Eck, Holger Ballwanz, Thomas von Heesen und Jörg Bode mit 4:0. In die Annalen geht die Begegnung jedoch nicht wegen des Ergebnisses, sondern des wohl schrecklichsten Unfalls der Bundesliga-Geschichte ein.

Comebackversuch misslingt

Für Jakobs war sein 493. Erstliga-Einsatz auch sein letzter. Der Abwehrspieler arbeitet zwar noch einmal an einem Comeback. Doch motorische Störungen und permanente Schmerzen hindern ihn an einer Fortsetzung seiner Laufbahn. Bei Untersuchungen stellt sich heraus, dass mehrere Dornfortsätze der Wirbel abgeschlagen und wichtige Nerven durchtrennt wurden. Eine vollständige Regeneration der Nevenbahnen hat sich nicht eingestellt. Der Schmerz ist Jakobs' täglicher Begleiter. "Ich habe gelernt, damit zu leben", sagt er.

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